32. Jüdische Kulturtage

Von Moskau nach Berlin

Stargast bei den Jüdischen Kulturtagen Berlin: der orthodoxe Rapper Nissim Black Foto: pr

Neben israelischen Mandolinen, einer rappenden 94-Jährigen und koscheren Comics richten die 32. Jüdischen Kulturtage den Fokus vor allem auf »die russische Seele«. Denn die diesjährigen Kulturtage fallen mit einem für die Jüdische Gemeinde zu Berlin bedeutsamen Jubiläum zusammen: 30 Jahre Mauerfall.

Das sei deshalb so einschneidend gewesen, sagte Gemeindechef Gideon Joffe am Donnerstag in der Synagoge Rykestraße, als er dort gemeinsam mit Kulturdezernentin Sara Nachama und Intendant Gerhard Kämpfe das Programm vorstellte, weil dieser historische Tag jüdisches Leben in Berlin »gerettet« habe. Ohne die Zuwanderung aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion keine jüdische Renaissance in Deutschland. Ihnen widmet die 32. Ausgabe der Berliner Traditionsveranstaltung unter dem Motto »Shalom Berlin« daher einen besonderen Akzent.

SWING So wird etwa eine Ausstellung mit dem Titel »Angekommen!?« im Centrum Judaicum Berliner jüdische Künstler aus der Sowjetunion vorstellen – Maler, Bildhauer, Foto- und Installationskünstler. Und Andrej Hermlin und sein Swing Orchester erweitern während der Kulturtage ihr Repertoire von russisch-jüdischen Swing-Legenden wie Benny Goodman auf den hierzulande eher unbekannten »sowjetischen Swing«. Der Musiker saß mit weiteren Künstlern auf dem Podium, darunter dem israelischen Musiker Avi Avital und der Schauspielerin Katja Riemann.

»Jüdisches aus Russland« bringen auch das Moscow Male Jewish Capella Ensemble, einer der berühmtesten Synagogal-Chöre der Welt, und die achtköpfige Klezmerband Dobranotch aus St. Petersburg mit, experimentierfreudige Musiker zwischen Balkanpop, Blaskapelle und Klezmer. Nicht zuletzt beim Eröffnungskonzert in der Synagoge Rykestraße spiegelt sich der besondere Fokus wider, das der Weltklasse-Geiger Yury Revich gemeinsam mit dem Deutschen Kammerorchester bestreiten wird.

»Wir wollen die Menschen lachend nach Hause gehen lassen – das ist gerade in diesen Zeiten besonders wichtig.« Intendant Gerhard Kämpfe

Und doch greift der Schwerpunkt auf der »russischen Seele« zu kurz, wenn man das Programm der Jüdischen Kulturtage betrachtet. Bei insgesamt 21 Veranstaltungen müssen sich die Besucher bei bis zu drei Veranstaltungen täglich zwischen szenischen Lesungen, Theaterabenden, Podiumsdiskussionen, Konzerten und Familienfesten für eins der Highlights entscheiden – keine leichte Wahl.

HUMOR Zum Glück finden manche Veranstaltungen mehrmals statt – so wie der beliebte humoristisch-musikalische Abend im Renaissance-Theater. Zum vierten Mal in Folge ist er eine mittlerweile liebgewonnene Tradition bei den Jüdischen Kulturtagen, bei der bekannte wie neue Gäste, darunter Simone Thomalla, Nadine Schori und Pierre Besson Texten von Ephraim Kishon, Kurt Tucholsky und Woody Allen vortragen. »Wir wollen die Menschen lachend nach Hause gehen lassen – das ist gerade in diesen Zeiten besonders wichtig«, sagte Intendant Gerhard Kämpfe dazu.

Auch jüngere Besucher sollen auf ihre Kosten kommen. Daher freut sich Kämpfe besonders auf den Auftritt von Nissim Black, dem »Rapper mit der Kippa«, einem orthodoxen Juden aus Seattle, dessen Songs auf YouTube millionenfach geklickt werden. »Wir versuchen, für alle Generationen etwas anzubieten, zumal es nach dem Konzert Gelegenheit geben wird, im Columbia Theater mit dem Musiker ins Gespräch zu kommen«, sagt Kämpfe.

Nissim Blacks Auftritt wird einer der Highlights werden. Die Songs des »Rappers mit der Kippa« werden auf YouTube millionenfach geklickt.

Rappend geht es auch bei einer Filmvorführung mit der Schoa-Überlebenden Ester Bejarano zu – deren Konzert mit Jiddisch, Deutsch, Türkisch und Kölsch singenden Musikern in Havanna im Mittelpunkt des Films Wo der Himmel aufgeht steht.

JAZZ Als besondere Highlights hebt der Intendant zudem die israelische Soul-Queen Yasmin Levy beim Abschlusskonzert hervor – der israelische Superstar singt auf Ladino, der Sprache ihrer sefardischen Vorfahren – sowie den israelischen Musiker Avi Avital und dessen Konzert »Avital meets Avital« am 10. November in der Synagoge Rykestraße, ein Projekt, bei dem sowohl der klassische Mandolinenvirtuose als auch sein Musikerkollege, der Jazz-Kontrabassist Omer Avital, ihrem jeweiligen jüdisch-marokkanischen kulturellen Erbe näherkommen.

Als israelische Star die Konzertidee vorstellte, bedauerte die Schauspielerin Katja Riemann, nicht zu Avitals Konzert gehen zu können – denn zur gleichen Zeit verwebt sie im Renaissance-Theater in Charlottenburg Musik, Literatur, Film und Theater zu Edgar Hilsenraths Roman Das Märchen vom letzten Gedanken. Es ist eine Veranstaltung, die den Facettenreichtum der Jüdischen Kulturtage zeigt: Denn neben Einblicken in die Vielfalt und Lebendigkeit jüdischen Lebens heute sind Gedenken und Erinnerung ebenfalls fester Bestandteil des Programms.

www.juedische-kulturtage.org

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