München

Überleben im Versteck

Vorleser Armand Presser, Autorin Susanna Schrafstetter und Moderator Jürgen Zarusky (v.l.) bei der Buchvorstellung in der IKG Foto: Marina Maisel

Ursprünglich wollte die Historikerin Susanna Schrafstetter nur einen kurzen wissenschaftlichen Beitrag schreiben, am Ende wurde ein 300 Seiten starkes Buch daraus. Flucht und Versteck heißt ihr 2015 im Wallstein-Verlag erschienenes Werk, in dem sie sich mit einem Thema befasst, das historisch bisher wenig aufgearbeitet wurde: dem Schicksal der vielen Juden in München, die in die Illegalität abtauchten, um der Deportation und dem nationalsozialistischen Völkermord zu entgehen.

Die Vorstellung des Buchs im Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern stieß auf großes Interesse. Neben der Autorin, die ihre Motivation und Vorgehensweise bei der Aufarbeitung der Thematik erläuterte, standen mit Margit Szöllösi-Janze von der Ludwig-Maximilians-Universität und Jürgen Zarusky vom Institut für Zeitgeschichte an diesem Abend zwei weitere kompetente Historiker als Gesprächspartner zur Verfügung.

Schicksale Margit Szöllösi-Janze wies in ihrer Einführung auf ein grundsätzliches Merkmal des Buches hin. »Susanne Schrafstetter geht es darum, der Geschichte Gesichter zu geben«, befand die Wissenschaftlerin. In dem Buch stehe immer der Einzelne im Mittelpunkt, der individuelle Mensch und sein Handeln, Erleben und Leiden.

Was das konkret für die Untergetauchten bedeutete, die sich selbst als »U-Boote« bezeichneten, macht das Zitat einer Betroffenen deutlich, das auf der Innenseite des Buchumschlags abgedruckt ist: »Bei jedem unverhofften Geräusch, und deren gab es damals viele in München, fuhr ich erschreckt auf und erwartete, entdeckt und verhaftet zu werden. Körperliche Entbehrungen und die ständige Angst brachten mich seelisch und körperlich stark herunter, und eine starke Nervosität bemächtigte sich meiner.«

Eine besonders aufmerksame Zuhörerin bei der Veranstaltung war IKG-Präsidentin und Gastgeberin Charlotte Knobloch. Auch sie überlebte die NS-Zeit als Kind unter falschem Namen bei Fremden und kommt in dem Buch vor. Dort ist vom Verlust ihrer Familie und dem besonders schmerzvollen Abschied von ihrer Großmutter zu lesen. »Beim Lesen des Buches«, so Charlotte Knobloch in ihrer Begrüßungsrede, »wurde ich wieder wie einst starr, beklommen, ungläubig.«

Diffamierung Die IKG-Präsidentin hob die Individualität jedes Einzelfalls hervor, wies aber auch auf strukturelle Ähnlichkeiten hin. »Eines teile ich mit jedem dieser Menschen, von denen Frau Schrafstetter erzählt: Wir mussten sehenden Auges und hilflos feststellen und ertragen, wie uns unsere geliebte Heimat genommen wurde, wie wir schrittweise täglich mehr geächtet, diffamiert, verachtet und ausgestoßen wurden«, betonte Knobloch.

»Schließlich waren wir entrechtet, man sprach uns die Menschlichkeit ab, unser Recht auf Freiheit, auf Glück, auf Heimat, auf Leben.« Angesichts dieser Historie, erklärte Charlotte Knobloch, beunruhigen sie die zunehmenden antisemitischen und rassistischen Tendenzen in der Gesellschaft zutiefst.

Susanna Schrafstetters Buch ist kein Heldenepos, sondern eine kühle Analyse, welche Optionen die untergetauchten Juden überhaupt hatten und welche Handlungsstrategien sie anwenden mussten, um zu überleben. Menschen, die ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten, um den »U-Booten« zu helfen, gab es ohne Zweifel.

Wehrlos Margit Szöllös-Janze entdeckte bei der Autorin jedoch einen anderen Ansatzpunkt: »Ihre Alltagsgeschichte der Deportationen zeigt, dass viele in den untergetauchten Juden leichte, weil wehrlose Beute sahen, die sie gefahrlos erpressen und ausplündern konnten. Auch in München wurden flüchtige Juden – und ihre Helfer – Opfer von Profit und Eigennutz, sogar von Raub und Erpressung.«

Von den deutschlandweit etwa 10.000 bis 15.000 untergetauchten Juden hat nach aktuellem Forschungsstand etwa ein Drittel den Nationalsozialismus überlebt. Die Geschichte der Überlebenden war damit jedoch noch nicht zu Ende. Buchautorin Susanna Schrafstetter kam es auch darauf an, die Geschichten der Überlebenden und Helfer nach dem Krieg darzustellen, die oftmals beklemmend sind. In einem Kapitel beschäftigt sie sich etwa mit den Langzeitfolgen der psychischen und physischen Belastung, denen die Untergetauchten ausgesetzt waren.

Wie komplex diese Problematik war, erschließt sich auch aus anderen Nachkriegskapiteln. »Diejenigen Überlebenden, die in Deutschland blieben, begegneten ihren ehemaligen Helfern, aber auch ihren Verfolgern, Peinigern, Erpressern und Denunzianten«, weiß Susanna Schrafstetter. Die beiden letzten Kapitel des Buchs beschäftigen sich mit dem Umgang der Münchner Nachkriegsgesellschaft mit den versteckt Überlebenden anhand von Einzelschicksalen, der mitunter feststellbaren Benachteiligung dieser Menschen und dem Umgang der Stadt mit dem »Helfer«-Image.

helfer Charlotte Knobloch hat die ganze Entwicklung miterlebt und hat zahlreiche der Münchner »U-Boote«, die den Nationalsozialismus überlebt haben, persönlich kennengelernt. Viele von ihnen sind ihre Freunde geworden. »Ihre Geschichten«, so die IKG-Präsidentin, »spiegeln die grauenvollen Ängste und widrigen Lebensbedingungen dieser Menschen wider.«

Es sei gut, dass sich in diesem Zusammenhang die Aufmerksamkeit auch auf die wahren Helfer richten würde. »Es waren«, so Charlotte Knobloch, »wenige Helfer, viel zu wenige, aber es gab sie, und sie sind es, die uns Hoffnung und Vertrauen geben.«

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