Leipzig

Umschlagplatz des Wissens

Bild aus August Pfeiffers »Antiquitates Ebraicae Selectae« von 1685 Foto: JA

»Wir wollen hier nicht Bücher für Gelehrte ausstellen, sondern Bücher von Gelehrten für ein allgemeines Publikum.« So formuliert Ulrich Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig, das Motto der Ausstellung »Leipziger Judentümer in Stadt und Universität«.

Der Besucher betritt den neuen Ausstellungsraum der ehrwürdigen Bibliotheca Albertina. Ein abgedunkelter Raum mit Sinn für dezente Farben erlaubt es, sich einzig auf die Schriften zu konzentrieren. »Wir haben nicht alles ausgestellt, nur eine Auswahl von über 70 Dokumenten aus den Regalen unseres Magazins«, sagt Schneider. Vergilbte Manuskripte mit feingliedriger Schrift sind zu bewundern, Hebraica und Judaica sind zu sehen. Gleich am Eingang liegt die monumentale Enzyklopädie von Blasio Ugolino in 34 Bänden. »Wir haben zwei Bände aufgeschlagen«, erklärt der Direktor des Hauses, »den Eintrag über die Tempelarchitektur und den über Musikinstrumente. Ugolino hat alle Werke über Juden und Judentum ausgewertet, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts wissenschaftlichen Rang besaßen.«

Zeugnisse Im Fokus der Ausstellung steht die Frühe Neuzeit vom 16. bis 18. Jahrhundert. In Vitrinen sind auf schwarzem Stoff Raritäten des Bibliotheksbestandes gebettet. »Zum einen sind es geografische und historische Beschreibungen«, erklärt Schneider mit Blick auf eine der Vitrinen und zeigt auf die Abbildungen von Juden in orientalischen Kostümen. Es gibt Reiseatlanten, Karten, Handschriften aus dem 12. Jahrhundert. »Zum anderen zeigen wir systematische Werke, eine hebräische Bibliothek, ein hebräisches Lexikon. Das alles sind europäische Zeugnisse einer sehr intensiven Beschäftigung mit den Juden, den Judentümern, den alten Hebräern im 16., 17. und 18. Jahrhundert.«

Beim Rundgang entdeckt der Besucher theologische Werke, ethnologische Abhandlungen bis hin zu juristischen Werken über das Eherecht. Auch die mystische Geheimlehre Kabbala bekommt ihren Platz: Kabbala Denudata heißt ein Werk aus dem Jahr 1677. Geschrieben hat es der ehemalige Leipziger Student Christian Knorr von Rosenroth (1636–1689). Der aus Schlesien stammende Pfarrerssohn und bedeutende christliche Vertreter der Kabbala fordert darin eine intensive Auseinandersetzung mit der jüdischen Mystik, um zwischen christlicher und jüdischer Lehre zu vermitteln.

Einzigartig Zu den Schmuckstücken der Bibliothek gehört die Sammlung Wagenseil. »Das sind 64 bedeutende hebräische Manuskripte, oft die einzigen ihrer Art, die überliefert sind.« Paradox ist allerdings der geschichtliche Kontext: Anfang des 15. Jahrhunderts wurden die Juden vollständig aus Leipzig vertrieben. »Bis zum 19. Jahrhundert durften sie in ganz Kursachsen nicht siedeln«, erklärt Schneider. Trotzdem hatte Leipzig Kontakt mit Juden. Die Handelsmessen waren der Grund dafür, sie ermöglichten den Austausch von Waren und Wissen. »Zudem hat man sich an der Universität intensiv mit Aramäisch, Hebräisch und dem Alten Testament beschäftigt«, erläutert Schneider. Juden, die zum Christentum konvertiert waren, hatten hier eine wichtige Funktion: »Sie haben ihr Wissen eingebracht. Leipzig war deshalb ein Umschlagplatz für jüdisches Wissen und Wissen über Juden – obwohl hier keine jüdische Gemeinde aktiv war.«

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