Stuttgart

Zwischen Casting und Schule

Wollen die Konkurrenz am 1. März bei der Jewrovision in Hamburg überraschen: die Jugendlichen aus der IRGW Foto: IRGW

Daniel Sprenger ist vorsichtig mit dem, was er sagt. Antwortet mal nur mit einem Schulterzucken, mal mit einem Lächeln. Er will auf keinen Fall zu viel verraten über das, was im Jugendzentrum Halev der jüdischen Gemeinde Stuttgart gerade Sonntag für Sonntag perfektioniert wird. Die Konkurrenz soll am 1. März überrascht werden, wenn die Jugendlichen aus Schwaben bei der 13. Jewrovision in Hamburg auftreten.

Das Risiko, dass Teile der Performance noch auf den letzten Metern vor dem Auftritt abgekupfert werden, will Sprenger nicht eingehen. Denn: »Wir sehen uns dieses Mal auf einem der oberen Plätze«, sagt der 30‐Jährige. »Es wird ein cooler Act, der Barmizwa einer Jewrovision würdig.«

Freude Sprenger ist Jugendleiter und organisiert die Vorbereitungen für den großen Gesangs‐ und Tanzwettbewerb der jüdischen Jugendzentren in Deutschland. Er freut sich darauf, nach einem Jahr Pause wieder mit den Kindern und Jugendlichen aus der Gemeinde auftreten zu können. Im vergangenen Jahr war keine Gruppe zustande gekommen – weder die Madrichim noch die Jugendlichen hatten Zeit für die wöchentlichen Proben.

»Es ist schon stressig«, gibt auch Roman Motsa zu. Der 18‐Jährige steckt gerade mitten in der Ausbildung und muss seit Oktober zusätzlich zur Arbeit jeden Sonntag freischaufeln, in der heißen Phase vor dem Auftritt sogar noch mehr. Auch ein Trainingscamp im Schwarzwald gehört für die Gruppe dazu. Aber er habe unbedingt mal dabei sein wollen, bevor er die Altersgrenze sprengt, betont er.

Und Stress ist schließlich auch relativ: »Wir haben viel Spaß zusammen, da ist das alles gut auszuhalten.« Die erfahreneren Jewrovision‐Teilnehmer hätten ihm eine »coole und unvergessliche Zeit« versprochen, sodass er sich uneingeschränkt auf den Auftritt freut – obwohl es sein erster vor großem Publikum sein wird.

lampenfieber Damit ist Roman nicht allein. Zwar sind alte Jewrovision‐Hasen genauso dabei wie Jugendliche, die häufiger mit ihren Instrumenten auftreten, doch einige der rund 20 Stuttgarter Teilnehmer haben noch nie im Leben auf einer so großen Bühne gestanden, erklärt Daniel Sprenger. Manch einer hatte sogar noch nie zuvor von der Jewrovision gehört. Dass aber kurz vor dem Auftritt jemand wegen eines überwältigenden Anfalls von Lampenfieber ausfällt, schließt Sprenger aus. »Für zu viel Nervosität bleibt an diesem Wochenende gar keine Zeit«, glaubt er.

Gefährlicher für den Erfolg der Teilnahme ist eine Erkrankung während der Proben. Da müsse man dann sehen, wie derjenige schnell das Verpasste nachholen könne. »Denn die Kinder sind ja auch enttäuscht, wenn sie wegen ein paar verpasster Stunden nicht mitmachen dürfen«, sagt Sprenger.

Und natürlich soll der Auftritt am Ende perfekt sein. Die Choreografie und auch das Gesangstraining werden nicht irgendwelchen Laien überlassen, sondern von Menschen ausgearbeitet, die sich damit auskennen. »Echte Profis sind das allerdings auch eher nicht, das können wir nicht leisten«, gibt Sprenger zu. Die Gemeinde biete aber gute Kontakte, sodass die Jugendleiter noch nie Probleme hatten, jemanden zu finden.

Auch die Jungen und Mädchen, die dabei sein wollten, kamen dieses Mal in Scharen. Über die Religionsschule und die jüdische Grundschule im Gemeindezentrum ist der Kontakt zum Jugendzentrum ohnehin eng. Andere Kinder wurden über Facebook und WhatsApp eingeladen. Anders als im Jahr zuvor wollten mehr Kinder mitmachen als nötig. »Wir mussten ein richtiges Casting veranstalten«, erzählt Sprenger. Nur so hätten sie herausfiltern können, was sie brauchen: Sänger, Tänzer, Instrumente. Allerdings sei das nicht immer leicht gewesen. »Wir kennen uns alle untereinander gut. Da ist es schwer, jemandem zu sagen, dass Singen und Tanzen nicht so sein Ding ist.«

mini‐machane Denn Qualität ist den Organisatoren wichtig: Siegen, oder zumindest einen guten Platz zu ergattern, ist natürlich immer ein Ziel. Aber nicht das einzige. Das Gefühl nach dem Auftritt, sagt Daniel Sprenger, sei das gleiche, »egal, ob man richtig gerockt oder es vergeigt hat: Man fühlt sich einfach wie ein Star«. Außerdem besteht die Jewrovision nicht nur aus dem Auftritt. Das ganze Wochenende, das Mini‐Machane, sei es wert, dabei zu sein, findet Sprenger. »Da bilden sich Freundschaften, da sind so viele Leute, mit denen man eine schöne Zeit hat, Schabbat feiert – das hallt immer nach.«

Nach dem Wochenende, wenn alles vorbei ist, würden sie am liebsten sofort mit den Proben für die nächste Jewrovision beginnen, erzählt Daniel Sprenger. Wer einmal mitgemacht hat, kommt so schnell nicht wieder davon los – und wer kann, bleibt dabei, bis er zu alt wird für die Teilnahme.

Allerdings rauben gerade den älteren Teilnehmern das Abitur oder die Ausbildung oft die Zeit, und auch die Jüngeren sind immer mehr in Schule und Hobbys eingespannt. »Denen blutet dann das Herz, wenn sie es nicht schaffen«, sagt Sprenger. »Aber die meisten kommen mit zum Auftritt und wollen immer ganz genau wissen, was passiert.«

Mit voraussichtlich rund 50 Leuten fahren die Stuttgarter dieses Jahr zum Wettbewerb nach Hamburg – etwa 20 werden auf der Bühne stehen. Der Fanklub rekrutiert sich aber vor allem aus dem Jugendzentrum. Die Eltern der Teilnehmer kommen nach Sprengers Erfahrung eher selten mit. »Uns fehlt das Geld, für Eltern und andere Fans Busse zur Verfügung zu stellen«, sagt der Jugendleiter.

Die Eltern, die nicht auf eigene Faust zum Auftritt nach Hamburg fahren wollen, müssen sich mit der internen Generalprobe begnügen. Für sie werde die Geheimhaltung etwas gelockert – dass aber etwa ein Kumpel Fotos von der Generalprobe in die Internet‐Öffentlichkeit hinaustwittert, sei ganz sicher nicht gewollt. Da ist sie wieder, die Heimlichtuerei. »Ja«, sagt Sprenger, »die gehört nun mal zum Spiel dazu.«

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