Ausstellung

Wenn Michelangelos Moses spricht

In der ungarischen Provinz zum Reden gebracht: Michelangelos Moses Foto: kunsthausdresden.de

Vot ken you mach? S’iz Amerike hieß ein populäres Lied, das Aaron Lebedeff, ein Star des New Yorker jiddischen Theaters in den 1920er‐Jahren schrieb. Darin beschrieb er in einer Mischung aus Jiddisch und Englisch die rasanten kulturellen Veränderungen, mit denen die ostjüdischen Immigranten in der neuen Heimat konfrontiert wurden.

Vot ken you mach? ist auch der Titel einer Ausstellung, die am 1. Dezember im Kunsthaus Dresden eröffnet wird, ausgerichtet von der Jüdischen Gemeinde Dresden und dem Kunsthaus in Kooperation mit dem Muzeum Wspólczesne Wroclaw, dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr und anderen Partnern.

Etablierte und neue Künstler aus London, Prag, Warschau, Breslau, Belgrad, Budapest und Berlin stellen in der Ausstellung und im Begleitprogramm die Frage nach jüdischen Identitäten in Europa heute. Im Mittelpunkt stehen dabei die Befangenheit und die Tabus, die auch in der dritten jüdischen Generation nach der Schoa noch präsent sind. In historischen wie auch persönlichen Narrativen setzen sich die Künstler in vielfältigen künstlerischen Formen mit dem Schweigen, den fehlenden Orten wie auch den »missing links« einer jüdisch‐europäischen Geschichte auseinander.

kontaktanzeige Amit Epsteins filmisch‐musikalische Revue Stockholm‐Syndrom etwa beschreibt eindringlich die europäische Identität, die der Künstler durch seine Großmutter vermittelt bekam, seine Rückkehr nach Deutschland und den Alltag, in dem er unversehens der Geschichte begegnet.

Die in London lebende Künstlerin Sharone Lifschitz schaltete in deutschen Zeitungen eine Anzeige mit dem Wortlaut: »Young Jewish woman visiting Germany would like to have a conversation about nothing in particular with anyone reading this«. (Junge jüdische Frau, die Deutschland besucht, hätte gern ein Gespräch über nichts Besonderes mit jemandem, der dies liest.)

Die Frage nach jüdischer Geschichte und Gegenwart greifen Gergely László und Péter Rákosi aus Budapest und Berlin anhand der Kunstgeschichte auf. Sie bringen eine Kopie von Michelangelos Moses‐Statue in der ungarischen Provinz zum
Sprechen, unter anderem über Sigmund Freuds Thesen zur Religion in seiner Studie Der Mann Moses.

Auch Yael Bartana, die mit ihren Arbeiten in den vergangenen Jahren international mehrfach heftige Kontroversen ausgelöst hat, spielt im Militärhistorischen Mu seum der Bundeswehr auf Kunstgeschichte und Gegenwart an. Otto Dix »Kriegskrüppel«, während der Nazizeit als »Entarte Kunst« diffamiert und seither verschollen, marschieren hier erneut.

rahmenprogramm Im Rahmenprogramm der fünf Monate dauernden Ausstellung bieten Konzerte, Filme, Gespräche, Performances und weitere Ausstellungen Einblicke zu Fragen von Kunst und (jüdischer) Identität: Strategien der Identitätsverschiebung in der Popkultur, neue Szenen jüdischer Kultur in Osteuropa, Familiengeheimnisse und das Schweigen zwischen den Generationen, Gedenken als Verpflichtung, die ungeschriebene Kulturgeschichte jüdischer Rache und die Suche nach einem »normalen« jüdischen Alltag sind hier thematische Schwerpunkte.

»Vot ken you mach?«
Kunsthaus Dresden, 1. Dezember bis 5. Mai 2014

www.kunsthausdresden.de

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