Hamburg

Wem gehört der Bornplatz?

Die Synagoge auf dem Bornplatz vor ihrer Zerstörung Foto: Heike Linde-Lembke

Die Joseph‐Carlebach‐Schule platzt aus allen Nähten. Es fehlen Klassenzimmer und Fachräume, beispielweise für Physik und Chemie, von einer Turnhalle ganz zu schweigen. Schon jetzt sind einige Klassen in Containern im Innenhof zwischen dem jüdischen Gemeindezentrum im Gebäude »Talmud‐Tora‐Schule« und dem Gebäude Erziehungswissenschaften der Universität Hamburg untergebracht.

Die Jüdische Einheitsgemeinde Hamburg will nun das Areal des Joseph‐Carlebach‐Platzes nutzen können, auf dem vor dem 9. November 1938 die Bornplatz‐Synagoge stand, Hamburgs prächtigste Synagoge. Für den Bau eines jüdischen Bildungshauses muss die Gemeinde dicke Bretter bohren. Denn der Hamburger Senat sieht sich als Eigentümer von Grund und Boden des Joseph‐Carlebach‐Platzes und mauert gegen die Pläne der Gemeinde, die zurzeit 2500 Mitglieder zählt.

Aber gehört dem Hamburger Staat der Joseph‐Carlebach‐Platz wirklich? 1902 erwarb die damalige Deutsch‐Israelitische Gemeinde das Grundstück für den Bau der Bornplatz‐Synagoge. Die Crux des Vertrags: Sollte einmal keine Synagoge dort stehen, fällt das Grundstück an die Stadt zurück. Das wusste auch die NS‐Regierung. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 schändeten die Nazis die Bornplatz‐Synagoge. Die Innenräume gingen in Flammen auf. Doch das Gebäude blieb unversehrt.

Entschädigung Wenig später befahl Hamburgs NS‐Gauleiter Karl Kaufmann den Abriss und konfiszierte das Grundstück. Die Gemeinde musste sogar den Abriss zahlen. Die Entschädigungssumme von 50.000 Reichsmark wurde zynisch für eventuelle soziale Unterstützung für Hamburger Juden einbehalten.

Nach 1945 verhandelte die Jewish Trust Cooperation mit dem Senat über eine Entschädigung. Die Wiedergutmachungskammer des Landgerichts Hamburg bejahte zwar am 2. Dezember 1950 den Rechtsanspruch der neuen Jüdischen Gemeinde als Rechtsnachfolgerin der Deutsch‐Israelitischen Gemeinde, verhandelte aber mit der Jewish Trust Cooperation, die letztlich auf ein Pauschalabkommen für 150 jüdische Grundstücke und weitere zwölf Grundstücke, darunter auch das der Bornplatz‐Synagoge, für 1,5 Millionen D‐Mark einging – weit unter dem damaligen Wert.

»Das ist aus heutiger Sicht ein Skandal«, sagt Jürgen Sielemann, 1996 Gründer und seitdem Vorsitzender der Hamburger Gesellschaft für Genealogie, der die Geschichte des Grundstücks der Bornplatz‐Synagoge erforschte.

erinnerung Erst im November 2002 erhielt die heutige Jüdische Gemeinde das Gebäude der Talmud‐Tora‐Schule zurück. Grund und Boden gehören der Jüdischen Stiftung. Seit 28. August 2007 heißt die Schule Joseph‐Carlebach‐Schule nach Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach. Der Name »Talmud‐Tora‐Schule« wurde für das Gebäude als Erinnerung beibehalten.

Die Schule begleitet zurzeit 170 jüdische und nichtjüdische Kinder und Jugendliche vom Krippenalter bis zum Abitur, wobei in Krippe, Kindergarten und Vorschule cirka 80 Kinder betreut werden. Die ältesten Schüler bilden derzeit den elften Jahrgang. Dieser elfte Jahrgang hat auf dem Joseph‐Carlebach‐Platz eine Ausstellung zur Pogromnacht initiiert. »Wir haben die Biografien vieler Hamburger Juden recherchiert, und uns fiel auf, wieviel jüdisches Leben es in unserem Viertel, im Hamburger Grindelviertel, gab«, sagt der 17‐jährige Arthur von der Projektgruppe.

Und eben dieses Grindelviertel will auch die jüdische Einheitsgemeinde wieder in den Fokus bringen. Das Gemeindeleben findet bis jetzt im Haus Talmud‐Tora‐Schule mit der Joseph‐Carlebach‐Schule und der Verwaltung sowie in der Synagoge an der Straße Hohe Weide statt, die ebenfalls auf Grund und Boden der Hansestadt Hamburg steht. Die Synagoge Bornplatz wieder aufzubauen, bleibt ein Traum.

empfehlung »Wir überlegen den Bau eines Bildungshauses auf dem Joseph‐Carlebach‐Platz, bisher ohne Resonanz seitens der Stadt. Es schmerzt, diesen Platz so brach zu sehen«, sagt Gemeindevorsitzender Philipp Stricharz. Stattdessen kam die Empfehlung, Schuleinheiten im Gebäude hinter der Talmud‐Tora‐Schule, den Räumen der Erziehungswissenschaft der Universität, einzurichten. »Die ist aber ohne gravierende Umbauten für uns nicht geeignet«, sagt Stefanie Szczupak vom Vorstand der Gemeinde.

Das Gebäude wurde in den 80er‐Jahren aus Containern gebaut und sollte maximal 30 Jahre stehen. Nach dem Willen der Stadt könnte im März 2018 Schlüsselübergabe sein. »Doch einige Fragen sind ungeklärt, etwa, ob wir die Differenz der Miete, die die Universität für neue Räume zahlen müsste, übernehmen müssen«, sagt Szczupak.

Den Containerbau abzureißen und das Bildungshaus auf dem Grundstück zu bauen, wäre ein Wagnis, da auch dies der Stadt gehört. Das Grundstück des Joseph‐Carlebach‐Platzes aber gehöre der Jüdischen Gemeinde, weil sie sich als Rechtsnachfolgerin der Deutsch‐Israelitischen Gemeinde sieht, die das Grundstück von der Stadt erhalten hatte.

»Wir wollen das jüdische Viertel sichtbar und spürbar reanimieren. Dazu gehört für uns ein Bildungshaus auf dem Joseph‐Carlebach‐Platz, denn hier gehört wieder jüdisches Leben hin«, sagt Philipp Stricharz.

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