Israel

50 Jahre nach Jom-Kippur-Krieg: Gefahr von innen

Der israelische Verteidigungsminister und General Mosche Dajan (l.) mit Generalmajor Ariel Scharon auf der ägyptischen Seite des Suezkanals während des Jom-Kippur-Krieges am 18. Oktober 1973 Foto: picture-alliance/ dpa

Wenn ein israelischer Präsident die Lage des Landes mit dem Jom-Kippur-Krieg vor 50 Jahren vergleicht, lässt das aufhorchen. »Der Preis könnte wieder unerträglich sein, wir stehen wieder vor einer Prüfung. Als hätten wir nichts gelernt«, sagt Isaac Herzog bei einer Gedenkveranstaltung anlässlich des Jahrestags. Der einzige Unterschied sei, die Bedrohung komme nun nicht von außen, sondern von innen, so der Präsident.

Bis heute hat kaum ein Krieg in Israel so tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlassen wie der, der an Jom Kippur am 6. Oktober 1973 begann. Am höchsten jüdischen Feiertag überfiel eine Allianz arabischer Staaten unter der Führung von Ägypten und Syrien überraschend ein unvorbereitetes Land. Mehr als 2600 israelische Soldaten wurden getötet, mehr als 7000 verletzt. Der Schrecken von damals und die Frage, ob der 19-tägige Krieg hätte verhindert werden können, beschäftigen die Menschen in Israel noch immer.

Verletzlichkeit Während die israelischen Truppen selbstbewusst und übermütig aus dem zuvor gewonnenen Sechs-Tage-Krieg herausgegangen seien, habe der Jom-Kippur-Krieg die Verletzlichkeit des damals noch jungen Landes aufgezeigt, sagt der israelische Experte Ejal Zisser von der Tel Aviver Universität. Auch Israels schlussendlicher Sieg habe daran nichts geändert.

Was folgte sei eine Krise des Vertrauens in die politische und militärische Führung gewesen. Die damalige Ministerpräsidentin Golda Meir und Verteidigungsminister Mosche Dajan traten zurück. Eine Untersuchungskommission stellte massive Versäumnisse des Sicherheitsapparates fest. Warnungen seien nicht rechtzeitig weitergegeben und zu wenig ernst genommen worden, hieß es später.

»Niemals, niemals, dürfen wir unvorbereitet sein«, mahnt Israels Präsident heute. »Wir dürfen nicht in Arroganz verfallen, mit einem Mangel an Abschreckung und einem Mangel an Warnung.« Es ist nicht Herzogs erster Appell dieser Art. Seit Monaten warnt das Staatsoberhaupt israelische Entscheidungsträger vor einer existenziellen Krise mit möglicherweise dramatischen Folgen für Israels Sicherheit.

Gräben Auslöser ist ein von Ministerpräsident Benjamin Netanjahus Regierung vorangetriebener Justizumbau. Das umfassende Gesetzesvorhaben spaltet seit Jahresbeginn große Teile der israelischen Gesellschaft. Bereits vorhandene Gräben zwischen der säkularen Mehrheit und der strengreligiösen Minderheit reißen immer tiefer auf. Insbesondere der liberale Teil Israels fürchtet sich vor einer fundamentalen Veränderung des Landes.

Mehrere Regierungsparteien vertreten etwa strengreligiöse Ansichten. Sie setzen sich für die Befreiung vom Wehrdienst für ultraorthodoxe Männer oder mehr Geschlechtertrennung in der Öffentlichkeit ein. Die sogenannte Justizreform soll dabei helfen, dass das Oberste Gericht gegen die umstrittenen Vorhaben nicht mehr vorgehen kann.

Auch diesjährige Veranstaltungen zu Jom Kippur wurden von der Krise überschattet. In mehreren Städten kam es an dem Feiertag Ende September zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Säkulare und linke Aktivisten gingen gegen Barrieren zur Trennung von Geschlechtern beim Gebet vor. Ein Gericht hatte das Aufstellen im öffentlichen Raum zuvor untersagt. Strengreligiöse Gruppen widersetzten sich jedoch dem Urteil.

Eskalation Herzog sprach nach den Vorfällen von einem schmerzhaften und erschütternden Beispiel dafür, wie der innere Kampf eskaliere und immer extremer werde. »Wie konnte es zu dieser schrecklichen Situation kommen, in der 50 Jahre nach dem bitteren Krieg Brüder und Schwestern auf beiden Seiten der Trennlinie aufeinander losgehen?«

Widerstand gegen die Regierungspolitik formiert sich auch innerhalb des Militärs. Tausende Reservisten, die ein Großteil des Militärs ausmachen, wollen nicht mehr freiwillig dienen. Immer wieder fallen im öffentlichen Diskurs Warnungen vor einer geschwächten Armee wie vor Jom Kippur 1973.

Laut Sicherheitsexperten sind erste Auswirkungen bereits sichtbar. Israels Erzfeind Iran und seine Stellvertreter in der Region testeten seit Monaten, wie weit sie gehen können, sagt Chuck Freilich vom israelischen Institut für Sicherheitsstudien. Sie könnten ihren Augen nicht trauen. »Nicht im Traum hätten sie sich vorstellen können, dass so etwas passieren würde.«

Drohungen Der Chef der eng mit dem Iran verbundenen Terror-Miliz Hisbollah im Libanon, Hassan Nasrallah, sagte kürzlich in einer Rede, Israel befinde sich wegen der »innenpolitischen Spaltung« in der schlimmsten Situation, die es je erlebt hätte. Dabei zählte er eine Reihe möglicher Ziele wie Flughäfen oder das Strom- und Wassernetz auf, die die Miliz bei einem bewaffneten Konflikt zerstören könnte. Ähnliche Drohungen kommen auch von Irans Präsidenten Ebrahim Raisi, laut dem Israel »verwundbarer denn je« sei.

Trotz der Gefahr sind sich Experten wie Zisser oder Freilich jedoch einig, dass ein Szenario wie an Jom Kippur 1973 unwahrscheinlich ist. Israels Militär habe seine Lehren gezogen, gehöre mittlerweile zu einer der stärksten Armeen weltweit, sagt Zisser. Bei einer akuten Gefahr von außen stünden die Reservisten »wahrscheinlich« parat.

Auch Freilich sagt, dass damals und heute nur schwer zu vergleichen seien. »Aber das macht die Lage aktuell nicht weniger schlimm«, sagt er und warnt, diese nicht ernst genug zu nehmen. »An Jom Kippur gab es ein Versagen der Geheimdienste, es wurden Fehler gemacht, bessere Entscheidungen waren notwendig, aber hier nun stehen die Warnungen groß und breit an die Wand geschrieben.«

Washington D.C.

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