Reportage

19-mal Alarm am Schabbat

Um 8.28 Uhr am Samstagmorgen wachte Israel in einer neuen Realität auf. Das schrille Auf und Ab des Sirenentons durchschnitt die Ruhe des Schabbats, riss Menschen aus dem Schlaf, von Frühstücks­tischen und aus Gebeten in den Synagogen. Familien hasteten in Schutzräume, viele noch in Schlafanzügen und Pantoffeln. Für die meisten war sofort klar, was die Sirenen bedeuteten: Der Krieg mit dem Iran hatte begonnen.

Binnen Minuten öffneten Kommunen öffentliche Bunker, die sich rasch mit Menschen aller Altersgruppen füllten. Religiöse Männer, die wenige Minuten zuvor noch beim Morgengebet waren, standen nun in Gebetsschals in engen Schutzräumen. Junge Paare hielten Hunde an der Leine, Eltern trugen schlaftrunkene Kinder hinein. Israel zeigte sich im Ausnahmezustand als Gesellschaft im Kleinformat – schutzsuchend und zusammengedrängt unter der Erde.

Zwischen den Angriffen bleibt die Anspannung ein leiser Begleiter.

Zusammen mit US-Streitkräften hatte die israelische Armee am frühen Samstag die Militäroperation mit dem Namen »Brüllender Löwe« begonnen. Innerhalb von Minuten veränderte sich der Alltag der Bevölkerung radikal: Das Leben verschmolz mit Alarmen, Schutzmaßnahmen und dem permanenten Blick auf Smartphones, auf Nachrichten, auf jede sich bewegende Wolke am Himmel.

Während Politiker strategische Szenarien entwerfen, bleibt der Krieg für die meisten Israelis eine zutiefst alltägliche Erfahrung: das schnelle Greifen nach Taschen, bereitstehende Schuhe im Flur, das Schlafen in Jogginganzügen, denn beim Alarm zählt jede Minute.

Die Warnzeichen hatten sich seit Wochen verdichtet

Die Warnzeichen hatten sich seit Wochen verdichtet. Militärische Drohungen, politische Spannungen und Sicherheitsmeldungen bestimmten bereits den Alltag. Am Tag zuvor erreichte die Nervosität ihren Höhepunkt, als die US-Botschaft ankündigte, nicht unbedingt benötigtes Personal könne das Land verlassen. Botschafter Mike Huckabee mahnte ungewöhnlich eindringlich: »Aber tun Sie es heute noch.«

Tausende versuchten daraufhin, kurzfristig Flüge zu bekommen. Die meisten scheiterten. Maschinen waren innerhalb von Minuten ausgebucht. Rachel Weiss aus New York, die ihre Familie in Israel besuchte, gehört zu den Gestrandeten. »Genau dasselbe war mir bereits im Juni passiert. Ich hätte nie gedacht, dass das nochmal geschieht. Es fühlt sich an wie ein grausames Déjà-vu.« Für andere wurde die Situation zur persönlichen Tragödie. Yael Levy wollte ihre Kinder, die ein verlängertes Wochenende bei den Großeltern in Tel Aviv verbrachten, kurz vor Kriegsbeginn zurück nach Zypern holen, wo die Familie lebt.

Doch ihr Flugzeug kehrte um, als die erste Sirene schrillte. »Ich war zwei Minuten vor der Landung«, erzählte sie unter Tränen. »Das Flugzeug drehte ab und flog zurück. Ich kann nicht glauben, dass ich sie nicht holen konnte.« Zwei Tage saßen ihre Kinder in Tel Aviv fest, dann trafen die Eltern eine dramatische Entscheidung: Sie charterten eine private Jacht und brachten die beiden über das Meer zurück.

Gleichzeitig verlegten einige Krankenhäuser im Zentrum des Landes Patienten in unterirdische Bereiche. Professor Itai Pessach, stellvertretender Direktor des Sheba Medical Center in Tel Hashomer, erklärte, das Krankenhaus sei auf Notstand umgestellt worden, zugleich bleibe »die medizinische Versorgung für alle Einwohner Israels gewährleistet«. Auch die verschiedenen Gesundheitsdienste aktivierten landesweit Notfallprogramme und öffneten psychologische Krisenzentren mit rund um die Uhr erreichbaren Beratungsangeboten.

Der Alarm wird zum Taktgeber des Tages. Wieder und wieder rennen die Menschen in Schutzräume. Am Samstag war es 19-mal, an den folgenden Tagen nicht viel weniger. 19-mal Rennen, 19-mal Herzrasen, 19-mal nackte Angst. Es schrillt am Morgen, am Nachmittag, in der Nacht. Wann, das weiß niemand. Zwischen den Angriffen verschwindet die Anspannung nicht. Sie bleibt als leiser Begleiter ständig präsent.

In öffentlichen Bunkern entsteht eine eigene Geräuschkulisse

In öffentlichen Bunkern entsteht eine eigene Geräuschkulisse: Nachrichtenmeldungen aus Smartphones, weinende Kinder, bellende Hunde, das Echo der Sirenen. »Wer das noch nie gehört hat, der hat noch nicht im Krieg gelebt«, beschreibt eine Bewohnerin die Erfahrung. Viele Israelis arbeiten inzwischen selbst dort weiter. Laptops stehen auf Schulbänken, Videokonferenzen laufen zwischen Alarmmeldungen. Routine wird zur Überlebensstrategie.

Besonders sichtbar wird die Belastung bei den Kindern. Eigentlich sollte Purim gefeiert werden, das fröhlichste Fest des jüdischen Kalenders. Wochenlang hatten Schulen große Feiern vorbereitet, einige sogar Partys mit berühmten Popstars und DJs. Kinder bastelten Kostüme, packten Mischlochei Manot mit Bamba, Bisli und Schokolade und freuten sich auf ausgelassene Tage.

Doch die Kostüme blieben in den Schränken hängen. Süßigkeitenpäckchen standen unangetastet auf Küchentischen, Osnei-Haman-Kekse wurden meist gar nicht erst gebacken. Statt Kinderlachen hallten Sirenen durch Städte und Schulhöfe. Viele israelische Mädchen und Jungen wachsen seit Jahren in einem Wechsel aus Alltag und Ausnahmezustand auf. Sie erkennen unterschiedliche Geschosse am Klang, wissen, wie Abwehrsysteme funktionieren, und kennen Sicherheitsprotokolle, die eigentlich Erwachsenen vorbehalten sein sollten.

Bis auf Weiteres bleiben Schulen und Kindergärten im ganzen Land geschlossen. Für viele Kinder bedeutet das nicht nur unterbrochenen Unterricht, sondern den Verlust von Struktur – jenes verlässlichen Rahmens, der im Alltag Sicherheit gibt. Lehrerinnen und Lehrer versuchen, diese Lücke zumindest teilweise zu füllen. Einmal täglich schalten sich viele Klassen zu kurzen Zoom-Treffen zusammen, weniger zum Lernen als zum Durchhalten. Sie fragen nach, hören zu, machen Witze, sprechen Mut zu.

UNGEWISSHEIT Die ständige Ungewissheit darüber, wann die nächste Sirene ertönen könnte, zerreißt jeden Versuch eines normalen Tagesablaufs. Kaum jemand beginnt noch aufwendig zu kochen, Einkäufe werden hinausgezögert, Gespräche bleiben halb geführt, Gedanken springen ständig zum nächsten möglichen Rennen in den Schutzraum. Selbst alltägliche Momente verlieren ihre Selbstverständlichkeit – viele vermeiden es inzwischen zu duschen, aus Angst, genau dann von einer Sirene überrascht zu werden. Das Leben verengt sich auf Zeitfenster zwischen Alarmen, auf Tätigkeiten, die sich jederzeit abbrechen lassen.

Und doch steht die israelische Bevölkerung nahezu geschlossen hinter diesem Krieg. Oppositionsführer Yair Lapid veröffentlichte kurz nach Kriegsbeginn eine Erklärung, in der er daran erinnerte: »Das israelische Volk ist stark, die israelischen Streitkräfte und die Luftwaffe sind stark, die stärkste Supermacht der Welt steht an unserer Seite. In solchen Momenten stehen wir zusammen und siegen gemeinsam. Es gibt keine Koalition und keine Opposition, es gibt nur ein Volk und eine israelische Armee, hinter der wir alle stehen.«

Menschen rücken zusammen, teilen Wasser, Nachrichten und auch Hoffnung

Diese Grundstimmung überträgt sich auf die Schutzräume: Menschen rücken zusammen, teilen Wasser, Purimkekse, die doch jemand gebacken hat, Nachrichten und auch Hoffnung. Denn die symbolische Dimension dieses Krieges entgeht in Israel kaum jemandem. Purim erinnert an die biblische Geschichte aus dem alten Persien, dem Gebiet des heutigen Iran. Im Buch Esther wird das jüdische Volk vor der Vernichtung durch den persischen Beamten Haman gerettet – eine Geschichte über Bedrohung und Rettung, die derzeit eine beklemmende Aktualität hat.

Natan Maman, der im Tel Aviver Viertel Neve Zedek, eingewickelt in einen Gebetsschal, aus einer Synagoge in den öffentlichen Bunker eilt, sieht darin sogar ein Zeichen. Der Krieg zur Purimzeit sei seiner Meinung nach »bedeutungsvoll«. Er hofft, dass die Militäraktion das Ende der bösen Mullahs bringen wird. »Und dann wird diese Geschichte wie in der Purimerzählung eine gute Wendung nehmen – für uns Israelis und für alle unschuldigen Menschen im Iran.«

Viele Israelis wissen, dass der Preis dieses Krieges bereits jetzt hoch ist: emotional, wirtschaftlich und persönlich. Schlaflose Nächte, unterbrochene Kindheiten, ein Alltag, der sich auf Minuten zwischen Sirenen reduziert. Und doch zeigt sich in der Bevölkerung neben der Erschöpfung auch Zuversicht – auf eine bessere Zukunft ohne Krieg.

Nachrichten

Lied, Entschuldigung, Ersparnisse

Meldungen aus Israel

von Sabine Brandes  04.03.2026

Gespräch

»Wir können damit umgehen«

Brigadegeneral Ilan Biton, ehemaliger Chef der israelischen Luftabwehr, über die iranischen Angriffe, Drohnen der Hisbollah und die Effektivität der israelischen Verteidigung

von Detlef David Kauschke  04.03.2026

Lod

Israelischer Luftraum und Ben-Gurion-Flughafen werden für Rückholaktion geöffnet

Reguläre Flüge von und nach Israel starten zunächst bis Donnerstagfrüh nicht. Gestrandete Passagiere nach Hause zu fliegen, hat Vorrang

 04.03.2026

Israel

Masal tow im Bunker

Ein israelisches Brautpaar aus Tel Aviv heiratete im unterirdischen Bunker, während oben die Sirenen heulten

von Nicole Dreyfus  04.03.2026

Iran

Anatomie eines Konflikts

Der gemeinsame Krieg Israels und der USA gegen das Mullah-Regime ist eine historische Zäsur in Nahost

von Sabine Brandes  04.03.2026

Interview

»Es ist ein gerechter Krieg«

Oppositionsführer Yair Lapid unterstützt die Präventivschläge Israels und der USA gegen den Iran

von Sabine Brandes  04.03.2026

Nahost

Israel startet Angriffswelle im Iran - Raketen auf Tel Aviv

Die israelischen Streitkräfte (IDF) greifen erneut Ziele in Teheran an. Im Visier: Ziele der iranischen Führung

 04.03.2026

Jerusalem

Schriftrollen im Schutzraum

Wertvolle Kunstschätze des Israel Museums sind vor Raketenangriffen in Sicherheit gebracht worden

von Detlef David Kauschke  04.03.2026

Nahost

USA und Israel weiten Angriffe aus – Teheran feuert weiter Raketen ab

»Wir versenken die iranische Marine – die gesamte Marine«, sagt der amerikanische Kommandeur Brad Cooper

 04.03.2026