Stuttgart

Von Ofrin bis Auerbach

»Wer nicht hinauskommt, kommt nicht heim – Juden und ihre gefundene Heimat«. Von dem Schriftsteller Berthold Auerbach (1812–1882) stammt das Motto für die 9. Jüdischen Kulturwochen Stuttgart. Vom 5. bis 18. November lädt die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) in Kooperation mit weiteren Kulturinstitutionen zu 27 Veranstaltungen ein, erzählt Barbara Traub.

»Auerbach zählte im 19. Jahrhundert zu den meistgelesenen Autoren in Deutschland«, erklärt die Vorstandssprecherin der IRGW. Er sei »das Hätschelkind aller Salons von Berlin bis Wien« gewesen, doch schon 100 Jahre nach seiner Geburt vergessen, seine Bücher im Dritten Reich verbrannt worden. »Auch wenn Auerbachs Werk, genährt aus Realität und Idylle, inzwischen nicht unumstritten ist, wollen wir den Schriftsteller in einer Matinee aus dem Vergessen holen«, ergänzt Heidi Barbara Kloos, Historikerin und Literaturwissenschaftlerin.

Hommage Ein internationales Kolloquium mit Wissenschaftlern mehrerer europäischer Universitäten wird als Hommage an eine Literaturwissenschaftlerin stattfinden, die in Stuttgart ihre Heimat fand: Käte Hamburger. 1896 in Hamburg geboren, war sie eine der ersten deutschen Studentinnen, promovierte über Schiller. 1956 kam sie nach Stuttgart, habilitierte sich als 60-Jährige über die Logik der Dichtung, lehrte an der Universität und starb hochbetagt 1992.

»Käte Hamburger leitete in ihrer Wohnung einen Gesprächskreis, in dem auch der Literaturwissenschaftler Hans Mayer und das Ehepaar Jens verkehrten«, erzählt Joel Berger. »Die haben in eineinhalb Stunden die Literatur Israels und Deutschlands auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt«, erinnert sich der frühere Landesrabbiner der IRGW. Gemeinsam mit seiner Frau Noemi betreut Berger das Programm der Kulturwochen als Kurator.

Geheim Licht ins Dunkel über den jüdischen »Geheimnisprofessor« Abramo Colorni wird Daniel Jütte bringen. Colorni ließ sich auf Einladung des württembergischen Herzogs Friedrich I. um 1590 in Stuttgart nieder. Als Geheimwissenschaften galten damals das Militärwesen, die Kryptografie, die Alchemie und die Magie.

In einem Symposium wird im Haus der Geschichte Baden-Württemberg an jüdische Schriftsteller des Südwestens wie Bruno Stern und Leopold Marx sowie an den Aderlass durch das »Verschwinden« jüdischer Künstler an deutschen Theatern nach 1933 gedacht.

Programm Freunde der Musik und Theaterkunst können sich zudem freuen auf das Musik-Kabarett Der Wendekreis mit Robert Kreis, ein Jazz-Konzert mit der Israelin Ofri Brin und Band aus Berlin, den Spielfilm Fateless nach dem Roman von Imre Kertész, die Theaterproduktion Leutnant Gustl, ein Gala-Konzert mit Gewinnern des Karl-Adler-Jugendmusikwettbewerbs und ein Synagogenkonzert.

Auf mehreren Stadtspaziergängen werden jüdische Spuren in Stuttgart verfolgt. »Was isst a Jid?« titelt eine Matinee über Heiteres und Ernstes zur Speisekultur mit Joel Berger. Rachel Dror führt durch die Synagoge, das Theater-Studio der IRGW zeigt unter Leitung von Felix Charam die Inszenierung Der Trauschein von Ephraim Kishon. Über den schwedischen Judenretter Raoul Wallenbergs sprechen Paul Lendvai und Joel Berger.

DiAlog »Mit den Jüdischen Kulturwochen suchen wir den Dialog mit der nichtjüdischen Gemeinschaft«, definiert Traub das Ziel. Im Schatten der Feigenbäume und Weinreben heißt eine Ausstellung über 500 Jahre jüdisches Leben in der osmanischen Gesellschaft, die der Verein Süddialog und das Stuttgarter Lehrhaus von Istanbul ins Stuttgarter Rathaus holen.

»Wir wollen am Beispiel der Integration sefardischer Juden am Bosporus zeigen, dass Integration möglich, ja nötig ist«, sagt Meinhard Tenné. »Auch in unseren Schulbüchern wird zugunsten der Ab- und Ausgrenzung noch immer zu wenig über Gemeinsames der Kulturen informiert«, kritisiert der Ex-Vorstandssprecher der IRGW.

www.irgw.de/kulturwochen

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