Magdeburg

Zurück in die ehemalige Altstadt

Mehrere Male wurde das Banner beschmiert und dem Wort »eine« ein »k« hinzugefügt. Foto: Blanka Weber

Die tiefstehende Sonne blendet durch die Zweige, als Waltraut Zachhuber am Nachmittag vorsichtig mit ihrem Gehstock über eine Wiese geht. »Wir stehen hier auf dem Grundstück, das die Stadt Magdeburg vorgesehen hat, um es der Synagogen‐Gemeinde zu einem symbolischen Preis zu übereignen.« Das Grundstück – so groß wie ein Fußballfeld – wird von beigefarbenen DDR‐Wohnhausfassaden auf der einen und einer hellen, schlichten Hotelrückwand auf der anderen Seite begrenzt. An der Längsseite verläuft eine belebte Straße mit modernem Bürokomplex und vielen Menschen, die ein‐ und ausgehen.

»Früher befand sich hier die Altstadt«, erklärt Waltraut Zachhuber. Das heißt, bevor 90 Prozent der Stadtarchitektur im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden und als es – vor 1938 – hier eine starke jüdische Gemeinde gab. Das bestätigt auch Moritz Spanier in seinen Aufzeichnungen zur Geschichte der Juden in Magdeburg von 1923. Er schreibt von 643 »beitragspflichtigen Mitgliedern«. 1933 zählte die Gemeinde etwa 2000 Personen.

Waltraut Zachhuber kämpft für die Synagoge.Foto: Blanka Weber

Stolpersteine Waltraut Zachhuber ist eine resolute, anpackende Frau, evangelische Pfarrerin und frühere Superintendentin im Kirchenkreis Magdeburg. Seit sie in ihrer Jugend das Tagebuch der Anne Frank las, lässt sie das Thema Judentum und Holocaust nicht mehr los. Heute ist sie im Ruhestand und engagiert sich gemeinsam mit anderen Magdeburgern seit Jahren für das Verlegen von Stolpersteinen in der Stadt. 500 sind es bereits. Und Waltraut Zachhuber bemerkt bescheiden: »Ich habe selten so sinnvolle Arbeit gemacht wie jetzt.« Seit fast 20 Jahren widmet sich die heute 77‐Jährige einem Herzensprojekt und gründete mit Freunden und Mitstreitern den Verein »Neue Synagoge Magdeburg«.

Sie zeigt auf die kleine Videokamera nahe dem orange‐braun‐weißen Banner mit der Aufschrift »Otto braucht eine Synagoge« und erzählt, die Polizei habe die Kamera zur Überwachung angebracht, denn immer wieder sei das Banner beschädigt worden. Schon dreimal hatten Unbekannte das Wort »Synagoge« mit einem Messer ausgeschnitten. Ein anderes Mal wurde mit einem Stift vor dem Wort »eine« ein »k« eingesetzt. Waltraut Zachhuber ist empört: »Dieses Banner wurde nicht einfach durch Vandalismus beschädigt, sondern dazu haben eindeutig antisemitische Motive geführt.«

Seit 2012 ist der Neubau im Gespräch, und auch Wadim Laiter, der Vorstandsvorsitzende der Synagogen‐Gemeinde Magdeburg, kennt die Diskussionen seit dieser Zeit. Er sitzt in einem mehrstöckigen Gebäude an einem belebten Boulevard in der oberen Etage. Vom langen Flur gehen mehrere Büros ab. Hier arbeiten er und seine Mitarbeiter. Sie kümmern sich um die Belange der knapp 460 Personen ihrer Gemeinde.

Die neue Synagoge soll
200 Meter von dem 1938 zerstörten
Bethaus entfernt entstehen.

»Es müssten nun Taten folgen«, sagt er und wählt die Worte mit Bedacht: »Magdeburg ist eine Landeshauptstadt mit großer Geschichte« – eben auch mit einer jüdischen. Vom »Judendorf am Sudenburger Tor« ist erstmals 957 die Rede. Acht Jahre später wird sich der damalige Landesherr Otto der Große lobend und wertschätzend über Juden äußern und ihre Ansiedlung fördern. Doch es gab eben auch andere Zeiten: Verfolgung, Zerstörung und Pogrome im 13. und 15. Jahrhundert. 1938 wurde – wenige Hundert Meter von Laiters Büro entfernt – die schmuckvolle Synagoge zerstört.

Neubau Jetzt gibt es also einen Neubau, der knapp 200 Meter vom Platz der früheren Synagoge entfernt entstehen soll. Innerhalb jenes Areals, wo sich heute Wohnungen, Wäscheleinen, etwas Grün und eine belebte Straße befinden, ist ein moderner Bau geplant.

Im Dezember hat auch der Landtag von Sachsen‐Anhalt grünes Licht gegeben und über eine Summe abgestimmt: 2,8 Millionen sind als Zuschuss für den Bau fest geplant. Der Förderverein ist dementsprechend optimistisch. »Es ist«, sagt Waltraut Zachhuber, »damit die Bedingung erfüllt, auf die wir immer gewartet haben.« Der Förderverein will seinerseits 400.000 Euro sammeln und wirbt dafür sogar im Magdeburger Dom, jenem Gebäude, in dem – wie an vielen anderen kirchlichen Fassaden – Bildnisse zu finden sind, die Juden verunglimpfen. Hier ist es die Darstellung einer »Judensau« in einem Sandsteinfries.

Wadim Laiter hält die Gemeinde offen für jeden.Foto: Blanka Weber

Die Kosten für den Gesamtbau werden mit drei bis vier Millionen Euro beziffert. Eine Summe, zu der auch Wadim Laiter mit seiner Synagogen‐Gemeinde einen Teil beisteuern möchte. Er hat bereits vor Jahren einen Antrag auf Fördermittel eingereicht. Mit etwas Unmut merkt er an, dass man bis heute keine Antwort darauf bekommen habe. Der Grund seien Auflagen, über die man zunächst diskutieren müsse, so Laiter. Seine Gemeinde sei orthodox geprägt, aber eine Einheitsgemeinde und damit offen für jedermann. »Wir fragen nicht einmal, wer jüdisch ist oder nicht, solange Männer ihren Kopf mit einer Kippa bedecken.«

Dessau Auch in anderen Städten, zum Beispiel in Dessau, gibt es konkrete Pläne, eine Synagoge zu bauen. Die Stadt Dessau‐Roßlau hatte der Gemeinde ein Grundstück übertragen. Wenn alles klappt, könnte sofort mit dem Bau begonnen werden. Geplant ist eine »Weill‐Synagoge« – benannt nach Albert Weill, dem jüdischen Kantor der Stadt. Zu seinen Kindern gehörte der Komponist Kurt Weill, der zusammen mit Bert Brecht die Dreigroschenoper schuf und nach dem ein jährliches Kulturfest benannt ist. Aus diesem Grund engagiert sich auch die Kurt‐Weill‐Gesellschaft beim Projekt Synagogenneubau, finanzierte eine Projektstudie und das Modell für den künftigen Bau aus der Hand eines renommierten Architekten. »Es war der Startschuss für das Einwerben der nötigen finanziellen Mittel«, sagt Thomas Markworth vom Vorstand der Kurt‐Weill‐Gesellschaft.

Auch der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Dessau, Elischa Portnoy, ist begeistert von den Plänen. 195.000 Euro wollen die Stadt und 300.000 Euro die Lottogesellschaft des Landes beisteuern. Und es gibt fest zugesagte Mittel von einem Bundesministerium.

Zusammenarbeit In Magdeburg ist man etwas weiter. »Wenn alle Beteiligten gut zusammenarbeiten, kann der Bau der Synagoge wie geplant 2021 fertig sein. Warum nicht?«, sagt Wadim Laiter.

Waltraut Zachhuber und ihre Mitstreiter werden noch eine Menge Arbeit bewältigen müssen, um Mittel zu akquirieren und Kritiker zu überzeugen. Vom 16. bis 22. Januar soll es eine Aktionswoche unter dem Motto »Weltoffenes Magdeburg« geben. Auch dort wird der Verein präsent sein.

Denn allein die zerstörten Banner zeigten, »dass wir Menschen in dieser Stadt haben, die mit Antisemitismus und ähnlichem Denken vergiftet sind und dieses Gift auch versprühen«. Unwidersprochen dürfe man das nicht hinnehmen.

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