Schweden

Vor 75 Jahren verschifft

Gebet in der Synagoge Adat Jeschurun Foto: Roman Wasserman Wroblewski

Am Kai des Stockholmer Hafens wunderten sich an einem kühlen Morgen im April 1939 die Spaziergänger über achtlos hingeworfene Holzkisten. Ihr Inhalt lag quer über den Hafen verstreut: Bänke, Bücher, ein Toraschrank.

Fünf Monate zuvor hatte das Mobiliar in einer Synagoge in Hamburg gestanden. Weil sie sich in der zweiten Etage eines gewöhnlichen Mietshauses befand, blieb sie in der Pogromnacht am 9. November 1938 verschont. Oberrabbiner Joseph Carlebach sah darin einen »Fingerzeig Gottes«. Für ihn stand fest: Die Synagoge muss in Sicherheit gebracht werden.

transport Er schrieb seinem alten Freund Hans Lehmann nach Stockholm: »Sie können die gesamte Synagoge haben, wenn Sie nur den Transport bezahlen.« Lehmann, ein wohlhabender Geschäftsmann, der schon Anfang der 30er‐Jahre nach Schweden emigriert war, sagte zu. Daraufhin beantragte Carlebach eine Exportlizenz für »Holz und Hausrat« und verschiffte die Kisten über die Ostsee. Bei alten Möbeln schöpften die Nazis keinen Verdacht.

Weder der prächtige Toraschrein noch die geschnitzten Bänke überstanden die Reise unbeschadet. Doch die Synagoge war gerettet. Lehmann setzte alles daran, ihr Inventar originalgetreu zu restaurieren. Einer seiner Vorfahren hatte im 18. Jahrhundert in Halberstadt eine Synagoge namens Adat Jeschurun gegründet. Sie war in der Pogromnacht vollständig zerstört worden. Im Andenken an sie nannte er die gerettete Synagoge Adat Jeschurun.

Jugendstilblüten Heute ist sie eine von zwei orthodoxen Synagogen in Stockholm. Das Interesse der Beter an der Geschichte ihrer Synagoge hält sich 75 Jahre nach ihrer Rettung in Grenzen – sehr zum Bedauern von Roman Romuald Wasserman Wroblewski. Der pensionierte Mediziner und Initiator der Stockholmer Schoa‐Gedenkstätte will die Erinnerung an Adat Jeschuruns Herkunft wachhalten. Und er möchte den Tischler und den Künstler finden, die einst die Bänke, die Bima und den Toraschrank anfertigten und mit zierlichen Jugendstilblüten dekorierten. Bereits 1991 sind erste Muster auf Gebetsbänken freigelegt und restauriert worden.

Wasserman Wroblewski hofft, die noch fehlenden Puzzleteile der wechselvollen Synagogengeschichte zusammenzutragen – und ihr im 21. Jahrhundert ein neues Kapitel hinzuzufügen. Viele Fragen sind offen: Wer hat die Art‐Nouveau‐Blumen gemalt, wer die Bänke geschnitzt? Wasserman Wroblewski hat bisher lediglich herausgefunden, dass die Spuren nach Ungarn oder Österreich führen.

Ausgelagert Weil das Hillel‐Schulgebäude, in dem sich die Synagoge befindet, saniert werden soll, wurde das Interieur kürzlich ausgelagert. Rebbetzin Anna Nachman machte dabei eine sensationelle Entdeckung: Unter einer dicken grünen Farbschicht kamen weiße Lilien, Seegras und zartgrüne Jugendstilblätter zum Vorschein, die an den Außenseiten der Bänke sowie am Toraschrank emporranken.

Für Wasserman Wroblewski ist dies Ansporn, seine Suche nach dem Künstler fortzusetzen. Auch will er sich dafür einsetzen, dass die Blumen in ihrer halb verdeckten Form belassen und unter Glas gelegt werden. Doch diese Pläne wird er vermutlich erst 2015 umsetzen können. Dann soll die Sanierung des Gebäudes abgeschlossen sein. Bis dahin warten Bänke, Toraschrank und Bima im Magazin.

 

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