Umwelt

Am tiefsten Punkt der Erde

Sterbendes Gewässer: Das Tote Meer verliert täglich eineinhalb Millionen Kubikmeter Wasser. Foto: Noam Bedein

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Am tiefsten Punkt der Erde

Seit vier Jahren dokumentiert der Fotograf Noam Bedein das Austrocknen des Toten Meeres

von Sabine Brandes  30.04.2020 11:31 Uhr

Fast kann man sie riechen, die salzige Luft, die über dem Wasser hängt. Die Wellen glitzern in der Sonne. Hier, am tiefsten Punkt der Erde, fällt das Atmen leicht. Mit der Kamera um den Hals steigt Noam Bedein ins knallgelbe Kajak und atmet tief durch.

Los geht die Fahrt in gemächlichem Tempo über den einzigartigsten Binnensee der Welt, das Tote Meer. Während der Fotograf und Umweltaktivist es erkundet, sind die Zuschauer lediglich virtuell an ihren Bildschirmen mit dabei. Es ist der 22. April, der »Welttag der Erde« in Corona-Zeiten.

coronavirus Bedein dokumentiert das Tote Meer seit vier Jahren mit der Kamera. Mit seinen Bildern will er jetzt die ganze Welt auf das Sterben des Gewässers aufmerksam machen. Normalerweise fährt er zwei- bis dreimal pro Monat über das Wasser. Doch wegen des Ausbruchs des Coronavirus war er sechs Wochen nicht hier.

Heute hat er eine Sondergenehmigung. Er ist aufgeregt. »Es geht schließlich darum, das achte Wunder der Natur zu retten.« Hinter ihm sitzt Ofer, der Kajakfahrer, und bewegt das Paddel ruhig und rhythmisch auf und ab.

Jeden Tag verschwindet der Inhalt von 600 Schwimmbädern.

Während sich noch vor einigen Jahren Touristen aus aller Welt auf dem nördlichen Teil des Meeres treiben ließen, ist er heute nahezu vollständig abgeriegelt, der Zugang kaum mehr möglich. Zu den bereits vorhandenen 6000 Senklöchern kommen jährlich 700 neue hinzu.

»Und das ist katastrophal für die gesamte Region«, weiß Bedein. An jedem Tag würde der Inhalt von 600 olympischen Schwimmbädern verschwinden, das sind eineinhalb Millionen Kubikmeter Wasser täglich und ein bis eineinhalb Meter Oberfläche pro Jahr.

SALZSÄULE Angekommen am ersten Stopp, verschlägt es dem Fotografen nahezu den Atem. Eine massive Salzsäule liegt zerbrochen auf einem trockenen Stück Land. »Hier sehen wir bestens, wie sich das Drama im Toten Meer abspielt«, sagt er und schluckt. Mit seinen Fotografien derselben Abschnitte zeigt er, wie sich die Natur von 2016 bis 2020 verändert hat.

Er holt ein Archivbild aus seiner Tasche und hält es in die Kamera: »Das war die Salzsäule vor vier Jahren – komplett unter Wasser. 2017 ragte sie bereits heraus, 2019 stand sie völlig auf dem Trocknen, und jetzt das …«

Bevor Bedein sein Projekt »Dead Sea Story« begann, habe jegliche Dokumentation über das Tote Meer per Satellit stattgefunden. »Doch das ist nicht persönlich und nicht einladend«, meint er. »Ich wollte das Thema ins Bewusstsein der Menschen bringen und zeigen, wie viel wir jeden Tag von diesem einmaligen Naturschatz verlieren.«

WETTBEWERB Bedeins Arbeit gehört zum Dead Sea Revival Project (DSRP), das sich auf die Fahnen geschrieben hat, die führende NGO für Umweltschulung und Aktivismus in Israel zu werden. Sie sucht Unterstützung für den Schutz der Gewässer in aller Welt und wird unter anderem vom Knesset-Komitee für den Schutz des Toten Meeres, dem Pressebüro der Regierung, der NASA, dem Forschungsinstitut des Toten Meeres, den lokalen Verwaltungen der Region und anderen Organisationen unterstützt.

Eines der Vorhaben ist ein internationaler Fotowettbewerb, der in verschiedenen Sprachen durchgeführt wird. »Menschen aus der ganzen Welt können ihre Lieblingsaufnahme des Toten Meeres einreichen. Und im September gibt es eine große Ausstellung der Siegerbilder direkt am Toten Meer. Wir wollen die Leute ermutigen, sich die Wasserprobleme in ihren Ländern anzusehen. Denn alles kulminiert hier unten, am tiefsten Punkt der Erde.«

Beim nächsten Stopp zeigt Bedein auf die Mosaikteppiche im Wasser, die einzigartig sind und durch die Vielfalt an Mineralien hervorgebracht werden. 26 Mineralien sind neben Salz im Wasser enthalten, darunter Brom und Magnesium. Er sagt es und hält seine Hand ins Wasser, um sie mit einem perfekt quadratischen Kristall darin wieder hervorzuziehen – »der sogenannte Salzdiamant«. Etwas weiter geradeaus zeigt er auf Wasserstrudel, gespeist vom Frischwasser unter dem Toten Meer. Die wundersamen Salzwasserkamine reichen bis zu zwölf Meter in die Tiefe.

JORDAN Das Austrocknen des Gewässers liegt am nahezu völligen Versiegen des Jordanflusses, der aus dem Norden bis hierher fließt und Süßwasser mit sich bringt, das das Tote Meer vor dem Verdunsten bewahren sollte.

Doch fast das gesamte Wasser des Flusses wird von Israel, Jordanien und den Palästinensern für Trinkwasser und die Landwirtschaft abgezweigt. »Denn Wasser ist das teuerste Gut – vor allem hier, im Nahen Osten. Jordanien gehört zu den wasserärmsten Ländern in der ganzen Welt.« Für 30 Prozent des Verlustes seien die Dead Sea Works verantwortlich, die das Wasser für den Abbau des Salzes und der Mineralien abpumpen.

Die einzige mögliche Lösung, die derzeit auf dem Tisch liegt, ist der von der Weltbank vorgeschlagene Red-Dead-Kanal, eine Leitung vom Roten zum Toten Meer. In Umweltschützerkreisen ist sie sehr umstritten, weil sie das Wasser von zwei komplett verschiedenen Ökosystemen mischen würde und damit beide schädigen könnte. »Außerdem ist es ein langwieriges Projekt, das, wenn überhaupt, frühestens in zehn Jahren zu einem Ergebnis führen kann.«

Bedeins Arbeit gehört zum Dead Sea Revival Project.

Dennoch glaubt Bedein fest an die Abstimmung der Nachbarn in Sachen Wasserdiplomatie: »In diesem Bereich ist es tatsächlich möglich, mit den Nachbarn zu sprechen, während das in anderen oft nicht funktioniert.«

Das Miteinander-Reden, meint er, sei absolut notwendig. »Es muss etwas geschehen, denn die Menschen brauchen Hoffnung. Sonst findet die nächste Generation an dieser Stelle kein Totes Meer mehr vor – sondern nur noch einen Haufen Salz.«

deadseastory.com
deadsearevival.org
https://gurushots.com/challenge/dead-sea1/details

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