Iran

Anatomie eines Konflikts

Explosionen in Teheran: Am Samstagmorgen begann der Präventivschlag Israels und der USA gegen das islamistische Regime im Iran. Foto: picture alliance / abaca

In Nahost tobt eine militärische Auseinandersetzung, die nicht nur Israels Sicherheitsdoktrin grundlegend verändern könnte – sondern das Gefüge der gesamten Region. Am Samstagmorgen starteten Israel und die Vereinigten Staaten einen groß angelegten koordinierten Schlag gegen Ziele der Islamischen Republik. Innerhalb weniger Stunden wurde aus einer jahrzehntelang schwelenden Schattenkonfrontation ein offener Krieg mit möglichen Folgen für die ganze Welt.

Nach Darstellung der israelischen Regierung war der Angriff das Ergebnis monatelanger Geheimdienstbewertungen. Premierminister Benjamin Netanjahu begründete den Schlag in einer Fernsehansprache mit deutlichen Worten: »Wir haben gehandelt, weil die Gefahr real und unmittelbar war. Hätten wir jetzt nicht eingegriffen, hätte das iranische Regime die Fähigkeit erlangt, unsere Existenz zu bedrohen. Israel wird niemals zulassen, dass seine Feinde Waffen besitzen, die unsere Zukunft auslöschen können.«

Auch in Washington wurde der Einsatz als notwendige Prävention begründet. US-Präsident Donald Trump sprach von einem Schritt gegen ein Regime, das seit Jahrzehnten Instabilität exportiere und unmittelbar amerikanische sowie israelische Interessen bedrohe.

Eine historische Zäsur

Nach Einschätzung von Amos Yadlin, ehemaliger Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, stellt die Konfrontation eine historische Zäsur dar. Er spricht von einer herausragenden militärischen und geheimdienstlichen Zusammenarbeit beiden Länder: »Diese Kooperation, diese Intensität, vor allem bei der Geheimdienstarbeit, hat es so noch nicht gegeben.« Über die exakte operative Abstimmung schweigen beide Regierungen. Yadlin geht jedoch davon aus, dass sich die USA vermutlich auf Nuklearanlagen konzentrieren, während Israel vor allem ballistische Raketenprogramme, Abschussstellungen sowie Führungsstrukturen angreift.

Schon das Ausmaß der ersten Angriffe markiert eine neue Dimension israelischer Kriegsführung: »Dies ist der größte Militärflug in der Geschichte unserer Luftwaffe, der nach präziser Planung und auf Grundlage hochwertiger nachrichtendienstlicher Informationen durchgeführt wurde und bei dem Hunderte von Kampfflugzeugen gleichzeitig im Einsatz waren«, erklärte die israelische Armee (IDF)am Montag.

Innerhalb weniger Stunden haben die Jets nach Angaben des Militärs etwa 500 Ziele im Iran gleichzeitig angegriffen. Hunderte Präzisionsgeschosse trafen Flugabwehrsysteme, Raketenstellungen und militärische Kommandozentralen in West- und Zentraliran. Ziel sei es zunächst gewesen, »die iranische Luftverteidigung zu durchbrechen und damit operative Freiheit über iranischem Territorium zu gewinnen«. Ein bedeutender Angriff galt einer Anlage nahe Täbris, von der aus der Abschuss von Boden-Boden-Raketen auf israelische Städte vorbereitet worden sein soll. Nach Angaben der IDF konnten damit zahlreiche geplante Angriffe vereitelt werden.

Seit Kriegsbeginn seien bis Redaktionsschluss mehr als 2000 Ziele im Iran angegriffen worden, darunter auch Stützpunkte der iranischen Marine am Persischen Golf sowie Einrichtungen der militärischen Führung. Es sei eine »erhebliche Schwächung der offensiven Fähigkeiten des Regimes«, resümiert die IDF. Parallel mobilisierte Israel mehr als 110.000 Reservisten im Land.

Dies sei der größte Militärflug in der Geschichte unserer Luftwaffe, so die IDF.

Iranische Behörden sprechen von mehr als 550 Todesopfern infolge der Bombardierungen durch Israel und die USA. Die Zahlen lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Die Schläge trafen nicht nur Infrastruktur, sondern auch die politische Spitze des Iran. Irans Oberster Führer Ali Chamenei sowie mehrere hochrangige Militärkommandeure wurden bei Angriffen getötet, der Ajatollah bereits am ersten Tag des Krieges. Damit verlor die Islamische Republik ihre zentrale Autoritätsfigur.

Chameneis Tötung gilt bereits jetzt als einer der spektakulärsten Geheimdienstschläge in der Geschichte des Nahen Ostens. Israelischen Sicherheitskreisen zufolge ist es den Nachrichtendiensten gelungen, über Wochen hinweg Bewegungsmuster auszuwerten, indem unter anderem zivile Überwachungssysteme infiltriert wurden. Cyber-Spezialeinheiten hätten sich Zugriff auf städtische Verkehrskameras und digitale Kontrollsysteme in Teheran verschafft, wodurch Konvois und kurzfristige Ortswechsel Chameneis nahezu in Echtzeit verfolgt werden konnten. Als Chamenei in ein als sicher geltendes Gebäude wechseln sollte, hätten israelische Analysten ein seltenes Zeitfenster ohne schwere Luftabwehrabschirmung identifiziert. Kurz darauf habe ein präziser Luftschlag das Gelände getroffen. Offiziell äußert sich Israel nicht zu den Details der Operation, doch Militärbeobachter gehen davon aus, dass die Kombination aus Cyberaufklärung, künstlicher Intelligenz und klassischer Luftwaffe den Ausschlag gegeben habe. Am Mittwochmorgen wurde bekannt, dass Chameneis Sohn Modschtaba die Nachfolge seines Vaters antreten soll.

Elf Tote

In Israel bestimmen seit Samstagmorgen Sirenen den Alltag, denn die iranische Reaktion folgte schnell. Dutzende Wellen ballistischer Geschosse wurden bislang auf Israel abgefeuert. Zusätzlich kamen Kampfdrohnen zum Einsatz, offenbar mit dem Ziel, die israelische Raketenabwehr zu überlasten. Millionen Menschen müssen rund um die Uhr unzählige Male in die Schutzräume hasten. Bisher kamen elf Menschen ums Leben, Dutzende wurden verletzt, mehrere Häuser wurden beschädigt oder vollständig zerstört.

Wie bereits im Zwölf-Tage-Krieg im vergangenen Juni setzt der Iran wieder Streumunition gegen Israels Zivilbevölkerung ein, bestätigen offizielle Stellen. Der Sprengkopf dieser Raketen spaltet sich in sieben Kilometern Höhe auf und setzt kleinere Bomben in einem Radius von acht Kilometern frei. Am Dienstag wurden zwei auf das dicht besiedelte Zentrum abgefeuert. Menschen in einem großen Umkreis wurden verletzt, Gebäude beschädigt.

Wieder setzt der Iran Streumunition gegen Israels Zivilbevölkerung ein.

Eine der großen Unbekannten in diesem Krieg war von Beginn an die Rolle der Hisbollah im Libanon. Die vom Iran unterstützte Miliz feuerte erstmals seit der Waffenruhe von November 2024 wieder Raketen auf Israel – offiziell als Vergeltung für die Tötung Chameneis. Israel reagierte mit Angriffen auf Waffenlager und Infrastruktur der Organisation, auch im Raum Beirut. Rund 30 Menschen seien dabei nach libanesischen Angaben getötet worden. Die IDF forderte Bewohner mehrerer grenznaher Gebiete zur Evakuierung auf und warnte vor bevorstehenden militärischen Operationen gegen Hisbollah-Stellungen. Am Dienstag wurden israelische Truppen in den Süden Libanons entsendet, »als Teil einer verstärkten Vorwärtsverteidigungsstrategie«, so die IDF.

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Bemerkenswert ist die politische Reaktion in Beirut: Die libanesische Regierung erklärte öffentlich, militärische Aktivitäten der Hisbollah, die das Land in einen umfassenden Krieg hineinziehen könnten, seien nicht im nationalen Interesse, und verbot sie offiziell. Zu groß ist die Angst vor einem erneuten zerstörerischen Konflikt, dessen wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen das ohnehin schwer angeschlagene Land kaum verkraften könnte.

Angriffe auf Golfstaaten

Doch der Krieg beschränkt sich nicht auf die genannten Länder. Seit dem ersten Tag greift der Iran auch Ziele in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar, Bahrain, Jordanien, Saudi-Arabien und Kuwait mit Raketen und Drohnen an. Vor allem US-Militärbasen, doch nicht ausschließlich; auch Flughäfen, Hotels und Wohngebäude wurden beschädigt. Für die Golfstaaten bedeutet dies eine strategische Zäsur: Länder, die bisher Stabilität signalisieren wollten, werden plötzlich selbst zum Kriegsschauplatz. Gleichzeitig wächst die Sorge um Energieanlagen, insbesondere in Saudi-Arabien, wo ein Drohnenangriff bereits eine Ölanlage in Brand setzte.

Die Iran-Expertin Sima Shine bewertet dies als »außergewöhnlich und völlig unvorhersehbar«. Über Jahre habe Teheran versucht, die Beziehungen vor allem zu den Golfstaaten zu verbessern. Die Botschaft aus Teheran sei eindeutig: »Wir kämpfen ums Überleben, und daher ist jedes Mittel legitim und jedes Ziel in unserem Visier.«
Auch Zypern wurde unerwartet in den Krieg hineingezogen, als es aus dem Iran mit Raketen und Drohnen beschossen wurde. Weil sich dort britische Stützpunkte befinden, aber auch weil der EU-Mitgliedstaat im östlichen Mittelmeer ein strategischer Beobachtungspunkt ist.

Gleichzeitig wächst in der Europäischen Union die Sorge vor einer Ausweitung des Konflikts. Deutschland betont Israels Recht auf Selbstverteidigung und diskutiert mögliche Beiträge zur Sicherung internationaler Handelswege oder zur Luftverteidigung im Falle einer weiteren Eskalation. Bei seinem Besuch in Washington sagte Kanzler Friedrich Merz zu Trump: »Wir sind uns einig, dass dieses schreckliche Regime in Teheran beseitigt werden muss«.

Ein Fünftel des weltweiten Rohöls wird über die Straße von Hormus transportiert

Weltweit gilt besondere Aufmerksamkeit der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Handelsstraßen der Welt. Iran droht mit einer Blockade durch Seeminen, während westliche Kriegsschiffe Handelsschiffe eskortieren. Die Energiepreise steigen bereits, da rund ein Fünftel des weltweiten Rohöls über die Straße von Hormus transportiert wird.

Währenddessen versucht Israel, zwischen Krieg und Alltag zu balancieren. Der Luftraum soll schrittweise in Teilen wieder geöffnet werden, vor allem um im Ausland gestrandete Israelis zurückzuholen. Gleichzeitig bleibt das öffentliche Leben eingeschränkt, landesweit sind die Schulen und viele Betriebe geschlossen. Der Alltag der Menschen richtet sich gänzlich nach den Raketenalarmen.

Für die israelische Armee ist der strategische Kurs klar: Die militärischen Fähigkeiten des Iran sollen dauerhaft geschwächt werden. Offiziell erklärte die IDF, man werde jeden Aspekt ins Visier nehmen, der eine Bedrohung darstelle, und arbeite weiterhin daran, »die Infrastruktur des iranischen Terrorregimes zu zerstören«.

Hinweis: Das Geschehen ist dynamisch, die angegebenen Zahlen galten bei Redaktionsschluss am Mittwochmittag.

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