Diskussion

Was ist Heimat?

Charlotte Knobloch konzentriert »Heimat« auf das Gefühl, angekommen zu sein, akzeptiert und geliebt zu werden. Foto: Marina Maisel

Ein halbes Jahr lang beschäftigte sich die Münchner Volkshochschule mit dem Programmschwerpunkt »Russland‐Komplex«. Bei zwei Themen arbeitete sie dabei mit der Israelitischen Kultusgemeinde zusammen.
Zum einen in der Veranstaltungsreihe »Das Dichterwort als Wagnis«, deren Titel sich auf die Schriftsteller Ilja Ehrenburg und Joseph Brodsky bezieht.

Zum anderen bildete ein Diskussionsabend unter dem Titel »Deutschland war wie ein anderer Planet« über die umwälzenden Veränderungen durch die jüdischen Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjet­union den Schluss‐ und zugleich Höhepunkt der Veranstaltungsreihe.

Gesprächsrunde Hohe Kompetenz, persönlich enge Berührungspunkte und Blickwinkel, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, alles das garantierten die Teilnehmer der Gesprächsrunde. Charlotte Knobloch steht seit 33 Jahren an der Spitze der IKG und kennt die Situation der Gemeinde vor und nach der Zuwanderung. Alt‐Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) war 1993 im Amt – in einer Zeit, in der die Herausforderungen bei der Integration besonders hoch waren.

Einen gänzlich anderen Hintergrund hatten die beiden übrigen Diskussionsteilnehmer auf der Bühne des Gemeindezentrums.
Musiklehrerin Regina Kon wurde 1951 in Moskau geboren und kam kurz vor der Jahrtausendwende nach Deutschland. Sie lebt in Würzburg und ist in der dortigen Gemeinde stark engagiert. Der Historiker und Publizist Dmitrij Belkin ist Jahrgang 1971, stammt aus der Ukraine und kam als sogenannter Kontingentflüchtling im Jahr 1993 in die Bundesrepublik. Er studierte Geschichte und Philosophie.

Integration IKG‐Vizepräsident Ariel Kligman, der die Gäste im Jüdischen Gemeindezentrum begrüßte, ist selbst ein Beispiel für gelungene Integration. Er stammt aus der ehemaligen Sowjetunion, fand Anfang der 90er‐Jahre den Weg nach München und ist überzeugt davon, dass die Zuwanderer eine Bereicherung für die Gemeinde sind.

Zudem, so Kligman, bestehe die jüdische Gemeinde nun nicht mehr nur aus Opfern, sondern auch aus Siegern über den Nationalsozialismus. Seine Worte haben auch deshalb ein besonderes Gewicht, weil er als Integrationsbeauftragter der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern besonders intensiv mit den Neuankömmlingen beschäftigt war.

Rund eine Viertelmillion Menschen mit jüdischem Hintergrund verließen vor allem in den 90er‐Jahren als sogenannte Kontingentflüchtlinge die zusammenbrechende Sowjetunion in Richtung Mitteleuropa, Tausende blieben in München und sorgten für einen erheblichen Mitgliederzuwachs bei der IKG. Charlotte Knobloch nimmt das Wort »Integration« ungern in den Mund, weil es ihrer Ansicht nach den gesellschaftlichen Prozess und die Dimension der Herausforderung, die mit den vielen Zuwanderern verbunden ist, nur unvollständig beschreibt.

Wenn Christian Ude auf die Anfänge seiner Amtszeit und die damals gerade ankommende Welle jüdischer Zuwanderer zurückblickt, erinnert er sich auch an die bürokratische Schwerfälligkeit der Kommunen, die nur langsam in Gang gekommen seien. Zu diesem Zeitpunkt habe die jüdische Gemeinde bereits ein beeindruckendes Engagement an den Tag gelegt, stellte er fest.

trennung Wie weit dies im Einzelfall ging, entlockte Ellen Presser, Leiterin der IKG‐Kulturabteilung und Moderatorin des Abends, IKG‐Präsidentin Charlotte Knobloch. Sie erzählte, wie sie sich in ihrem Freundes‐ und Bekanntenkreis als Vermittlerin von »asylsuchenden« Haustieren betätigte. Viele Neuankömmlinge hatten den weiten Weg aus Ländern der Sowjetunion bis nach München mit Bussen, Autos oder dem Zug zurückgelegt – gemeinsam mit ihren Haustieren. Doch die waren in den Heimen und Einrichtungen, in denen die Menschen zunächst landeten, verboten.

Trennung, mit Schmerz verbunden, war auch ein wesentliches Element im neuen Leben von Regina Kon. Sie kam 1999 von Moskau nach Bayern, ihre damals bereits erwachsene Tochter und ihr Vater blieben zurück. Das Jüdischsein sei ihr durchaus bewusst gewesen, ausgelebt habe man es dagegen nicht. Seit ihrer Ankunft in Würzburg, wo eine Freundin von ihr bereits lebte, ist sie in der IKG engagiert und trägt mit ihren persönlichen Erinnerungen zu einem neuen Selbstverständnis und einer veränderten Erinnerungskultur bei.

wurzeln Der Historiker und Publizist Dmitrij Belkin ist überzeugt davon, dass die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nicht nur entscheidend geprägt, sondern auch ihr Überleben gesichert hätten. Damals kamen Juden aus der Ukraine, Russland, Moldawien oder Georgien. Heute seien sie Deutsche und Europäer – verbunden durch ihre jüdischen Wurzeln.

Worin sich Belkin sicher ist: Auch diese Menschen brauchen eine innerjüdische Positionierung – vor allem eine politische, intellektuelle und religiöse Balance zwischen der jüdischen Gemeinde und der nichtjüdischen Gesellschaft.
Heimat Kann Deutschland, das »Land der Täter«, überhaupt die Heimat von Zuwanderern aus der ehemaligen ­Sowjetunion sein? »Was bedeutet der Begriff Heimat?«, fragte Ellen Presser bei der Suche nach dem neuen Selbstverständnis die Gäste der Gesprächsrunde.

Charlotte Knobloch konzentriert »Heimat« auf das Gefühl, angekommen zu sein, akzeptiert und geliebt zu werden. Für Christian Ude können in der heutigen Zeit verschiedene Orte Heimat sein, nicht nur der eine Ort, wo man geboren wurde und aufgewachsen ist. Regina Kon bringt den Begriff mit Wohlfühlen und Orten zusammen, wo sie ihr Judentum leben könne, ohne reglementiert zu werden. Dmitrij Belkin hält den Begriff für nicht eindeutig definierbar, warnt aber davor, ihn den Rechten zu überlassen. Für postsowjetische Juden könne Deutschland wieder eine Heimat sein.

Auf diese Aussage ging auch Susanne May, die Programmdirektorin der Volkshochschule, im Schlusswort ein. »Wenn sich nach dem Ende der Sowjetunion russisch‐jüdische Zuwanderer auf den Weg machten, um als sogenannte jüdische Kontingentflüchtlinge ausgerechnet in Deutschland eine neue Heimat zu suchen, dann ist das für mich zuerst und vor allem ein unvorstellbar großer und unverdienter Vertrauensvorschuss.«
Am Applaus gemessen, sahen das auch die Besucher so.

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