Erfurt

Zuhören und Widersprechen

Straßenfest auf der Erfurter Krämerbrücke Foto: Elena Kaufmann

Die Achava-Festspiele in Thüringen, es sind die vierten, folgen unmittelbar auf Jom Kippur. Dem Tag der Versöhnung folgt also die Brüderlichkeit (Achava). Es sind Festspiele, von denen Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagt, dass sie Brücken bauen zwischen den Weltreligionen, den Kulturen und auch den Generationen.

Dafür müssen die Achava-Festspiele, die in diesem Jahr vom 20. bis zum 30. September stattfinden, teils neue Wege gehen. Denn die bisherige Hauptspielstätte, das Heizwerk, ist für Kultur und Kunst offensichtlich nicht mehr geeignet.

»Das bedaure ich sehr, aber es gibt eine unglaublich gute Alternative hoch über der Stadt«, sagt Martin Kranz, Intendant der Festspiele. Gemeint ist die Peterskirche, die älteste romanische Kirche des kleinen Bundeslandes, die auf dem Petersberg gelegen ist. Sie ist die neue wichtigste Spielstätte geworden. Peterskirche und Petersberg werden somit zu einem Ort für interreligiösen Dialog und internationale Kunst.

Haifa Die eingeladenen internationalen Künstlerinnen und Künstler verkörpern Weltklasse. Für das Eröffnungskonzert spielen das New Achava Orchestra mit Helmut Eisel & Josho Stephan Quartett aus Deutschland gemeinsam mit dem Romano Glaszo Project (Ungarn) sowie Shalosh aus Israel und Julian Dedu, dem 1. Konzertmeister des Landesorchesters Eisenach/Gotha und 1. Konzertmeister des Europäischen Orchesters der Sinti und Roma. Vor allem Eisel und Josho Stephan dürften dem Publikum in Thüringen bekannt sein. Sie feierten im vergangenen Jahr in Erfurt grandiose Erfolge. Ganz neu in Thüringen ist das israelische Erfolgstrio Shalosh mit Piano, Bass und Schlagzeug.

Bereits eine Stunde vor Konzertbeginn dürfte eine Fotoausstellung für Aufmerksamkeit sorgen: Erfurt/Haifa. Architektu­ren der Moderne im Dialog zeigt Bilder und Forschungsergebnisse zur Architekturgeschichte der Moderne in den beiden Partnerstädten. Dass hierbei auch die Bauhaus-Universität Weimar eine unterstützende Rolle spielt, versteht sich.

Landtag »Mehr denn je ist es heute nötig, schon mit jungen Menschen zu diskutieren«, ist Martin Kranz überzeugt. Deshalb wird in diesem Jahr das sogenannte Schülerprogramm im Landtag und an den Schulen noch einmal erweitert. Vom 21. bis 28. September gibt es in mehreren Thüringer Städten Gesprächsrunden an Schulen unter dem Motto »Toleranz, Dialog, Weltoffenheit und gegenseitiger Respekt«.

Am 24. September besuchen zudem 300 Mädchen und Jungen den Thüringer Landtag in Erfurt. Unter anderem wird die deutsch-jesidische Journalistin Düzen Tekkal (sie wurde von der Europäischen Bewegung Deutschland zur »Frau Europas 2018« ernannt) mit den Kindern und Jugendlichen über Demokratie sprechen, Reinhard Schramm als Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde wird über jüdisches Leben erzählen, und Ricklef Münnich wird als evangelischer Pfarrer und Vorsitzender des Fördervereins für Jüdisch-Israelische Kultur in Thüringen das Wort ergreifen. Dazwischen gibt es jede Menge Musik.

Krämerbrücke Nach dem Erfolg des Straßenfestes auf der und rund um die Krämerbrücke im vergangenen Jahr wird es dieses Festival mit Kunst und Führungen am 23. September erneut geben und die orthodoxe A-cappella-Gruppe aus Amerika Maccabeats kommt nach Erfurt.

Achava ist eines von drei jüdischen Fes­tivals in Thüringen in diesem Jahr. Der Yiddish Summer Weimar unter der Leitung des Amerikaners Alan Bern mit Konzerten, Workshops und Diskussionen ist erst vor Kurzem zu Ende gegangen.

Dieses Festival wurde nach dem Eröffnungskonzert von einer freien Journalistin in zwei Thüringer Tageszeitungen massiv angegangen. Angeblich sei der künstlerische Leiter Alan Bern nur deshalb nach Thüringen gekommen, weil hier Fördergelder fließen. Laut dem Gemeindevorsitzenden Reinhard Schramm ist im Zuge dieser verbalen Entgleisung eine Atmosphäre entstanden, »dass man verstärkt hinter den drei Festivals im Land steht«. Sein Credo lautet: »Wir wollen davon wegkommen, nur eine Kultur der Opfer in die Öffentlichkeit zu bringen. Stattdessen wollen wir hin zu öffentlichem jüdischen Leben.«

Auszeichnung »Achava kann im Ansatz eine Antwort sein auf Beschränktheit im Geist und im Denken«, so Martin Kranz. Genau deshalb wird es auch diesmal wieder die Gespräche unter dem Feigenbaum und interreligiöse Dispute geben. Zuhören und Widersprechen sind ausdrücklich erwünscht. Die Achava-Festspiele waren in diesem Jahr unter den 100 Preisträgern der »Ausgezeichneten Orte im Land der Ideen« durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Das dürfte auch Rabbiner Alexander Nachama freuen, der seit dem 1. September in der Thüringer Gemeinde amtiert. Er kündigte an: »Ich werde mir die Festspiele ansehen und bin gespannt.« Dass es gleich drei jüdische Festivals an seiner neuen Wirkungsstätte gibt, freut ihn sehr. Während der Achava-Festspiele wird er bereits den öffentlichen Schabbatgottesdienst leiten. Während des dritten Thüringer Festivals, das das 26. seiner Art ist und vom 3. bis zum 18. November stattfindet, dürfte Alexander Nachama zumindest partiell in Thüringen angekommen sein.

www.achava-festspiele.de

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