Jüdisches Gymnasium

»Wir fühlen uns nicht sicher«

Bundesjustizministerin Lamprecht im Gespräch mit jüdischen Schülern Foto: Uwe Steinert

Der helle Raum unter dem Dach des Jüdischen Gymnasiums Moses Mendelssohn in Berlin-Mitte wirkt wie eine kleine Oase – große Fenster, weiter Blick. Nebenan sind Schüler des Kunstkurses in Staffeleien vertieft. Aus den unteren Etagen dringen gedämpft Saxofonklänge nach oben. Als an diesem Dienstagvormittag Bundesjustizministerin Christine Lambrecht das Jüdische Gymnasium besucht, um mit Schülern ins Gespräch zu kommen, wird schnell deutlich: Für die zehn Zwölftklässler, die der Ministerin hier stellvertretend für ihre Mitschüler von Antisemitismus-Erfahrungen im Alltag berichten, ist diese Schule nicht nur eine Oase, sondern ein regelrechter Zufluchtsort. Und das nicht erst seit Halle.

Berührungsängste gibt es keine. Kaum hat die Ministerin vorne neben Gemeindechef Gideon Joffe und Schulleiter Aaron Eckstaedt Platz genommen und die 17- bis 19-Jährigen zu einer »Bestandsaufnahme zur Lage in Deutschland« aufgefordert, melden sich die Jugendlichen zu Wort. Da ist zum Beispiel Emily, 17. Sie erzählt von »vielen Anfeindungen und Beleidigungen« an ihrer alten Schule, die schließlich dazu geführt hätten, dass sie aufs Jüdische Gymnasium wechselte. Hier könne sie aufatmen und ihr Jüdischsein endlich ausleben, sagt sie.

Ramon, der neben ihr sitzt, sagt, er habe bislang keine antisemitischen Erfahrungen gemacht. Er führt das jedoch vor allem darauf zurück, dass er bislang in einem geschützten jüdischen Umfeld aufwuchs – Kindergarten, Grundschule, Freundeskreis. Er sei nicht religiös, sagt er, aber es störe ihn, dass er in Deutschland keine jüdischen Symbole tragen könne – aus Angst vor Beleidigungen. Solche hat sein Freund David mehrfach erlebt, als er nach der Synagoge schlichtweg vergessen hatte, seine Kippa abzusetzen. »Blöde Sprüche« seien da noch harmlos.

AUSWIRKUNGEN Fast alle Schüler berichten von Mahnungen der Eltern zur Zurückhaltung. Doch das ängstige sie erst recht, sagen sie. Denn es gebe ihnen das Gefühl, sich nicht sicher fühlen zu können. »Man weiß nie, wie Menschen darauf reagieren, wenn man sich als Jude zu erkennen gibt«, meint David. Er klingt resigniert. Und Schulleiter Aaron Eckstaedt, der alle ein bis zwei Wochen neue Schüler aufnimmt, die vor Antisemitismus an staatlichen Schulen fliehen, spricht von »erschütternden individualpsychologischen Auswirkungen«.

Christine Lambrecht hört aufmerksam zu. Sie fragt viel nach, will mehr wissen, lässt nicht locker und zeigt sich angesichts von Aussagen wie dieser sichtlich bestürzt. Versicherte sie den Jugendlichen anfangs noch gut gemeint, »wer Juden angreift, greift uns alle an«, weichen viel gehörte Formeln wie diese nach den Erfahrungsberichten der Schüler schnell konkreten Aussagen zu aktiven Handlungsansätzen.

So werde sie am kommenden Tag im Bundestag mit Innenminister Horst Seehofer ein »Maßnahmenpaket« vorstellen, das auf Hass und Hetze im Netz reagiert, sagt sie. Sie wolle den »Nährboden in der vermeintlichen Anonymität des Netzes trockenlegen«, indem die Plattformen verpflichtet werden, Morddrohungen und Volksverhetzung unverzüglich den Ermittlungsbehörden zu melden. »Dort, wo Strafrecht anfängt, hört Meinungsfreiheit auf«, sagt Lambrecht vehement.

»In dem Moment, wo Hass und pure Feindschaft auf Dialogbereitschaft prallen, baut Begegnung keine Vorurteile mehr ab – da müssen neue Konzepte her«, meint Schulleiter Aaron Eckstaedt.

Aber auch Präventionsarbeit will die Ministerin voranbringen. Doch hier sind die Schüler skeptisch, ebenso wie ihr Schulleiter. Begegnungen alleine reichen längst nicht mehr aus, betont Eckstaedt. Bisherige Formate würden an ihre Grenzen stoßen. »In dem Moment, wo Hass und pure Feindschaft auf Dialogbereitschaft prallen, baut Begegnung keine Vorurteile mehr ab.«

Der Schulleiter spricht aus Erfahrung. »Im Umgang mit Diversität in Deutschland sind wir manchmal etwas naiv, noch zu unprofessionell und inkonsequent, gerade, was gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit angeht.« Andere Länder seien da weiter.

aktionswochen Ein neues Konzept regt Gemeindechef Gideon Joffe an – externe Unterstützung im Rahmen von Aktionswochen etwa könnte Lehrkräfte an staatlichen Schulen stärken. Diese seien bei Themen wie Nazi-Zeit, Holocaust, Israel, Nahostkonflikt zusehends überfordert – aufgrund erheblichen Konfliktpotenzials mit ihrer Schülerschaft.

In diesem Zusammenhang berichtet Emily der Ministerin von »Likrat«, einem Schüler-Begegnungsprojekt des Zentralrats. In Seminaren und Workshops werden die »Likratinos« befähigt, sich Fragen Gleichaltriger zum jüdischen Leben zu stellen. Das seien »Begegnungen auf Augenhöhe«, sagt Emily selbstbewusst. Respektvoll und nachhaltig. Und ein ermutigender Lichtblick, findet Christine Lambrecht.

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