Porträt der Woche

Vom Talmud inspiriert

Nathan Kaplan bereitete sich in der Jeschiwa auf ein Leben als Unternehmer vor

von Gerhard Haase-Hindenberg  26.05.2019 00:51 Uhr

»Wir spenden zehn Prozent unseres Ertrags für Arme, religiöses Leben und die Umwelt«: Nathan Kaplan (35) aus Frankfurt Foto: Rafael Herlich

Nathan Kaplan bereitete sich in der Jeschiwa auf ein Leben als Unternehmer vor

von Gerhard Haase-Hindenberg  26.05.2019 00:51 Uhr

Vor einiger Zeit kamen diese Abo-Boxen auf den Markt, mit denen diverse Zielgruppen je nach ihrem Lebensstil kuratiert Produkte erhalten. So bekommen etwa Yoga-Fans jede Woche eine Yoga-Box oder Tierliebhaber wöchentlich neue Snacks für ihre Vierbeiner. Dieses Geschäftsmodell ist international sehr beliebt, zunehmend auch in Deutschland.

Ich habe mich daraufhin gefragt, ob es so etwas auch für den jüdischen Jahres- und Lebenszyklus gibt. In Europa habe ich so etwas nicht gefunden, und das hat mich im vergangenen Jahr dazu bewogen, ein solches Abo-Box-Modell auch für die jüdische Welt zu entwickeln.

Ich bin in Frankfurt am Main zwischen zwei Einflüssen aufgewachsen. Da waren einerseits meine Eltern – beide Soziologieprofessoren und, beeinflusst von der 68er- und der Hippie-Bewegung, ohne allzu große Zuneigung zur jüdischen Tradition. Aber da sie sich trennten, als ich zehn Jahre alt war, spielten die Eltern meiner Mutter in meiner Entwicklung auch eine Rolle. Mein Großvater war über viele Jahre Gabbai und Vorbeter in der Synagoge Röderbergweg. Meine Großmutter war bei der WIZO aktiv und gab in der Gemeinde koschere Kochkurse. Jedenfalls bin ich von beiden beeinflusst – meinen säkularen Eltern und meinen religiösen Großeltern.

Ich wollte nicht der Typ Vater sein, der seine Familie nur am Wochenende sieht.

Nach dem Abitur studierte ich zunächst Ökonomie und Philosophie an der London School of Economics. Diese Brücken überschreitende Fächerkombination fand ich spannend, sozusagen etwas für den Kopf und etwas für die Tasche. Als ich den Bachelor-Abschluss geschafft hatte, bin ich erst einmal in eine Jeschiwa gegangen.

Ich hatte zwar schon ein Angebot von der Unternehmensberatung McKinsey, aber das habe ich um ein Jahr nach hinten verschieben können. Erst war ich an der Yeshiva University in New York und wechselte anschließend an die Jeschiwa Machon Yaakov in Jerusalem. Dort lernen sehr viele amerikanische Studenten für ein oder zwei Jahre, ehe sie ins Berufsleben einsteigen. Danach habe ich bei McKinsey zehn Jahre lang als Unternehmensberater gearbeitet.

Im Rahmen eines Fellow-Programms studierte ich parallel in Heidelberg Philosophie und Jüdische Studien und habe über »Talmudische Management-Ethik« promoviert. Das heißt, die klassische Managementlehre habe ich mit der Frage verbunden, was jüdische Traditionen uns als Inspiration und Weisungsquelle lehren können.

ethik Während der Finanzkrise hatten wir uns bei McKinsey gemeinsam mit Experten gefragt, was Wirtschaftsethik im Unternehmen ausmacht. Jeder bemüht dieses Wort. Aber was bedeutet das eigentlich? Wir haben eine Struktur von Dimensionen wirtschaftsethischen Handelns im Konzernmanagement entwickelt. Hierzu zählten etwa die Kultur eines Unternehmens, ökologische Nachhaltigkeit, Werbung oder auch die regulatorischen Beziehungen zur Regierung.

An Universitäten in den USA wie Harvard und Stanford gibt es wirtschaftliche Basiskurse, wo man sich in diesem Zusammenhang mit philosophischen Schriften von Aristoteles bis Kant beschäftigt, aber auch mit Literatur wie etwa den Dramen von Shakespeare oder den politischen Schriften von Machiavelli. Auf der Grundlage dieser Tradition hat man versucht, sich an die Auflösung dieser wirtschafts­ethischen Dilemmata heranzutasten.

Im Talmud gibt es drei dedizierte Traktate nur über wirtschaftliche Themen.

In meiner Dissertation fand ich es mindestens genauso legitim, hierfür auf den Talmud zurückzugreifen. Denn schließlich ist fast ein Drittel aller Mizwot wirtschaftlicher Natur. Und dieser Fokus wird in der rabbinischen Tradition weitergeführt.

Im Talmud gibt es drei dedizierte Traktate nur über wirtschaftliche Themen. Aber auch in nahezu allen anderen Abhandlungen finden sich wirtschaftliche Bezüge. Damit ist der Talmud eben bei der Lösung wirtschaftsethischer Zwangslagen eine gute, vor allem einheitliche Quelle, wenngleich mit verschiedenen dialektischen Meinungen und Strömungen.

Dennoch ist es ein in sich geschlossenes Werk, das wirtschaftliche Themen sehr intensiv behandelt, anhand von Fällen, die genau das beschreiben, womit man sich gerade beschäftigt. Hingegen sind es bei Shakes­peare und Aristoteles eher allgemeine Themen, die man auf Wirtschaft beziehen kann.

HALACHA Die jüdische Tradition mit dem Geist des Monotheismus hat den Anspruch, dem Menschen auch im Wirtschaftlichen zu helfen, das Richtige zu tun und einen ehrwürdigen Lebensweg zu gehen. Wenn ich heute darüber nachdenke, was mir die Zeit in den Jeschiwot gebracht hat, so sind es neben einem besseren Umgang mit der hebräischen Sprache vor allem bestimmte Lernfähigkeiten. Ich habe mich auch mit der Frage beschäftigt, wie das Judentum nach der Halacha gelebt wird. Das war mir plötzlich für das eigene Leben wichtig.

Bei McKinsey wurde mir vertraglich zugesagt, dass ich an Schabbat und an den jüdischen Feiertagen nicht arbeiten muss. Wenn in dieser Zeit Arbeit anfiel, so musste ich das eben am Sonntag nachholen. Und wenn ich zum Beispiel in der Trainingsakademie in Kitzbühel war, einem Ort, der nicht durch eine jüdische Gemeinde bekannt ist, wurde koscheres Essen aus München dorthin gebracht.

Ich bin von beiden beeinflusst – meinen säkularen Eltern und meinen religiösen Großeltern.

Inzwischen habe ich geheiratet. Als das erste Kind da war, habe ich Elternzeit genommen. Dabei habe ich herausgefunden, dass ich nicht der Typ sein will, der sich montags von seiner Familie verabschiedet, um erst am Freitag wieder bei ihr zu landen. Also bin ich nach der Elternzeit in die Geschäftsleitung eines Start-ups in Wiesbaden eingetreten, einem Anbieter für gesunde Lebensmittel, der diese mittels der sozialen Medien vermarktet und online verkauft.

Unter dem Namen »MitzveNow« bieten wir in einem Online-Shop mit einer sozialen und ökologischen Ausrichtung hochwertige, zeitgemäße koschere Produkte als Begleiter durchs jüdische Jahr an. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit besteht darin, die richtigen Partner zu finden. Wenn ich feststelle, dass ein potenzieller Partner grundsätzlich Lust auf das Projekt hat und wir die gleichen Werte teilen, dann ist das eine gute Sache. Allerdings war es anfänglich gar nicht immer einfach, jemanden dafür zu gewinnen, für ein neues kleines Start-up teils erheblich in die Produktentwicklung zu investieren.

schabbatkerze So wollte ich zum Beispiel eine neue Schabbatkerze entwickeln, weil bisher kommerzielle Paraffinkerzen benutzt werden, die Schadstoffe freisetzen. Und Bienenwachskerzen sind in Deutschland in der Regel gelb, was nicht gut zum Schabbes passt. Schließlich habe ich in Mainz eine Wachsmanufaktur gefunden, die zu einer psychosozialen Einrichtung gehört. Dort war man von der Idee begeistert, im Naturverfahren gereinigtes Bienenwachs herzustellen, um es für Schabbatkerzen zu verwenden.

Auch für die Chanukka-Box haben wir uns einiges einfallen lassen. Gemeinsam mit dem Start-up »Seven Cards« der Frankfurter Künstlerin Yael Ungar haben wir deren jüdische Grußkarten ins Set aufgenommen. Von dem Bildhauer Costa Bernstein haben wir extra einen Dreidel-Schlüsselanhänger für die Box herstellen lassen, und dazu es gab ein Latkes-Rezept aus dem Kochbuch Oma&Bella von Alexa Karolinski.

Alle unsere Sets werden von Menschen mit Behinderung im Atelier Eastend hergestellt und verpackt.

Alle unsere Sets werden von Menschen mit Behinderung im Atelier Eastend in den Praunheimer Werkstätten hergestellt und verpackt – einem Gemeinschaftsprojekt der Zentralwohlfahrtsstelle und der Jüdischen Gemeinde Frankfurt.

bobbyCAR Zu unserem Selbstverständnis gehört das Spenden von mindestens zehn Prozent unseres Ertrags für Arme, religiöses Leben und die Umwelt. So konnte aus dem Erlös der Chanukka-Boxen ein Geschenk für die Kinder der WIZO-Kindertagesstätte Neve Yaakov in Jerusalem ermöglicht werden. Sie hatten sich Bobby Cars gewünscht.

Wenn ich meine aktuelle Lebenssituation betrachte, schätze ich mich glücklich, eine Familie und ein Unternehmen in einem Bereich zu haben, der mich inspiriert. Gleichzeitig aber ist auch klar, dass es noch viel zu tun gibt. Es ist vorstellbar, dass wir über Europa hinaus expandieren. Dennoch hoffe ich, neben dem beruflichen Engagement viel Zeit mit meiner Familie verbringen zu können, meine Kinder zu erziehen und selbst gesund und fit zu bleiben. Und natürlich auch weiter lernen zu können – und die Dinge zu studieren, die mir wichtig sind.

Aufgezeichnet von Gerhard Haase-Hindenberg

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