Judaika

An Pessach schließt sich der Kreis

Es ist wie eine überdimensionierte Schatztruhe. Das Israel‐Museum in Jerusalem beherbergt die größte und bedeutendste Judaika‐Sammlung der Welt. »Und ständig kommen Dinge hinzu«, sagt die Leiterin der Abteilung Depot und Sammlung im Bereich Jüdische Kunst und Jüdisches Leben, Gioia Perugia. Sie werden von Privatpersonen gebracht, in Auktionen entdeckt, und manchmal findet das Museum sogar per Zufall eigene wieder. So geschehen mit einem Sederteller, der lange verschollen war und rechtzeitig zu den Feiertagen wieder ins Museum gelangte.

Der Teller war von der Textilkonservatorin Yona Dresner bei einem Lehrgang im Institut für das Land Israel (Yad Ben‐Zvi) entdeckt worden. »Sie studierte ausgerechnet an einem unserer Stücke«, erzählt Perugia. Dresner sah während des Unterrichts einen Aufkleber auf der Rückseite: »M899/3/55 – Museumsnummer 899, März 1955«. Ein Anruf beim Registrar bestätigte: Der Teller gehört zum Israel‐Museum und war einst an den zweiten Präsidenten Israels, Yitzhak Ben‐Zvi, ausgeliehen worden. »Er schmückte wohl die berühmte Hütte, in der der Präsident lebte.«

SedertellerDass Artefakte an Präsidenten, Premierminister oder bedeutende Institutionen ausgeliehen werden, ist keine Seltenheit. Dazu gehörte auch jener Sederteller aus dem Jahr 1811, der vermutlich aus Deutschland stammt. »Das besonders Schöne an dieser Geschichte ist neben dem Wiederfinden die Kooperation der Institutionen«, meint die Expertin. »Unser neuer Direktor Ido Bruno erhielt den Teller, als er den Chef von Yad Ben‐Zvi, Yaacov Yaniv, besuchte, um ihn kennenzulernen. Was für eine nette Geste.«

Das Israel‐Museum in Jerusalem beherbergt die größte und bedeutendste
Judaika‐Sammlung der Welt.

»Hinter vielen Objekten aus unseren Sammlungen stehen interessante Geschichten, und ab und zu gibt es wirkliche Überraschungen«, sagt Perugia. So geschehen mit einem Tora‐Vorhang, dem sogenannten Parochet. Eine Hälfte des Vorhangs, der aus dem Polen während der napoleonischen Zeit stammt, befindet sich seit den 60er‐Jahren im Museum, die andere galt als verloren. Vor Kurzem aber fand Perugia sie in Australien und war entzückt.

Spanien Noch größer war die Begeisterung, als der wertvollste Sederteller des Museums bei einer Auktion entdeckt wurde. Er ist relativ schlicht, aus glasierter Keramik, verziert mit braunen und blauen Mustern. Doch der Wert ist unschätzbar. Das weiß die Kuratorin der Judaika‐Ausstellung, Rachel Sarfati, genau.

Denn Objekte aus dem »Goldenen Zeitalter« der Juden Spaniens, vor der Vertreibung im Jahr 1492, gibt es so gut wie keine. Warum das so ist, darüber gibt es nur Spekulationen. »Belegen kann es niemand, es ist ein Rätsel«, erklärt sie. Denn die spanische Gemeinde habe nicht nur die spirituellen Köpfe der jüdischen Welt dieser Zeit hervorgebracht, sondern sei auch sehr wohlhabend gewesen. Demzufolge hätten sie sicher künstlerische Arbeiten für rituelle Objekte in Auftrag gegeben.

»Man kennt die Gemeinden, weiß, wo die Synagogen waren, doch Objekte gibt es praktisch nicht.« Umso bedeutender war dieser Fund aus dem 15. Jahrhundert. Dass es sich tatsächlich um einen rituellen Teller aus Spanien handelt, daran gebe es keinen Zweifel. In der Mitte steht geschrieben, was während der Feiertage eine besondere Bedeutung hat: Seder, Pessach, Mazza, Maror. Zwei der Worte haben Rechtschreibfehler. Das jedoch würde die Herkunft nicht widerlegen. Im Gegenteil. Denn meist waren es nichtjüdische Künstler, bei denen Objekte bestellt wurden. Außerdem waren auch die Mitglieder der jüdischen Diasporagemeinden des Hebräischen oft nicht mächtig, da sie es in der Tora lasen, nicht aber im Alltag benutzten.

Nebenan steht eine völlig andere Art von Sederteller. Er wurde im 19. Jahrhundert in Kopenhagen gefertigt. Ganz in Silber mit drei Etagen für die Mazzen und umfangreichen Verzierungen, stellt er eine herausragende künstlerische Arbeit dar. Zudem symbolisiert er die Verbindung zwischen dem Goldenen Zeitalter der spanischen und der Emanzipation der europäischen Juden im 19. Jahrhundert. Der Davidstern auf der Spitze sei ein nationales Symbol, das das neue Selbstbewusstsein unterstreicht, so Sarfati.

Haggada Die berühmte Amsterdamer Haggada wird noch heute an Sedertischen zu Pessach gelesen. Dieses Exemplar, Ende des 16. Jahrhunderts gedruckt, wurde von Abraham Bar‐Yacob illustriert. Der ehemalige christliche Prediger aus dem Rheinland war zuvor zum Judentum übergetreten, »doch er war christlich erzogen und geprägt«. Und er kopierte aus der Luther‐Bibel mit den Kupferstichen von Matthäus Merian. »Das war seine künstlerische Welt.«

Vor rund einem Jahr fügte sich für Sarfati alles wie ein großes Puzzle zusammen.

Ein Becher des Elijahu aus dem Deutschland des 19. Jahrhunderts in einer Vitrine ist mit den Abbildungen von vier Männern verziert. »Auch hier nahm der Künstler Personen aus der Merian‐Bibel als Vorlage und machte die vier Söhne der Haggada aus ihnen.« Vor rund einem Jahr fügte sich für Sarfati alles wie ein großes Puzzle zusammen. Damals kam ein Israeli mit einem Koffer zu ihr. »Er machte ihn auf und zeigte auf ein großes altes Buch mit Jesus am Kreuz auf dem Titel. Eine Luther‐Bibel. Ich war kurz davor, zu sagen, dass es nicht in unser Museum passt, doch hielt plötzlich inne«, erinnert sich die Expertin.

»Dann sah ich, dass ich die originale Merian‐Bibel in meinen Händen hielt, mit den Illustrationen, die ich nur zu gut kenne. Sie ist der Ursprung der Amsterdamer Haggada und gehört jetzt unserem Museum«, sagt sie und fügt augenzwinkernd hinzu: »Ausgerechnet mit dem Neuen Testament schließt sich an Pessach der Kreis.«

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