Lübeck

Zum Beten in den Keller

Eng ist es und stickig. Durch den Flur wabert Kohlgeruch aus einer der Wohnungen. Die Treppen ächzen, als 20 Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Lübeck zum Gottesdienst gehen. Sie müssen in den Keller ihres Gemeindezentrums hinabsteigen, das diesen Namen nicht verdient: ein Büro für Rabbiner und Vorstand, ein Aufenthaltsraum im Hochparterre, zwei Räume im Keller. Einer davon ist der Betraum, und der bietet gerade einmal Platz für 30 Personen – bei 730 Gemeindemitgliedern.

Dennoch feiern sie inbrünstig den Schabbat-Eingang und lassen sich von den Passanten draußen vor den Kasematten-fenstern nicht stören, von denen sie nur die Schuhsohlen sehen. Die Fenster zu öffnen, ist aus Sicherheitsgründen untersagt. Trotz der drückenden Luft wetteifert Rabbiner Yakov Yosef Harety mit den Männern, wer am lautesten singt, ruft den Beterinnen und Betern ein aufmunterndes »Gut Schabbes« zu und lädt zum Kiddusch in den Nebenraum. Der ist genauso niedrig und miefig wie der Betraum. Das Ganze: ein Provisorium, ein überflüssiges Desaster.

Denn die Lösung liegt direkt vor der Tür: die einst so prächtige Lübecker Carlebach-Synagoge, die einzige noch erhaltene historische Synagoge in Schleswig-Holstein. 16 Meter hoch, 32 Meter lang, ein großer, lichtdurchfluteter Betsaal, rundherum Frauen-Emporen mit verzierten Balustraden, dahinter Platz für einen Kultursaal, für Gemeinderäume, Sprechzimmer, Büro und Rabbinerwohnung und im dritten Stock für ein Jugendzentrum. »Ich bin ein Rabbiner mit einer großen historischen Synagoge, die wir nicht nutzen können«, sagt Harety ironisch, doch in seiner Stimme schwingt Fassungslosigkeit mit.

maurisch-byzantinisch 1878 wurde die Synagoge im maurisch-byzantinischen Stil vom Lübecker Architekten Ferdinand Münzenberger erbaut. Eine stattliche Kuppel krönte den Bau. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstörten NS-Schergen Fassade, Kuppel und Innenausstattung, und nur die enge Wohnbebauung hinderte sie, das jüdische Gotteshaus niederzubrennen.

Nach dem Krieg erhielt das Bethaus seine Bestimmung wieder, dokumentiert mit dem Davidstern und der Inschrift des Psalms 67, Vers 4: »Es danken Dir, Gott, die Völker« auf Hebräisch am Giebel. Doch die Synagoge verfiel immer mehr. Niemand fühlte sich zuständig, das wertvolle Gebäude instand zu halten. Obendrein verübten Neonazis am 25. März 1994 und am 7. Mai 1995 Brandanschläge auf das jüdische Gotteshaus.

Doch erst, als sich die Gemeinden in Schleswig-Holstein 2012 neu organisierten und Lübeck mehr als 700 Mitglieder zählte, beschlossen der neue Vorstand mit Alexander Olschanski und Rabbiner Yakov Yosef Harety an der Spitze die Sanierung. Die Gremien der Stadt Lübeck waren begeistert. »80 Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und 71 Jahre nach Deportation und Ermordung der Lübeckerinnen und Lübecker jüdischen Glaubens empfinden wir das Wiederaufblühen jüdischen Lebens in unserer Stadt als Glücksmoment der Geschichte«, schrieben die CDU- und SPD-Fraktion. Bürgermeister Bernd Saxe übernahm die Schirmherrschaft.

Die Possehl-Stiftung spendete 950.000 Euro. Daraufhin kamen vom Land Schleswig-Holstein eine Million Euro und vom Bund 880.000 Euro. Schirmherr Saxe enthüllte medienwirksam das Bauschild auf dem Grundstück an der Annenstraße. Insgesamt soll die Sanierung 6,3 Millionen Euro kosten, finanziert von je einem Drittel Bund, Land, Stiftungen und Spenden als Eigenmittel. Mit drei Millionen Euro wurde das einst baufällige Ensemble trockengelegt, die Betonsockel neu gegossen, neue Fenster eingesetzt und das Mauerwerk saniert. Im Betsaal der Synagoge entdeckten Handwerker und Historiker kunstvoll bemalte Holzkapitelle, Wandmalerei- en und Fresken sowie hebräische Inschriften in der Apsis, die bis jetzt aber nur ansatzweise freigelegt werden konnten.

Possehl-Stiftung Dann im Februar 2016 der Schock. Die Possehl-Stiftung, gemeinsam mit der Lübecker Sparkasse Unterstützer der Sanierung, zieht sich aus dem Vorhaben zurück. Sie habe die Jüdische Gemeinde Lübeck in den vergangenen fünf Jahren mit 1,55 Millionen Euro unterstützt, unter anderem für die Erweiterung des Friedhofs, argumentierte sie. Doch wenn der private Geldgeber aufgibt, zahlen auch Land und Bund nicht mehr. »Ein Anspruch auf Förderung besteht nicht«, heißt es aus Berlin. Der Gemeinde fehlen jetzt 3,3 Millionen Euro bis zur fertigen Sanierung. Seit Mai ruht der Bau, und weil die Gemeinde nicht einmal mehr die Miete für die Gerüste zahlen kann, wurden auch sie abmontiert.

»Dabei denken wir alle nicht im entferntesten daran, jetzt auch gleich die historische Fassade wiederherzustellen«, sagt
Alexander Olschanski, Vorsitzender der Gemeinde. Viel wichtiger sei es, eine neue Heizung einzubauen, das Mauerwerk zu verfugen und das Dach zu sanieren, damit die Trockenlegung nicht wieder gefährdet wird.

»Vor einer Woche trafen sich Mitarbeiter des schleswig-holsteinischen Kultusministeriums mit dem Architekten Thomas Schröder-Berkentien und Bürgermeister Saxe, um neue Wege der Finanzierung zu beraten«, sagt Mark Inger. Der Mitarbeiter der Jüdischen Gemeinde Lübeck ist mit dem Vorstand aktiv in die Synagogensanierung involviert.

UNESCO-Welterbe Erstes Ergebnis: Das Land sei sich seiner Verantwortung bewusst und werde kurzfristig versuchen, Mittel bereitzustellen, heißt es aus dem Ministerium. Das Projekt müsse weiterlaufen, die Synagoge müsse wenigstens wetterfest werden. Bürgermeister Saxe soll der Gemeinde indes empfohlen haben, sich Eigenmittel bei den »reichen jüdischen Stiftungen« zu besorgen.

Mittlerweile hat sich auch die Lübecker Initiative Stolpersteine eingeschaltet und fordert, die jetzige Situation, für die Land, Bund und Stadt Verantwortung tragen würden, endlich zu bereinigen.

»Wir brauchen dringend Sponsoren, damit auch das Geld von Land und Bund wieder fließen kann«, sagt Olschanski. Schließlich gehöre die Carlebach-Synagoge zum Ensemble der Lübecker Altstadt und sei damit Teil des UNESCO-Weltkulturerbes.

Doch an Schabbat, den Hohen Feiertagen oder Chanukka muss die Gemeinde zum Beten wieder die ächzenden Stufen in den Keller hinabsteigen.

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