Erfurt

Würde, Bürde, Weltkultur

Neues Schmuckkästchen: die Mikwe wurde offenbar im 13. Jahrhundert angelegt. Foto: Peter Seidel

Das Areal hinter der Krämerbrücke gehört zu den schönsten Orten der Erfurter Altstadt. Durch die Brückenbögen fließt das kleine Flüsschen Gera. Genau dort wird nun die historische Mikwe wieder zu sehen sein. »In Funktion ist sie nicht mehr«, sagt Karin Sczech vom Landesamt für Archäologie und Denkmalschutz. Denn heutzutage gibt es einen anderen Grundwasserspiegel. »Damals stand das Wasser mindestens einen Meter höher«, weiß die Expertin. Man habe hier in dieser Mikwe ausschließlich Grundwasser verwendet.

»Die Lage an der Gera war damals optimal«, erklärt Sczech, und der Bau eben auch kostengünstiger. Denn, etwa 300 Meter entfernt, steht die Alte Synagoge aus dem 13. Jahrhundert, dort wurde später ein Brunnen gegraben. Man hätte tief in die Erde gehen müssen, um für den Bau einer Mikwe an das Grundwasser zu kommen. Deshalb, so vermuten die Historiker heute, hat sich die Gemeinde damals entschlossen, sie direkt am Flüsschen zu bauen.

Die steinernen Mauerreste sind noch erhalten. Kleine und große Brocken von Kalk‐ und Sandstein sind zu sehen. Eine Bauweise, sagt die Archäologin, die klug durchdacht war. Denn der Sandstein war von besonders guter Qualität, und die größten Blöcke befinden sich dort, wo auch die Wasseroberfläche war.

Heute nun kann der Besucher von einer Plattform auf die Wasseroberfläche blicken. Das Innere der Mikwe ist nur bei einer Führung zu besichtigen. Die Steinreste des Baus sind von einem Betonkörper ummantelt, der von außen wie Sandstein wirkt und von innen wie ein Metallkästchen aussieht. »Ein Schmuckkasten«, meint Architekt Felix Flechtner.

Die Wände wirken nun bronzefarben. »Das Metall steht für die Moderne, der Stein für das Alte«, fasst Flechtner seine Idee zusammen. Ein Jahr lang haben die Fachleute an dem Bau gearbeitet. »Meine erste und vielleicht auch letzte Mikwe«, sagt er zufrieden lächelnd. Es habe sich alles gelohnt, »denn so viele schöne alte Bauwerke dieser Art gibt es nicht mehr.«

skulptur »Es ist nur noch wenig Wasser vorhanden, dafür kann man die Atmosphäre nachempfinden«, freut sich Karin Sczech. Ein halbtonnenartiges, kleines Gewölbe von acht mal drei Metern – gut erhalten – und mit einer ganz besonderen Rarität, die den Archäologen Antwort auf die Bauzeit der Mikwe gibt: »Auf der linken Seite kann man noch gut die Abdrücke der Stufen sehen. Auch Mörtelspuren hat man noch schwach erkennen können.« Doch das Beste sei das Köpfchen.

Eigentlich gäbe es so etwas in jüdischen Bauwerken nicht. Das Köpfchen ist 30 cm groß und hat eine Lilienkrone auf. Das Interesse der Historiker sei gewaltig, bemerkt Karin Sczech. »Über diese Lilienkrone können wir sagen, dass es sich um ein Königsporträt handelt, und über das Köpfchen können wir die Steine datieren.« Sti‐listisch gehöre das Motiv in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts. Und damit haben wir einen Anhaltspunkt.«

Es ist bundesweit eine der wenigen noch erhaltenen Mikwen dieser Zeit. »Wir haben festgestellt, dass es im Rheinland einige Beispiele gibt, die zurückreichen bis ins 12. Jahrundert. In Friedberg gibt es eine Mikwe aus dem 13. Jahrhundert. Aber das sind andere Bautypen.«

Heizanlage Die Erfurter Mikwe hatte sogar eine kleine Heizanlage. »Ganz schlicht, senkrecht in Kies eingebaute Steine. Darin hat man Feuer gemacht«, erklärt Karin Szech. Gefunden wurde der Bau übrigens per Zufall. Aber, so die Archäologin: »Man muss eigentlich sagen, wir haben auch danach gesucht.« 1952 hatte man bereits angenommen, den Ort der einstigen Mikwe gefunden zu haben. Es wurde jedoch nicht weiter nach ihr geforscht, und sie geriet in Vergessenheit. Erst als 2006 an der Stelle die Ufermauer der Gera einstürzte, wurden die Archäologen wieder aufmerksam. Das Graben und Suchen begann.

»Wir haben uns gefreut, denn ohne den Einsturz hätten wir geophysikalisch versuchen müssen, die Mikwe zu finden.«
Nun strahlt sie, umhüllt von einem Schutzbau, in altem Glanz. Es ist ein neues »Schmuckstück« nicht nur für die Architekten. Von oben »schaut man nun in das Herz der Mikwe. Und von da aus wird man auch das Köpfchen sehen.«

Bewerbung Für Touristen und Einheimische wird es eine neue Attraktion sein. Und für Erfurt ein wichtiger Punkt auf dem Weg zur Bewerbung als UNESCO‐Weltkulturerbe. Im kommenden Jahr soll es dafür den Antrag an die Kultusministerkonferenz geben. Dann beginnen die Planungen für eine Vorschlagsliste der Bundesrepublik.

Thüringen will sich für das jüdische Welterbe der Stadt Erfurt stark machen, so viel steht fest. »2014 werden wir wissen, ob wir auf der Vorschlagsliste stehen, erst dann werden wir uns darum bemühen können«, sagt Sarah Laubenstein, eine der Mitarbeiterinnen der Stadt, die sich um die Bewerbung kümmern wird.

Ursprünglich war ein gemeinsamer Antrag von Speyer, Mainz und Worms angedacht. Vielleicht könnte dies auch noch klappen, doch derzeit sind die Zeichen aus Rheinland‐Pfalz sehr verhalten. »Wir sind bereit. Wir würden auch gerne mit den anderen zusammenarbeiten. Und wir wollen uns auf jeden Fall auch bewerben«, heißt es aus Erfurt. »Von unserer Seite stehen alle Türen offen.«

Gemeinde Das neue Augenmerk der Stadt auf das jüdische Leben zu richten, sei ein guter und notwendiger Schritt. »Wenn es jetzt mit diesem Engagement nicht nur um historische Architektur, sondern auch um die heute lebende Gemeinde gehen würde, wäre ich glücklich«, sagt Wolfgang Nossen, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde. Man muss immer bedenken, dass 900 Juden hier einst durch mittelalterliche Pogrome umgebracht worden sind, wenn man sich für ein Welterbe bewirbt.«

Immerhin, Juden haben in der Stadt fast von Beginn an gesiedelt, gehörten dazu, als Händler, Wissenschaftler und Mediziner. Die Geschichte war ein Auf und Ab für die Gemeinde. Wenn heute jüdische Menschen mit streng koscheren Essgewohnheiten die Stadt besuchen wollen, finden sie noch keinen Platz wie in Berlin, München oder Frankfurt. Koscheres Essen in Erfurt muss einige Tage vorab über die Jüdische Landesgemeinde bestellt werden. Ein Mangel in der Gastronomie und sicher auch in der Gastfreundschaft im Jahr 2011, das wissen auch die Stadtherren. Eine Lücke, die geschlossen werden sollte, heißt es, ohne jedoch klar zu benennen, wie das geschehen kann.

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