München

»Zvishen amul un haynt«

Bewahrt die weitgehend untergegangene jiddische Welt: das Holocaust Memorial Museum Washington Foto: Jeffrey Shandler

München

»Zvishen amul un haynt«

Der Historiker Jeffrey Shandler hielt den diesjährigen Scholem-Alejchem-Vortrag

von Ellen Presser  29.06.2015 18:07 Uhr

Evita Wiecki, Jiddisch-Lektorin am Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur an der LMU, kündigte den Gastreferenten des diesjährigen Scholem-Alejchem-Vortrags, Jeffrey Shandler von der Rutgers University New Jersey, mit besonderer Freude an: »Men rekhent im far eynem fun di same vikhtikste mevinim af dem forshgebit fun yiddisher kultur.« Der Fachmann für jiddische Kultur wiegelte humorvoll ab. Sein Jiddisch entstamme einer »gemischten chassene«, dem Litwischen seines Vaters und dem Misrachdiken von Mutterseite.

Der Senatssaal war voll besetzt, obwohl bei der Veranstaltung von A(leph) bis Taw ausschließlich Jiddisch gesprochen wurde. Ermöglicht wurde diese Kooperation mit dem IKG-Kulturzentrum durch eine Spende zum Gedenken an den Münchner Mäzen und Maccabi-Förderer Fred Brauner, der Mameloschen im Herzen und in seiner Diktion gepflegt hatte, sowie durch einen Zuschuss des Lehrstuhl-Freundeskreises.

leerstelle Shandler, der 2014 ein Buch über die Geschichte des Schtetl als Lebensort und Mythos veröffentlicht hat, warf einen »Blick auf die verschwundene Welt des osteuropäischen Judentums«, indem er Bilder und Bücher vor und nach der »melkhume« vorstellte und kommentierte, das heißt vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem alles »fast völlig zerstört wurde«. Shandler betonte: »Die Leere, das Ödland ist zum Symbol für den Holocaust geworden.«

Die Projekte von Künstlern, Fotografen und Filmemachern hätten sich im Laufe der Jahrzehnte nach dem Kriegsende verändert. Frühere Werke seien fragmentarischer gewesen. Der Ausschnitt war »die Erinnerung an das, was man verloren hat und auch daran, wie groß der Verlust ist«. Shandler wies aber auch nach, dass »in den letzten Jahren die Sehnsucht immer stärker wurde, die verschwundene Welt der jüdischen Vergangenheit als eine vollständige Darstellung« zu sehen. Das äußere sich in Nachbauten, Rekonstruktionen, Kulturfestivals und Touren. Ein Beispiel ist die Fotosammlung im 1993 eröffneten Holocaust-Museum in Washington – »The Tower of Faces« mit Fotos aus dem litauischen Schtetl Eyshisjok.

All diesen Projekten wohne derselbe Widerspruch inne: »nämlich der Wunsch, das zu sehen, was verschwunden ist. Eine Brücke zu bauen zwischen früher und heute, zwischen hier und dort und denen, die leben, und denen, die ihr Leben verloren haben. Zvishen amul un haynt, zwischen do un dorten, und zvischen di lebedike un di wus leben mer nisht.«

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