Israel

Angst vor einem neuen Krieg

Israelische Soldaten löschen ein Feuer auf einem Feld in Nahal Oz. Foto: Flash 90

Es ist heiß in Israel. Die Strände sind voller Menschen, die Sommerferien haben begonnen. In den Gemeinden im Süden entlang des Gazastreifens allerdings können sich die wenigsten entspannen, während die Raketen fliegen, Felder und Wälder ringsum brennen. Die Auseinandersetzung mit der Hamas eskaliert zusehends. Trotz eines Waffenstillstands zwischen Jerusalem und Gaza sprechen viele von einem bevorstehenden Krieg.

In den vergangenen Tagen sind mehr als 200 Raketen auf die Gemeinden in Grenznähe abgeschossen worden. Dutzende konnte von den Abfangsystemen der IDF zerstört werden, der Großteil landete in offenem Gebiet und richtete keinen Schaden an. Doch andauernd schrillten die Sirenen, mussten die Bewohner in die Sicherheitsräume laufen und dort oft für mehrere Stunden bleiben.

Eine vierköpfige Familie erlitt am Samstag durch einen Raketeneinschlag in ihrem Garten leichte bis mittelschwere Verletzungen, als Schrapnelle und zerborstenes Glas in das Wohnzimmer flogen. Ein anderes Geschoss landete vor einer Synagoge. Verletzt wurde dabei niemand. Die IDF reagierte mit heftigen Bombardements in dem Palästinensergebiet, es gab nach Angaben der dortigen Behörden zwei Tote und mehrere Verletzte.

Omen »Die Fußball-WM ist vorbei, jetzt kann gekämpft werden«, sagen manche Israelis angesichts dieser Nachrichten sarkastisch. Andere erschrecken über die Parallelen zu 2014 und fragen sich, ob eine WM tatsächlich ein böses Omen sein könnte. Damals, fast auf den Tag genau vor vier Jahren, lieferten sich Israel und die Hamas einen 51 Tage andauernden blutigen Krieg, während Deutschland seine Weltmeisterschaft feierte.

Am Montag besuchte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zum ersten Mal in den drei Monaten seit Beginn der jüngsten Auseinandersetzungen im Grenzgebiet die südlichen Gemeinden. Er traf sich mit Lokalpolitikern, Anwohnern und Vertretern der dort stationierten Armee. »Wir sind entschlossen zu gewinnen. Es wird einen Schlagabtausch geben«, sagte Netanjahu bei einem Treffen mit dem Bürgermeister der Stadt Sderot, Alon Davidi, und den Chefs der Regionalräte der Region.

»Wir befinden uns in einem Kampf, der eine Weile andauert. So wie wir dabei sind, die Gefahr der Terrortunnel zu beseitigen, wie wir es geschafft haben, die Massenproteste am Zaun zu beenden, so haben wir auch die Armee angewiesen, den Terror der brennenden Drachen und Ballons zu stoppen.« Er sei stolz auf die Standhaftigkeit der Bewohner dieser Orte, fügte er noch hinzu, und sei sicher, dass man es mit gemeinsamer Anstrengung schaffen werde.

Drachen Das Sicherheitskabinett instruierte die Armee anschließend, die Reaktionen auf brennende Drachen oder Ballons aus dem Gazastreifen zu intensivieren. Die sorgen in der extrem trockenen Jahreszeit nicht selten binnen kürzester Zeit für Flächenbrände und richten Schäden in Millionenhöhe an.
Zuvor war es genau darüber in einer Kabinettssitzung zu einer Auseinandersetzung zwischen Bildungsminister Naftali Bennett und Stabschef Gadi Eizenkot gekommen.

Bennett forderte wiederholt, dass die Armee auf jene, die Drachen und Ballons schicken, direkt zielen solle. Eizenkot fragte den Minister, ob er es für gerechtfertigt hält, Kinder zu verletzen. Bennett antwortete zwar mit einem Nein, fügte jedoch hinzu, dass man schießen solle, wenn klar sei, dass es sich um Erwachsene handelt. »Aus der Luft Raketen auf Gruppen abzuwerfen, die Drachen und Ballons schicken, entspricht nicht dem Verhalten der Armee«, meinte Eizenkot und beendete damit die Diskussion. Am Sonntag gab es Berichte über Palästinenser an der Grenze, die von israelischem Militär verletzt wurden.

Zur selben Zeit wurden Raketenabwehrstationen des Systems »Iron Dome« im Zentrum des Landes nahe Tel Aviv statio­niert und eine erhöhte Zahl von Reservisten für die Luftabwehr einberufen. All das, um der Hamas zu signalisieren, dass Israel keine Angst vor einer militärischen Auseinandersetzung hat und gewappnet sei, meinen Experten. Die IDF erklärte, man sei gut darauf vorbereitet, die Bevölkerung zu verteidigen, und stelle sich auf eine Vielzahl von Szenarien ein.

Dennoch setze Jerusalem auf Deeskalation, lautete die offizielle Botschaft. Direkte Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas gibt es nicht, doch nach wie vor setzt sich Ägypten mithilfe des Sondergesandten der EU für die Region, Nikolaj Mladenow, für einen Waffenstillstand ein. Israelische Offizielle sind in Kontakt mit den Diplomaten in Kairo. Eigentlich war eine Feuerpause schon am vergangenen Samstagabend in Kraft getreten. Allerdings hauptsächlich auf dem Papier.

Israel verlangt ein sofortiges Ende der Bedrohung durch Raketen, Mörsergranaten und mit Brennstoff beladene Drachen und Ballons. Die Hamas beharrt darauf, dass Letztere ein legitimes Mittel des Protests gegen die Besatzungsmacht seien. Zudem könne sie diese gar nicht kontrollieren, will sie glauben machen.

Lieferungen Dennoch soll die Hamas angeblich signalisieren, dass sie ein Ende der Kämpfe wünscht. Doch israelische Politiker, allen voran Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, machten deutlich: »Ohne ein Ende der Feuer gibt es keinen Waffenstillstand.« In den vergangenen Tagen ist die Anzahl neuer Brände nach Angaben der Sicherheitskräfte zurückgegangen.

Um den Druck auf die Terrororganisation zu erhöhen, hat Israel in den vergangenen Tagen die Lieferungen nach Gaza eingeschränkt und hatte für Dienstag die Schließung des Grenzübergangs Keren Schalom angekündigt. Man werde weiterhin Lebensmittel und Medizin liefern, jedoch keine Kraftstoffe, hieß es aus Jerusalem. Außerdem wurde die Fischereizone, die erst vor Kurzem erweitert worden war, wieder eingeschränkt. Gleichzeitig hatte Kairo ohne Erklärung den Rafach-Übergang zwischen Ägypten und Gaza gesperrt.

Hamas-Sprecher Fawzi Barhoum sagte daraufhin, dass Israel damit »die Menschen in Gaza um das Allernötigste« bringe. Das sei eine Menschenrechtsverletzung und werde »gefährliche Konsequenzen« haben. Auch die Europäische Union kritisierte Israel, da die Maßnahmen die ohnehin angespannte Situation in Gaza noch weiter verschlimmern könnten.

Dass die humanitäre Situation in der Enklave dringend verbessert werden muss, darüber sind sich die meisten Politiker und die Armee in Israel einig. Wie dies erreicht werden soll, darüber gehen die Meinungen allerdings weit auseinander. Die Freilassung der beiden im Gazastreifen festgehaltenen israelischen Geiseln sowie die Herausgabe der Leichen von zwei Soldaten sind für viele eine Voraussetzung, die nicht verhandelbar ist. Und bislang ist in dieser Hinsicht nichts geschehen.

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