Grußwort

»Wir sind stärker als zuvor«

Das Fest der Freiheit erinnert uns an den Mut der Vorfahren

von Charlotte Knobloch  03.04.2012 07:39 Uhr

Chag Sameach! Die Haggada erzählt vom Auszug aus Ägypten. Foto: Miryam Gümbel

Das Fest der Freiheit erinnert uns an den Mut der Vorfahren

von Charlotte Knobloch  03.04.2012 07:39 Uhr

Zu Pessach kommen wir mit unseren Familien und Freunden zusammen, um gemeinsam zu feiern. Im Bund mit der jüdischen Gemeinschaft aller Länder erinnern wir daran, wie unsere Vorfahren mit G‐ttes Hilfe die Ketten der Sklaverei sprengten. Die Bräuche des Seder führen uns den kräftezehrenden Weg vor Augen, den unsere Ahnen auf ihrer Reise durch die Wüste bewältigt haben.

Wir sind verpflichtet, uns ihre Entbehrungen vor Augen zu führen, ihre Strapazen und ihre Ängste. Pessach birgt aber vor allem eine Chance: Indem wir uns die unendliche Stärke unseres Volkes in jenen Tagen bewusst machen, können wir uns auf unsere ureigene Kraft besinnen.

Das gilt für die individuellen Prüfungen, die das Leben für jeden Einzelnen von uns bereithält. Ebenso wie für die Gefahren, mit denen der Staat Israel konfrontiert ist, sowie für die Bedrohungen, denen sich die internationale jüdische Gemeinschaft überall entgegenstellen muss.

Bedrohung Kürzlich hat das ZDF mit Mahmud Ahmadinedschad ein Interview geführt, in dem er keine Hasstirade ausließ. Unumwunden leugnete der iranische Präsident den Holocaust.

Insgesamt war es eine 42‐minütige Aneinanderreihung wahnhafter antisemitischer und antizionistischer Verschwörungstheorien. Zwischendurch verkündete er: Wenn der Iran eine Bombe bauen will, wird er das tun. Eine existenzielle Bedrohung Israels, ausgesprochen vor der Weltöffentlichkeit. Offenkundig sind die bisherigen internationalen diplomatischen und wirtschaftlichen Sanktionen nicht geeignet, um ein Einlenken Teherans zu erreichen.

Die USA und die EU müssen endlich mehr Druck machen, um nicht nur Israel, sondern die ganze Welt vor der Atombombe in den Händen eines Irren zu bewahren. Ahmadineschad ist natürlich ein pathologischer Sonderfall.

Aber auch beim Blick auf Europa fällt auf, dass sich Antisemitismus und Antizionismus nach wie vor in allen Gesellschaftsschichten und -gruppen finden und uns wohl als Phänomene in unterschiedlichen Ausprägungen erhalten bleiben werden. Das furchtbare Attentat in Toulouse hat uns diese Wahrheit einmal mehr vor Augen geführt.

Das erschütternde Verbrechen gegen unsere Glaubensbrüder und -schwestern in Frankreich zeigt, welche schreckliche Frucht die Saat des Hasses auf Juden auch in Europa hervorzubringen vermag.

Auch in Deutschland sind Islamisten die neuen Träger von Antisemitismus. Das belegt der jüngst vorgelegte Expertenbericht. Alle Staatsgewalt unserer wehrhaften Demokratie ist gefordert, mit voller Härte und Entschlossenheit gegen jene militanten Fundamentalisten vorzugehen – nicht nur, um die jüdische Gemeinschaft zu schützen, sondern zum Schutze der Wertegemeinschaft unserer freien Welt.

Demokratie Systematische Unterschätzung und Verharmlosung wirken bei Extremismus aller Art verheerend. Insofern hat der neue Bundespräsident Joachim Gauck eine klare Linie vorgegeben: »Euer Hass ist unser Ansporn. Wir lassen unser Land nicht im Stich … Ihr werdet Vergangenheit sein, und unsere Demokratie wird leben.«

Ich teile diese Überzeugung. Aber wir müssen uns bewusst machen, dass die Demokratie ein Lernprozess ist, der von Generation zu Generation weitergegeben werden muss. Dies umso mehr, da Freiheitsrechte eben auch Pflichten mit sich bringen. Demokratie ist kein Garant für Wohlstand, sondern Basis für ein weitgehend selbstbestimmtes Leben in einer Gesellschaft, die jedem die Möglichkeit gibt, nach seiner Fasson glücklich zu werden.

Demokratie ist kein Selbstläufer. Sie lebt von Zivilcourage, von Bürgern, die diesen Staat als ihre Angelegenheit begreifen. Besonders bei vielen jungen Menschen wünsche ich mir mehr Begeisterung und Leidenschaft für ihre Heimat. Nur wer sich bewusst, dankbar und stolz zu den demokratischen und rechtsstaatlichen Errungenschaften der westlichen Demokratien bekennt, ist auch bereit, für diese Werte einzustehen.

Die Nacherzählung des Auszugs aus Ägypten im Buch Exodus verbindet jede neue jüdische Generation mit der zentralen Erfahrung der Befreiung. Der Mut und die Kraft unserer Vorfahren mahnen uns, auch unsere Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Die Erzählungen sind voller Momente des Scheiterns, des Zweifelns und der Abkehr vom rechten Weg. Am Ende jedoch ist es gelungen, die Menschen zusammenzuhalten und gemeinsam das ersehnte Ziel zu erreichen.

Gemeinwesen Auch heute erleben wir Momente des Scheiterns und des Zweifelns. Die rechtsextremistische deutsche Terrorzelle, der Antisemitismusbericht, das Attentat in Toulouse, all dies sind moderne Phänomene des Scheiterns staatlicher Behörden und Teilen der Gesellschaft sowie Augenblicke des Zweifelns am stets beteuerten gesellschaftlichen Wertekonsens.

Sie fordern unser Gemeinwesen heraus, prüfen das demokratische Engagement und unseren Glauben an das friedliche und respektvolle Miteinander in unserer Gesellschaft. Ebenso notwendig und überfällig wie staatliches Durchgreifen ist also der gesamtgesellschaftliche Kraftakt.

Staatliche Maßnahmen sind kein Ersatz für den Kampf um die Köpfe. Rechtsextreme oder islamistische Gesinnungen lassen sich nur im Dialog ausräumen. Ohne kluge und ehrliche Kommunikation sowie eine tiefe Auseinandersetzung mit den einschlägigen Themen kann die nachhaltige Eindämmung extremistischen Gedankenguts nicht gelingen.

Das Vermächtnis unserer Vergangenheit lautet: Nie wieder! Gewalt und Diskriminierung sind nicht das Problem der betroffenen Gruppen, sondern der Gesellschaft, die sie zulässt. Die Bürger sind verantwortlich dafür, in Staaten voller mündiger Demokraten zu leben.

Probe Auch wenn also unser Glaube immer wieder belastet wird, auch wenn unser Vertrauen auf G‐tt im Laufe unseres Lebens auf harte Proben gestellt wird – die Herausforderung liegt darin, gerade dann standhaft zu bleiben, wenn wir dazu neigen, vom Glauben abzufallen. Gemeinsam, so die unverrückbare Botschaft von Pessach, können wir als Gemeinschaft alles erreichen. Als von G‐tt auserwähltes Volk sind wir in jeder Phase der Geschichte, allen Widerständen und allen Schicksalsschlägen zum Trotz, immer wieder stärker als zuvor. Diese Gewissheit soll uns für die Bewältigung der bevorstehenden Herausforderungen Hoffnung und Mut geben.

Pessach sameach vekascher! Die besten Grüße und Wünsche für ein frohes und koscheres Pessach.

Ihre Charlotte Knobloch

Die Autorin ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses

Porträt der Woche

»Ich habe viel gelernt«

Alexandra Poljak studiert Pädagogik und vertritt jüdische Studierende in Baden

von Gerhard Haase-Hindenberg  21.07.2019

München

Widerstand, Spurensuche, Symposium

Meldungen aus der IKG

 18.07.2019

Berlin-Mahlsdorf

»Falls jemand mich suchen sollte«

Eine Stele erinnert an das Schicksal der Familie Guthmann

von Maria Ugoljew  18.07.2019