Chemnitz

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Im Moment weiß Ruth Röcher, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Chemnitz, nicht, wo ihr der Kopf steht: »Die Texte der Broschüren müssen korrigiert, die Ausstellung aufgebaut und etliche Kleinigkeiten besprochen werden und alles neben dem normalen Gemeindebetrieb und direkt nach den Feiertagen.« Die Gemeinde plant Großes: Vom 12. Oktober bis zum 20. November möchte sie ihren 125. Geburtstag feiern. Mit organisatorischer und finanzieller Unterstützung der Stadt, der Kunstsammlungen Chemnitz und des Freundeskreises der Gemeinde wird seit einem Jahr am Programm gefeilt. »Besonders freue ich mich auf den ›Dialog der Religionen‹«, sagt Ruth Röcher. Christen, Muslime und Juden werden am 14. November im Gemeindezentrum debattieren (siehe nebenstehende Veranstaltungen). Neben einer für den 2. November geplanten Gesprächsrunde soll die Broschüre Le’Dor Va’Dor präsentiert werden, die Lebensgeschichten aus der Chemnitzer Gemeinde nachvollzieht.

Anfänge Der Weg der Chemnitzer Gemeinde ist lang und bewegt. Zehn Jahre bevor sie am 19. November 1885 offiziell gegründet wurde, hatte sich der Israelitische Frauenverein zusammengefunden. Zwei Jahre später wurde das Gelände für einen jüdischen Friedhof erworben, wieder ein Jahr später der erste Betsaal eingeweiht. Am 7. März 1899 öffneten sich zum ersten Mal die Türen der Synagoge am Stephanplatz. Bis 1923 wuchs die Gemeinde auf 3.500 Mitglieder an.

»Die Jahre zwischen 1885 und 1933 können als die Blütezeit der Israelitischen Religionsgemeinde zu Chemnitz bezeichnet werden«, erklärt der Historiker Jürgen Nitsche. Der 52-Jährige schloss Mitte der 80er-Jahre in Leningrad mit einigen russischen Juden Freundschaft und ließ sich von ihrer Kultur und Religion begeistern. Später begann er die jüdische Geschichte in Sachsen zu erforschen. Er ist Beirat des Vereins »Tage der jüdischen Kultur in Chemnitz«, Mitglied der Arbeitsgemeinschaft »Stolpersteine in Chemnitz« und führt Interessierte über den jüdischen Friedhof der Stadt.

Was die schwärzeste Zeit für die Chemnitzer Gemeinde gewesen sei, weiß Jürgen Nitsche sicher: »Das war nach 1933, die Zeit der Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Chemnitzer Juden.« Die Synagoge wurde 1938 zerstört. Es folgten die Deportationen. Nur 57 Juden kehrten im September 1945 zurück. Sie belebten die Gemeinde wieder. Am 22. Oktober 1961 bezogen sie ihr neues Gemeindehaus an der Stollberger Straße. Fünf Jahre später wurde Siegmund Rotstein Vorsitzender der Gemeinde. Er sollte sein Amt vier Jahrzehnte innehaben. Doch der Gemeinde fehlte der Nachwuchs. 1989 zählte sie gerade noch zwölf Mitglieder. Die Zukunft schien alles andere als rosig.

wiederaufbau Erst die vielen jüdischen Zuwanderer aus den ehemaligen SU-Staaten bewahrten die Gemeinde in den 90er-Jahren vor ihrem Ende, stellten sie aber zugleich vor große Aufgaben, denn die neuen Mitglieder mussten und müssen noch den Weg in die deutsche Gesellschaft finden. Jürgen Nitsche sieht die Gemeinde in ihrem Miteinander auf einem guten Weg, eine neue Identität zu finden: »Jüdisches Leben kehrt nach und nach wieder nach Chemnitz zurück.« Als Meilenstein müsse die Einweihung der modernen Synagoge und des Gemeindezentrums am 24. Mai 2002 betrachtet werden.

Zu dieser Zeit stand der Gemeinde schon seit drei Jahren Salomon Almekias-Siegl als Landesrabbiner von Sachsen zur Seite. Und noch ein Mitglied wirkte schon längst fleißig in der Gemeinde: die Israelin Ruth Röcher unterrichtete seit 1994 die Kinder in Religion. »Sie hatte auch die Idee, ein Buch über den Gemeindefriedhof zu veröffentlichen«, erinnert sich Jürgen Nitsche. Seit 2006 ist Ruth Röcher Gemeindevorsitzende. Auch unter ihrer Leitung gab es schon bedeutende Momente für die Gemeinde wie die Einbringung der neuen Torarolle im November 2008. Dennoch bewertet Ruth Röcher ihre Amtszeit unspektakulär: »Ich denke nicht, dass es ganz besondere Hochs und Tiefs gab.«

Die Chemnitzer Gemeinde versteht sich 2010 als liberal im Sinne der deutschen Vorkriegstradition. 2009 zählte sie 660 Mitglieder, die meisten davon russischsprachig. Ruth Röcher geht es um normales jüdisches Leben. Auf die Frage, was sie ihrer Gemeinde zum 125. Geburtstag wünscht, antwortet sie denn auch pragmatisch: »Den arbeitssuchenden Erwachsenen wünsche ich, dass sie eine Stelle finden. Denjenigen, die noch schlecht Deutsch sprechen können, wünsche ich, dass sie die Sprache schnell erlernen. Und ich wünsche mir, dass die Mitglieder, die in unserer Gesellschaft schon ihren Platz gefunden haben, Zeit und Kraft für die Arbeit in der Gemeinde finden.«

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