München

Yiddish haynt un morgn

Lebt und forscht in Litauen: Dovid Katz Foto: Marina Maisel

Für Michael Brenner, Inhaber des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte und Kultur, fing der Abend des jährlichen Scholem-Alejchem-Vortrags sichtlich gut an: Ihn erwartete ein voller Senatssaal, offenkundig Jiddisch-Fans aus der Münchner Kehilla und aus dem universitären Umfeld, eine Doktorandin, der er zum gerade bestens bestandenen Rigorosum gratulieren konnte – nämlich seine Jiddisch-Lektorin Evita Wiecki –, und ein Referent, den er als »einen der ganz großen Jiddisch-Forscher« begrüßen durfte. Doch es kam noch besser, denn den Vortrag hielt kein Geringerer als Dovid Katz, der 1956 in Brooklyn als Sohn des angesehenen Dichters Menke Katz geboren wurde.

»Dovid hot ufgeboyt un zikh bateylikt in di vikhtikste proyektn« – Evita Wiecki stellte Katz als einen der wichtigsten Protagonisten der Jiddisch-Forschung vor. Dazu brachte der seit 1999 in Vilnius lehrende Gründer des »Vilnius Yiddish Institute« die besten Voraussetzungen mit. Aufgewachsen »in a yidish redndiker mishpokhe, gelernt zikh in a yeshive, gelernt zikh inem Columbia universitet«, zog es ihn nach London für seine Doktorarbeit, die er aus der Gebetssprache stammenden jiddischen Wörtern widmete: »Di Teme is geven di geshikhte fun loshn-koydesh shtamike verter in yidish.«

Vilnius So eingestimmt auf die Wortschöpfungen, die jiddische Satzstellung und die Aussprache erlebte das Publikum mit Dovid Katz eine Naturgewalt an Wissen und Leidenschaft für sein Sujet. Nach Vilnius, der alten Heimat Wilna seiner Eltern, war er – nach Stationen in Oxford und Yale – Anfang der 90er-Jahre aufgebrochen, weil er seine letzte Chance sah, dort Muttersprachler zu finden.

In seinem Vortrag entfaltete Katz eine Übersicht der Bevölkerungsentwicklung jiddischsprachiger Menschen in Osteuropa, Israel und Amerika. Die Zahlen Jiddischsprachiger in der Sowjetunion um 1938 waren beeindruckend: 1,5 Millionen in der ukrainischen Republik, 800.000 in Weißrussland und rund 920.000 in Russland. Nach der »melkhume« – dem Vernichtungskrieg gegen die Juden – war davon kaum etwas übrig. Birobidschan, Stalins Antwort auf den Zionismus, sei nur ein symbolischer Ort gewesen: »Men hot gefundn a blote un men ist gefurn ken Amerike«, erklärte Katz.

Einen besonderen Genuss an dem Vortrag hätte Robert Schmusch, ursprünglich Itzchak Szmusz, gehabt. Seine Tochter Anita Kaminski sponserte Katz’ Vortrag zum Gedenken an den Vater. Aus dem polnischen Schtetl stammend, war sein Jiddisch ein »litwisches« gewesen.

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