Stadtplanung

Abreißen oder aufhübschen?

Einer der größten und vielleicht auch hässlichsten der Welt: der Busbahnhof in Tel Aviv Foto: Sabine Brandes

Weg soll er – das ist beschlossene Sache. Wie, darüber scheiden sich die Geister. Der Zentrale Busbahnhof Tel Avivs ist in der Bevölkerung verschrien. Es sei ein düsteres Labyrinth, aus dem es gefühlt kein Entkommen gibt. Seit Jahrzehnten fordern Bürgerinitiativen, dass er verschwindet, vor allem wegen der immensen Lärmbelastung und Umweltverschmutzung im Süden der Stadt. Jetzt verkündete Verkehrsministerin Merav Michaeli von der Arbeitspartei, dass dies 2023/24 in die Tat umgesetzt werden soll.

»Ich bin stolz und froh, dass die zentrale Busstation in Tel Aviv geräumt wird«, sagte Michaeli in der vergangenen Woche. »Es wird nicht morgen passieren, aber dieser Schandfleck, der eine Gefahr für Umwelt, Gesundheit und Verkehr darstellt, wird verschwinden.« Teil der Vereinbarung, die zwischen Verkehrs-, Bau- und Finanzministerium, der Stadtverwaltung sowie der Grund- und Bodenbehörde abgeschlossen wurde, ist die Umleitung der Überlandlinien an andere Standorte in der Stadt. Welche, wurde nicht bekannt gegeben.

service »In naher Zukunft werden wir alternative Stationen haben, mehr elektrische Fahrzeuge und einen besseren Service statt dieses Gebäudes und seinem Dreck«, erklärte die Ministerin. Die Gegend rundherum ist die ärmste und schmutzigste der Metropole, was durch die Station noch verstärkt wird.

Etage sieben gibt es zweimal – ohne Verbindung dazwischen. Niemand weiß, warum.

Noch fahren die Busse täglich im Stop-and-go die Rampen bis zur Abfahrtsplattform hoch und runter, während sie pausenlos Abgase herauspuffen. Im Innern hasten die Menschen durch die übel riechenden unübersichtlichen Gänge, um in ihren Bus auf der Ebene sieben zu steigen oder das Gebäude nach der Ankunft so schnell wie möglich zu verlassen. Verweilen wollen hier die wenigsten. Etage sieben gibt es übrigens zweimal – ohne jegliche Verbindung dazwischen. Warum? Das weiß niemand.

zweckentfremdung Bis 2023 sollen sämtliche Abfahrten beendet, zwei Jahre darauf die Betonrampen abgebaut werden. Anschließend habe man vor, das gesamte Gebäude innerhalb von fünf bis zehn Jahren umzugestalten und für andere Zwecke zu nutzen.

zweckentfremdung Dabei ist Zweckentfremdung schon heute Realität in den schmuddeligen Passagen, verlassenen Stockwerken und leerstehenden Läden. Das Gebäude ist vielmehr Sammelsurium kurioser Geschäfte, Vereine, Kunstwerkstätten und Büros denn Busbahnhof. Viele Wegweiser und Namensschilder sind überklebt, und nur die wenigsten wissen, was sich hinter all den Türen verbirgt.

Während die meisten Tel Aviver ihn als Makel sehen, ist er für andere Refugium. Vor allem für Gastarbeiter aus den Philippinen, die sich hier eine eigene Infrastruktur geschaffen haben. Es gibt Lebensmittelläden, Kleidergeschäfte, Geldwechselstuben, Büros von Anwälten und Übersetzern, eine Kirche, eine Bank und regelmäßige Karaoke-Veranstaltungen.

Mit dem Bau hatte man bereits 1967 begonnen, doch erst mehr als ein Vierteljahrhundert später wurden die Pforten geöffnet. Damals galt er als größter Busbahnhof der Welt. Und von Anfang an war klar, dass mit dem Riesengebäude etwas nicht stimmt. Der renommierte Architekt Ram Karmi kam zur Eröffnung im Jahr 1993, dann nie wieder.

durcheinander Yonatan Mishal ist ein echter Experte für den Busbahnhof. Bis vor Kurzem führte er Besuchergruppen durch die Gänge, »um ihnen das Schöne im Hässlichen zu zeigen«. Er erklärt, wie aus dem ursprünglich übersichtlichen Bauplan ein totales Durcheinander wurde: »Der Geldgeber sah wohl eine Einkommensquelle in dem Verkauf von Ladenflächen. Deshalb forderte er vom Architekten mehr und mehr Geschäfte. Am Ende war es eine Busstation innerhalb eines Einkaufszentrums – allerdings keines erfolgreichen.« Weniger als 40 Prozent der Ladenflächen werden genutzt. Der Großteil steht leer und trägt damit zur trüben Stimmung bei.

»Eines der größten Probleme ist die Tatsache, dass die Station nicht nur einem Eigentümer gehört, sondern 3000. Mindestens 80 Prozent von ihnen werden für eine Mehrheitsentscheidung benötigt«, weiß der Guide, »doch die kommt nie zustande, weil man viele von ihnen nicht erreichen kann. Sie sind mittlerweile verstorben, leben im Ausland oder sonst etwas.«

Der Tel Aviver Busbahnhof gilt bis heute als der zweitgrößte der Welt.

Ein Desaster für den Zustand der Station, die mit einer Fläche von 240.000 Quadratmetern bis heute als zweitgrößte der Welt gilt. »Und ganz sicher als unübersichtlichste«, wie Mishal hinzufügt. Läuft man alle Wege ab, hat man sieben Kilometer geschafft.

streetart Viele Tel Aviver machen sich Gedanken über die Zukunft des Busbahnhofs und der Gegend rundum. Das weiß Mishal aus Gesprächen mit Anwohnern und Verantwortlichen. Es gebe Initiativen, die einen Abriss forderten, und andere, die gern eine Umwandlung in ein Kunst- und Kulturzentrum sehen würden. Schon heute gibt es verschiedene Theater und mehrere Ebenen, auf denen sich Streetart-Künstler austoben. Etage null, in der die Busse parken, steht übrigens unter Naturschutz. Aber nicht wegen der Vehikel, sondern wegen der Fledermäuse, die sich hier angesiedelt haben.

Ein Abriss des gesamten Gebäudes, meinen Ingenieure, dürfte fast unmöglich werden. Denn der Megabau wurde aus extra verstärktem Beton gebaut, um zugleich als Schutzbunker zu dienen. Würde man dennoch versuchen, ihn zu sprengen, könnte die Folge eine gigantische Staubwolke sein, die die gesamte Stadt wochenlang einhüllen würde. Es sieht ganz so aus, als bleibe der Busbahnhof auf die eine oder andere Weise Tel Aviv noch lange erhalten.

Touren rund um den Busbahnhof sind unter www.ctlv.org.il buchbar.

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