Überlebende, Angehörige Ermordeter und Familien ehemaliger Geiseln wollen am kommenden Dienstag vor Wahllokalen in ganz Israel an die Opfer des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023 erinnern. Mit Plakaten und persönlichen Botschaften möchten sie die Wähler dazu bewegen, bei ihrer Entscheidung für die nächste Knesset auch an die Ermordeten, Verschleppten und im anschließenden Krieg gefallenen Soldaten zu denken. Die Initiative sei überparteilich und spreche keine Wahlempfehlung aus, betonen die Beteiligten laut einem Bericht der »Times of Israel«.
Zu den Teilnehmern gehört Jochewed Lifschitz, die zusammen mit ihrem Mann Oded nach Gaza verschleppt worden war. Während sie freikam, wurde ihr Mann in der Gefangenschaft ermordet. Auf ihrem Plakat steht: »Mein Mann wurde in Gefangenschaft ermordet. Denkt an ihn in der Wahlkabine!«
Auch Yona Adam will sich beteiligen. Ihre Tochter Mapal wurde beim Nova-Musikfestival ermordet. Hadas Kalderon verlor ihre Mutter Carmela Dan und ihre Nichte Noya, die im Kibbuz Nir Oz getötet wurden. Ihr früherer Mann Ofer sowie ihre Kinder Sahar und Erez wurden nach Gaza verschleppt und später freigelassen.
Vorwürfe gegen Netanjahu
Weitere Teilnehmer sind Noam Peri, deren Vater Chaim in den Gazastreifen entführt und dort ermordet wurde, sowie Gil Dickmann. Seine Cousine Carmel Gat wurde ebenfalls als Geisel verschleppt und in der Gefangenschaft getötet. Michel Illouz verlor seinen Sohn Guy, der nach seiner Entführung ebenfalls nicht lebend zurückkehrte.
Die Aktion findet vor dem Hintergrund wachsender Kritik an der politischen Verwendung der Schicksale der Geiseln statt. Erst vor wenigen Tagen hatten Angehörige von 17 in Gaza getöteten Geiseln Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und dessen Likud-Partei vorgeworfen, ihre verstorbenen Familienmitglieder für Wahlkampfzwecke zu instrumentalisieren. Sie forderten die Regierung auf, nicht länger den Eindruck zu erwecken, sämtliche Geiseln seien lebend nach Israel zurückgekehrt. Zu den Unterzeichnern gehörten auch Angehörige von Oded Lifschitz, Chaim Peri, Guy Illouz und Carmel Gat.
Zusätzliche Aufmerksamkeit erregten Plakate mit den Bildern von sechs Geiseln, die im August 2024 in Rafah ermordet worden waren. Eines davon wurde am Dienstag an der Ayalon-Autobahn in Tel Aviv aufgestellt.
Offener Brief
In einem offenen Brief an Netanjahu formulierten die Angehörigen ihre Forderung unmissverständlich: »Wenn Sie auch nur einen Funken Menschlichkeit besitzen, hören Sie auf, unsere Angehörigen für Wahlkampfpropaganda zu benutzen.« Der Brief wurde eine Woche vor der Parlamentswahl veröffentlicht.
Netanjahu hat wiederholt für sich in Anspruch genommen, die Rückkehr sämtlicher am 7. Oktober und zuvor nach Gaza verschleppter Geiseln erreicht zu haben. Dass 46 Menschen, die lebend entführt worden waren, später in Särgen nach Israel zurückgebracht wurden, sei bei diesen Darstellungen unerwähnt geblieben, so der Vorwurf.
Der Angriff der Hamas und weiterer Terroristen am 7. Oktober 2023 forderte im Süden Israels rund 1200 Todesopfer. 251 Menschen wurden in den Gazastreifen verschleppt. Besonders schwer getroffen wurden die Kibbuzim nahe der Grenze sowie das Gelände des Nova-Musikfestivals.
7,33 Millionen Wahlberechtigte
Am 27. Oktober sind rund 7,33 Millionen Israelis wahlberechtigt. Insgesamt 37 Parteien treten an, um Sitze im 120 Mitglieder zählenden Parlament zu gewinnen.
Eine am Donnerstag veröffentlichte Umfrage des Nachrichtenportals Zman Yisrael sah die Partei von Gadi Eizenkot mit 23 Mandaten vor dem Likud, der auf 21 Sitze kam. Demnach dürfte jedoch weder das Lager der Netanjahu-Unterstützer noch das wichtigste Oppositionslager die für eine Mehrheit erforderlichen 61 Sitze erreichen. im