Dresden

Telefon und Talmud

Nicht nur Apps, auch Handys können öko sein. Foto: Fotolia

Was hat die Schöpfungsgeschichte eigentlich mit dem Kauf eines neuen Handys zu tun? Beim »Weltbewusst«-Stadtrundgang in Dresden konnte man es erfahren. Zu der konsumkritischen Stadtführung hatten Valentina Marcenaro, Organisatorin von »Young & Jewish in Dresden«, und Agata Kaplon, Koordinatorin von »Jews Go Green«, eingeladen. »Young & Jewish« ist ein Angebot der Dresdner Gemeinde, »Jews Go Green« ein Projekt des Zentralrats der Juden, das den Zusammenhang zwischen Judentum und einem umweltbewussten Lebensstil aufzeigt.

Sieben junge Mitglieder der jüdischen Gemeinde und ihre nichtjüdischen Freunde trafen sich am Sonntagnachmittag auf der Dresdner Einkaufsmeile Prager Straße, um hinter die Kulissen des Konsums zu schauen. Erwartet wurden sie von Felix, Toni und Lina, drei Aktivisten der Initiative »Weltbewusst«. Mit seinem voll beladenen pinkfarbenen Einkaufswagen erntete das Grüppchen manche neugierige Blicke.

Arbeitsbedingungen Erste Station des alternativen Stadtrundgangs: ein Fair‐Trade‐Laden. Dort schilderte Lina die schlechten Arbeitsbedingungen, unter denen die meisten Kleinbauern in den Erzeugerländern Kaffee anbauen müssen. Zu Demonstrationszwecken schlüpfte Studentin Marianna in einen Schutzanzug, wie ihn die Bauern tragen, um sich vor Pestiziden zu schützen. Eine zierliche junge Frau in einem großen weißen Ganzkörperanzug inklusive Atemmaske – dieser Anblick provozierte noch mehr Aufmerksamkeit bei den Passanten.

Weiter ging’s zum Handy‐Shop. Sind Mobiltelefone Gebrauchsgegenstände oder Prestigeobjekte? Darum drehte sich die Diskussion der jungen Leute. Die Teilnehmer der Führung zeigten sich gut informiert: Sowohl die Probleme des Elektronikschrott‐Recyclings als auch die Umweltzerstörung durch den Abbau von Edelmetallen waren ihnen bekannt.

Eine kleine Umfrage innerhalb der Gruppe ergab: Die jungen Gemeindemitglieder benutzen ihre elektronischen Geräte überdurchschnittlich lange und schmeißen sie nicht gleich auf den Schrott, wenn neue Produkte mit noch mehr Funktionen auf den Markt kommen.

Faireness Letzte Station: ein Sportgeschäft. Anhand eines Turnschuhs rechnete Felix von »Weltbewusst« vor, dass die Herstellungskosten nur einen kleinen Anteil am Preis des Produkts ausmachen. Faire Löhne würden Turnschuhe oder T‐Shirts also nur geringfügig teurer machen.

»Das Judentum ist sehr progressiv und konsumbewusst«, resümierte nach dem Rundgang Agata Kaplon. Als Beispiel nannte die 33‐Jährige die Schöpfungsgeschichte: Der Mensch Adam ist aus Lehm gemacht und wird nach seinem Tod wieder zu Erde. »Das bedeutet, man muss sich um die Natur kümmern, verantwortungsvoll mit der Schöpfung umgehen.«

Auch der Segensspruch vor jedem Essen sei nicht altmodisch und lästig, sondern eine Gelegenheit, innezuhalten und sich bewusst zu machen: Was esse ich da eigentlich? Und wo kommt mein Essen her?

Verantwortung Lebt man also automatisch ökologisch korrekt, wenn man die jüdischen Verhaltensregeln einhält? So einfach sei es nicht, betont Agata Kaplon, die am European Institute for Jewish Studies in Schweden studiert hat. »Man muss sich schon seine eigenen Gedanken machen. Koscheres Essen zum Beispiel ist nicht automatisch gesund und bio.«

Die Kunst bestehe darin, die jüdische Spiritualität auf die Probleme der Gegenwart anzuwenden. »Das Judentum hat viel Inspiration zu bieten. Es ist eine sehr verantwortungsvolle Religion und passt damit zu einem modernen, nachhaltigen Lebensstil«, ist die Expertin überzeugt.

Ergo: Wer sein Handy viele Jahre lang nutzt und danach vorschriftsmäßig entsorgt, trägt seinen kleinen Teil zum Schutz der Erde bei. Nicht nur Adam wird es ihm danken.

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