München

»Wir verneigen uns vor dir«

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer bei seiner Gedenkrede im Gemeindezentrum am Jakobsplatz Foto: Marina Maisel

Vor einem Monat starb Max Mannheimer, der Auschwitz überlebte und für den Hass trotzdem ein Fremdwort war, im Alter von 96 Jahren. Am vergangenen Sonntag nahm die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern in einer Gedenkstunde im Gemeindezentrum am Jakobsplatz nun Abschied von ihm. Zu den vielen prominenten Gästen, die ihm bei dieser Gelegenheit noch einmal ihren Respekt bekunden wollten, gehörte auch Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, der in Begleitung seiner Frau erschienen war.

Seehofer sprach wohl allen Anwesenden aus dem Herzen, als er Max Mannheimer in seiner Rede als »ein Wunder an Menschlichkeit« bezeichnete. Er selbst habe ihn als »ganz außergewöhnliche Persönlichkeit« kennengelernt. »Max Mannheimers Herzenswärme und sein unerschütterlicher Optimismus haben Mut und Zuversicht gemacht«, betonte der Ministerpräsident. Die Botschaft der Versöhnung und der Humanität, die Max Mannheimer an die nächste Generation weitergegeben habe, sind nach Einschätzung Seehofers ein unschätzbarer Beitrag für Freiheit und Demokratie in Deutschland.

Integrität Max Mannheimer sah es als seine elementare Aufgabe an, vor allem junge Menschen zu erreichen, um sie an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte zu erinnern. Ein Satz von ihm, den er bei seinen Besuchen in Schulen, Universitäten und seinen Führungen durch KZ-Gedenkstätten zitierte und der zugleich seine menschliche Größe beweist, war auf dem Programmzettel zur Gedenkveranstaltung abgedruckt: »Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah, aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.« Von diesem Engagement zeigte sich Horst Seehofer mehr als beeindruckt. »Mit seiner persönlichen Geschichte, mit seiner besonderen ruhigen und doch eindringlichen Stimme hat Max Mannheimer die Herzen zahlloser junger Menschen geöffnet und berührt«, sagte er.

Auch IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch würdigte in ihrer Rede die Verdienste Mannheimers. »Aber bei aller Trauer«, erklärte sie, »erhellt es meine Seele, in diesen Saal zu blicken und zu wissen, dass Max, von wo aus er uns auch sehen mag, sich freuen wird, wie viele Menschen – bis in die höchsten Spitzen von Politik und Gesellschaft – ihn verehrt haben. Wir werden ihn vermissen. Diese Welt, die Gesellschaft, die Demokratie lebt von Menschen wie Max Mannheimer. Sie lebt von menschlicher Größe, moralischer Integrität und von unendlich viel Mut, wie ihn Max Mannheimer jeden Tag seines Lebens bewies.«

Max Mannheimer habe nicht nur gegen sein eigenes Trauma angeschrieben, sondern einen gesellschaftlichen Prozess in Gang gesetzt, würdigte Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter den Verstorbenen mit Blick auf die »Hauptstadt der Bewegung«, die sich bis in die 80er-Jahre hinein schwer damit getan habe, sich ihrer besonderen Verantwortung für den Aufstieg des Nationalsozialismus zu stellen. Die Schaffung des NS-Dokumentationszentrums in der Brienner Straße ist den Worten des Oberbürgermeisters zufolge für Max Mannheimer deshalb zeitlebens »ein Herzensanliegen« gewesen.

spuren Auschwitz. Warschauer Ghetto. Dachau. Die Namen der Vernichtungs- und Konzentrationslager, die Max Mannheimer überlebte, warf Kultusminister Ludwig Spaenle mit lauter Stimme in den Saal. »Aus dem Mund von Max Mannheimer«, so der Minister, »klingen diese Worte plötzlich ganz persönlich.« Er habe die Gabe besessen, seine Erfahrungen verständlich und plastisch wiederzugeben – was tiefe Spuren hinterlassen habe.

Tief bewegt zeigte sich bei der Gedenkveranstaltung auch Münchens Altoberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, der Max Mannheimer als Freund bezeichnete. »Du wirst in meinem Herzen als einer der Großen der letzten 100 Jahre weiterleben«, versicherte Vogel. Als er die Bühne verließ, hielt er noch inne, um einen Satz hinzuzufügen: »Ich verneige mich vor dir. Wir verneigen uns vor dir.« Höchste Achtung für Max Mannheimer brachten die anderen Redner ebenfalls zum Ausdruck. Bayerns SPD-Chef und Staatssekretär Florian Pronold gehörte dazu, Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, sowie Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, und ihre Amtsvorgängerin Barbara Distel. Der Musiker, Schriftsteller und Mannheimer-Freund Anatol Regnier nahm mit einem bewegenden Lied Abschied von ihm.

Max Mannheimers Sohn Ernst, der bei der Gedenkfeier für die gesamte Familie sprach, gewährte in seiner kurzen Rede sehr persönliche Einblicke. »Wir kennen wenige Überlebende der Schoa, die sich der Vergangenheit so intensiv zu stellen imstande waren und deren Lebensfreude trotz alledem so unmittelbar und ungebrochen blieb. Diese Lebensfreude war fantastisch und ein Wunder. Meine Schwester und ich haben es immer als Glück empfunden, einen solchen Vater zu haben.«

erinnerungen Ernst Mannheimer war sich auch sicher, dass sein Vater Genugtuung und Dankbarkeit empfunden hätte, dass ihn so viele Menschen mit ihrer Anwesenheit ehren würden. Dann wies Ernst Mannheimer zwar auf das große Selbstbewusstsein seines Vaters hin, betonte aber, dass er trotzdem immer ein bescheidener und einfacher Mensch geblieben ist. Eine seiner schönsten Erinnerungen sei ein Video, das Max Mannheimer zusammen mit spanischen Widerstandskämpfern zeigt. Sein Vater ist darauf mit den Worten zu hören, er habe es nicht verdient, zwischen diesen Männern zu sitzen, denn sie hätten gekämpft, er nur überlebt.

»Das Überleben«, erklärte Ernst Mannheimer, »ist Max in vielfacher Hinsicht gelungen – nicht zuletzt dank der Zuneigung, die er von Menschen erfuhr. Viele von ihnen sind heute hier versammelt.«

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