Interview

»Weit weg von Normalität«

»Jüdische Schulkinder lernen heute in Hochsicherheitstrakten«: Charlotte Knobloch Foto: Marina Maisel

Frau Knobloch, vor wenigen Tagen hat die jüdische Gemeinde Münchens den 71. Geburtstag Israels gefeiert. An der »Party« auf dem Odeonsplatz nahm auch Ludwig Spaenle teil, der Antisemitismusbeauftragte des Freistaats. Wie wichtig ist dieses Amt für die jüdische Gemeinde?
Zunächst einmal ist Herr Spaenle natürlich immer ein gern gesehener Gast in der jüdischen Gemeinde, der er schon seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden ist. Und gut ist auch, dass die Bayerische Staatsregierung mit der Schaffung eines Antisemitismusbeauftragten im vergangenen Jahr ein klares Zeichen gesetzt hat. Das hat erheblich zur Sensibilisierung für das Problem beigetragen. Schlecht ist allerdings, dass es dieses Amt überhaupt geben muss.

Herr Spaenle hat eine systematische Erfassung aller antisemitisch relevanten Vorfälle zu einer dringlichen Aufgabe gemacht. Er spricht von deutlich zunehmendem Antisemitismus und einer hohen Dunkelziffer …
Damit liegt er gewiss nicht daneben. Auch wenn es gesellschaftlich, politisch und juristisch unbestreitbare, spürbare Fortschritte im Kampf gegen den Judenhass gegeben hat, so müssen wir doch feststellen, dass der Weg zur angestrebten Normalität jüdischen Lebens noch immer weit ist, womöglich sogar weiter, als er es früher schon einmal war.

Wie weit von der Normalität entfernt ist das jüdische Leben im Frühsommer 2019?
Jüdische Schulkinder lernen heute in Hochsicherheitstrakten. Ihre Eltern nehmen das in Kauf, denn dieser Zustand erscheint ihnen immer noch besser, als das Kind an einer nichtjüdischen Schule den Risiken von Mobbing und Ausgrenzung preiszugeben. Das ist die Realität.

Welche Gefühle setzt das bei Juden frei?
Die Maßnahmen, die die jüdische Gemeinschaft zu ihrem eigenen Schutz treffen muss, sind für uns als Mitglieder längst so selbstverständlich geworden, dass wir die meterhohen Schutzzäune, die Überwachungskameras, die Sicherheitsschleusen und das Panzerglas gar nicht mehr wahrnehmen, die nötig sind, nur damit in den jüdischen Gemeindezentren landauf, landab so etwas wie ein geregeltes Gemeindeleben stattfinden kann. Zu diesen sichtbaren Barrieren, die der Sicherheit dienen, kommen auch noch die unsichtbaren, die sich im Kopf abspielen.

Wie meinen Sie das genau?
Die meisten Juden haben heute vor allem eine Erkenntnis internalisiert: Sichtbarkeit ist gefährlich. Die Konsequenz, die daraus gezogen wird: Wer nicht als Jude erkennbar ist, der kann auch nicht als solcher angegriffen werden.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hat jüdischen Menschen empfohlen, auf das Tragen der Kippa in der Öffentlichkeit zu verzichten, und sprach in diesem Zusammenhang von zunehmender gesellschaftlicher Enthemmug und Verrohung. Wie sehen Sie das?
Fest steht, dass die Verunsicherung in der jüdischen Gemeinde heute sehr groß ist. Und ich kann auch jeden verstehen, der sich in der Öffentlichkeit nicht als Jude zu erkennen geben will. Aber klar ist auch: Mit diesem Zustand dürfen wir uns nicht abfinden.

Fühlen sich jüdische Menschen von der Gesamtgesellschaft im Stich gelassen?
Festzuhalten ist, dass Politik und Zivilgesellschaft in jüngerer Zeit zunehmend wahrnehmen, dass in ihrer Mitte ein gesamtgesellschaftliches Problem besteht, das sie daher öffentlich auf ihre Agenda gestellt haben. Das ist ein Fortschritt. Schließlich sollte man in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass Judenhass ja nur dem Namen nach ein Problem der jüdischen Bevölkerung ist. In Wirklichkeit ist er eine Gefahr für die freiheitliche Gesellschaft an sich – für uns alle.

Mit der AfD ist eine Partei vom ganz rechten Rand in die Parlamente eingezogen. Ist das in der jüdischen Gemeinschaft spürbar?
Natürlich, allein schon über das Internet und die sozialen Netzwerke, die für die AfD eine zentrale Rolle spielen. Ich selbst habe schon unzählige Zuschriften von AfD‐Anhängern bekommen, die mir erklären wollten, dass es in dieser Partei keinen Antisemitismus gibt, obwohl die Schreiber in ihrer Kritik selbst oft genug in eine antisemitische Ausdrucksweise abdrifteten und mich mitunter am nächsten Baum aufhängen wollten. Diese Schizophrenie ist kein Zufall. Im binären Weltbild, das die AfD pflegt und in dem Gut und Böse klar verteilt sind, ist für Selbstreflexion kein Platz. So geht Radikalisierung, und so erklärt sich die Blindheit der Partei für ihre eigene antijüdische Schlagseite.

Gehen politischer Extremismus und Antisemitismus Hand in Hand?
Das ist fast immer so. Und bewusst machen sollte man sich vor allem auch die große Wandlungsfähigkeit, die Antisemitismus aktuell besitzt. Abgesehen von der extremen Rechten sind es insbesondere radikal‐islamische Milieus und die extreme Linke, die heute zur Verbreitung von Antisemitismus beitragen. Beide Milieus werden durch einen tief sitzenden Hass auf den Staat Israel geeint. Der sogenannte Antizionismus – sprich: die Ablehnung des Existenzrechts eines jüdischen Staates – ist eine neue und besonders gefährliche Form der Judenfeindschaft.

Besonders gefährlich?
Ja, denn Antisemiten dieses Schlages wollen alles sein, nur keine Antisemiten. Wir haben es, speziell auf der Seite der extremen Linken, mit Akteuren zu tun, die jeden Antisemitismusvorwurf weit von sich weisen und vielmehr betonen, ihr Anliegen sei nur der Schutz der Menschenrechte. Das aber ist infam. Denn die Kraft der Gesetze, die sich auf diese grundlegendsten menschlichen Ansprüche namens Menschenrechte stützen, ist das Lebenselixier einer Demokratie.

Auf die Menschenrechte beruft sich auch die BDS‐Kampagne, die sich gegen Israel wendet. Die drei Großbuchstaben stehen für Boykott, Desinvestitionen und Sank­tionen. Ist das Antisemitismus?
Die BDS‐Kampagne ist ein gutes Beispiel für Judenfeindlichkeit. In Wirklichkeit geht es nicht um Kritik an israelischer Politik, auch nicht um die Frage, wer dort regieren soll. Es geht schlicht darum, dass Israel in seiner bestehenden Form nicht mehr existieren soll. Das ist ungefilterter Antisemitismus und hat mit einer kontroversen politischen Auseinandersetzung nichts zu tun. Alle, die schon einmal in Israel waren, werden es bestätigen können: Die größten Kritiker Israels sind die Israelis selbst. Auf die Regierung zu schimpfen, ist im Heiligen Land, der einzigen funktionierenden Demokratie in der Region, ein Volkssport.

Mit der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern sprach Helmut Reister.

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