Pessach

Was bedeutet Freiheit für Sie? Eine Umfrage

Familie, Glück, Zusammensein – Freiheit kann vieles bedeuten. Foto: Getty Images

Shelly Meyer, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Hamburg
Für mich ist die Pessachgeschichte aktueller denn je und die damit verbundene Freiheit auf zwei Ebenen zu verstehen: Einerseits ist Pessach ein Fest der Befreiung aus der Sklaverei und eine Erinnerung daran, dass Freiheit ein Grundrecht ist, das jedem Menschen zusteht. Das Volk Israel hat die Freiheit errungen, ein freies Volk in unserem Land zu sein, und wir erinnern mit den Worten »Lehiot Am Chofshi b‹Artzeijnu« jedes Mal daran, wenn wir die Hatikwa singen. Andererseits ist es auch die Zeit, in der wir uns daran erinnern, dass wir uns von vorgegebenen Einschränkungen und Begrenzungen befreien können und müssen. Wir haben das Recht auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit, losgelöst von äußeren Zwängen. Gerade in diesem Jahr befürchtet ein großer Teil der israelischen Bevölkerung, dass die neue Regierung, die eine Justizreform befürwortet, den Einfluss der Regierung auf die Justiz verstärken und damit Rechtsstaatlichkeit und Freiheit schwächen könnte. Israelis demonstrieren seit mehreren Wochen mit der Hatikwa und den Worten »Lehiot Am Chofshi b‹Artzeijnu« für diese Freiheit. Deshalb sollten wir uns an Pessach nicht nur an den Auszug aus Ägypten und die gewonnene Freiheit erinnern, sondern uns tagesaktuell bewusst werden, dass die Freiheit für das jüdische Volk keine Selbstverständlichkeit ist.

Herbert Rubinstein, Düsseldorf
Freiheit bedeutet mir eine ganze Bandbreite: 1. Glück, 2. Freude, 3. Gestaltungsmöglichkeit, 4. Selbstbestimmung, 5. Menschenwürde, 6. Leben. Die Unterteilung in dieser Reihenfolge hat Gründe. Glück: Freiheit zu haben, also nicht unvermeidlichem und unausweichlichem Druck ausgesetzt zu sein oder zu unterliegen, lässt in mir das Gefühl der Freiheit, der freien Entscheidung entstehen. Ein Gefühl des Glücks, dieses Vorrecht zu besitzen und es umsetzen zu können/dürfen. Freude: Freiheit zu spüren, diese selbst steuern zu können, bedeutet für mich Freude. Meine Freiheit ermöglicht es mir, mich anderen zu widmen und sie aus eventueller Befangenheit zu lösen. Das tut mir dann selbst gut und schenkt mir Freude. Gestaltungsmöglichkeit und Selbstbestimmung: Freiheit ermöglicht mir Gestaltungsmöglichkeit bei meinem Werdegang und auf meinem Lebensweg. Die Selbstbestimmung ermöglicht es mir, Ratschläge und Meinungsäußerungen zu hören, aber dann kommt meine freie Entscheidung. Menschenwürde und Leben: Das sind, aus meiner Sicht, zwei grundlegende Voraussetzungen, die Freiheit bedeuten: Menschenwürde lässt die Freiheit des Gegenübers zu, das Gegeneinander anzusprechen und Lösungen anzustreben, die ein Miteinander ermöglichen. Das Leben in Freiheit bedeutet die Möglichkeit, Körper, Geist und Seele so einzusetzen, dass Freiheit und Leben eine Einheit bilden, die Voraussetzung für eine lebenswerte Gegenwart und eine bessere Zukunft.

Moshe Flomenmann, Landes- und Polizeirabbiner von Baden, Karlsruhe
Freiheit ist ein individuelles Gut, von dem jeder Mensch ein persönliches Verständnis besitzt. Für den einen bedeutet das, seine Religionsfreiheit leben zu können, ohne dadurch Nachteile zu verspüren. Für den anderen bedeutet das, Reisefreiheit zu haben, die beispielsweise durch einen besonderen Pass ermöglicht wird. Für mich persönlich bedeutet Freiheit, Gedanken richtig einzuordnen, Balance und Zufriedenheit in sich selbst zu finden, was ermöglicht, einen gewissen Neuanfang zu gestalten. Im globalen Sinne gibt es zwei Arten der Freiheit: einerseits die physische Freiheit, die wir an Pessach durch die Befreiung aus der Sklaverei erlebten. Zum anderen die Freiheit, die wir an Schawuot durch die Entgegennahme der Verpflichtungen und Satzungen am Berg Sinai erlebten, wodurch wir als ein Volk konstituiert wurden. Für viele bedeutet Freiheit, zu machen, was sie wollen, gerade das ist aber für mich Unfreiheit. Freiheit bedeutet für mich, sich theoretisch für das Falsche entscheiden zu können, aber praktisch alles richtig zu machen.

Esther Hass, Vorstand Jüdische Gemeinde Kassel
Freiheit ist ein hohes Gut, besonders für mich als jüdischen Menschen! Freiheit zu erfahren und zu genießen in einem demokratischen Gemeinwesen sollte man schätzen und bewahren, wobei im Bewusstsein klar sein muss: Grenzenlose Freiheit gibt es nicht! Freiheit in einer Gemeinschaft (Volk, Staat, Kommune) beinhaltet grundsätzlich Grenzen sowie Rechte und Pflichten für jeden Einzelnen, mit Gleichheit aller und Gerechtigkeit, sowie Akzeptanz im Miteinander und keinerlei Ausgrenzung. Hören und Zuhören ist dabei ein wichtiges Element für das Wohlsein in einer Gemeinschaft vieler. Chancengleichheit in Bildung, Entwicklung, Beruf und Alter gehören dazu, damit jeder Mensch seine Möglichkeiten für seine persönliche Sinnbildung des Lebens erfahren kann. Gerade wir jüdische Menschen im Angesichts des Pessach-Ereignisses sollten den Wert der Freiheit, der Befreiung besonders hoch einschätzen. Jedes Jahr sollen wir an dieses Ereignis erinnert werden, als wären wir dabei gewesen. Denn Fremdheit, Minderheitendasein sowie Verschleppung und Diaspora haben wir durch Jahrhunderte erlebt und erfahren. Die Lehre daraus zu ziehen, dass Freiheit gewonnen, verteidigt und bewahrt werden muss, ist uns ins Gedächtnis geschrieben. Jeder und jede ist Teil eines Gemeinwesens, das Leitlinien und Grenzen für das Miteinander von Haschem erhalten hat.

Tascha, Berlin
Freiheit ist immer relativ. Wenn ich zum Beispiel einen Fallschirmsprung absolviere, fühle ich mich frei, aber ich bin gleichzeitig abhängig von Fallschirm, Windstärke und Hunderten anderen Faktoren. Auf persönlicher Ebene habe ich manchmal das Gefühl, vor lauter Verpflichtungen (Arbeit, Familie, Hund et cetera) nie frei zu sein. Aber andererseits ist es die größte Freiheit überhaupt, die Wahl zu haben und eigene Entscheidungen treffen zu können. Ich hatte die Freiheit, mich für mein Leben so zu entscheiden, wie es jetzt ist. Vielleicht kaufe ich mir diesen Sommer noch ein kleines Boot und gönne mir noch ein bisschen mehr Freiheit. Auf globaler Ebene schätze ich mehr denn je die konstitutionellen Freiheiten, zum Beispiel die Freiheit der Meinungsäußerung, Versammlungsfreiheit, Freiheit der Kunst, Recht auf Bildung. Es ist unbegreiflich, dass Menschen in einem anderen Land im Gefängnis landen, allein für ein Plakat, auf dem »Frieden« steht. Zu Pessach ist mein größter Wunsch, dass mein Heimatland, die Ukraine, endlich wieder die Freiheit und Unabhängigkeit erlangt und die Menschen dort in Ruhe ihr Leben weiterleben beziehungsweise neu aufbauen können.

Zusammengestellt von Katrin Richter

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