Porträt

Stimme schonen für Sukkot

Arie Zaloshinsky Foto: Gregor Zielke

Gern gesungen hat Arie Zaloshinsky schon immer – zumal er eine schöne Stimme hat. Das bescheinigten ihm Verwandte und Freunde bereits zur Barmizwa. »Damals war ich sehr aufgeregt, deshalb habe ich vorher sogar ein rohes Ei getrunken«, erzählt Arie. Bei der Erinnerung daran schüttelt es ihn noch immer. »Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen«, sagt er. Es ging auch so alles glatt.

Von rohen Eiern rät Arie Zaloshinsky heute ab, doch aufgeregt ist er noch immer, bevor er auf die Bima tritt. Seit mehr als neun Jahren singt der 36-jährige Israeli hauptberuflich – seit September 2011 als Kantor der Synagoge Joachimstaler Straße. Auf dem großen Esstisch neben dem Bücherschrank liegen Notenblätter und Gebetbücher. Das Wohnzimmerfenster ist weit geöffnet. Dort probt Arie Zaloshinsky am liebsten.

Altstadt
Zaloshinsky wurde in Netanja geboren. Er wuchs in Bnei Brak auf und lebte in Jerusalem, bevor er mit seiner Familie nach Berlin kam. Vom Balkon seiner Jerusalemer Wohnung im Stadtteil Talpiot aus konnte er die Altstadt sehen. »Ich liebe Jerusalem und seine Geschichte«, schwärmt der Kantor. Doch seit er in Deutschland lebt, begeistert er sich auch für Berlin. Zumal seine eigene Familiengeschichte eng mit der Stadt verwoben ist.

Aries Großmutter stammt aus Berlin, sein Großvater aus Leipzig. Beide leben heute in Rehavia, Jerusalems legendärem »Jeckes«-Viertel. Der Großvater ist inzwischen 90, die Großmutter 88 Jahre alt. Dass ihr Enkel in die Stadt ihrer Jugend zog, fand die Großmutter aufregend. »Meine Großeltern sind vor dem Krieg nach Israel eingewandert, 1938, buchstäblich in letzter Minute. Sie reden noch immer Deutsch miteinander. Mein Urgroßvater ist auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee begraben«, erzählt Arie. Er selbst ist der erste Kantor in der Familie.

Dabei war sein Weg zum Chasan alles andere als geradlinig. Zwar gibt es einen gesangsbegabten Onkel in der Familie, doch zur synagogalen Musik kam Arie Zaloshinsky eher auf Umwegen – eine Berufung mit Quereinstieg. Eine entscheidende Rolle dabei spielten ein Radioprogramm, ein zufälliger Schabbatbesuch und das große Glück, die passenden Gesangslehrer zu finden.

»Ich habe oft stundenlang vor dem Radio gesessen und liturgischen Gesängen gelauscht«, erzählt der Kantor. Wunderschön und technisch beeindruckend fand er die operngleichen Melodien. »Dennoch, irgendetwas hat mir gefehlt«, beschreibt Zaloshinsky seine Eindrücke.

Was genau das war, fand er an einem verregneten Schabbatabend vor neun Jahren heraus. Arie sprang damals hin und wieder als Vorbeter in seiner Synagoge Ohel Yaacov ein. Nach dem Gottesdienst machten er und seine Frau Rivka sich gerade auf den Heimweg, als ihn überraschend zwei Synagogenbesucher ansprachen. Sie wollten zur Kotel, würden es aber nicht mehr rechtzeitig zurück zum Kiddusch schaffen, sagten sie.

Kurzerhand luden die Zaloshinskys die beiden zu sich nach Hause zum Schabbatmahl ein. Der Kiddusch der Besucher war gerettet – und Aries Kantorenkarriere nahm ihren Lauf. Allerdings ahnte der junge Vorbeter, der damals hauptberuflich als Religionslehrer in einer Jerusalemer Schule unterrichtete, zu diesem Zeitpunkt noch nichts davon.

Lehrer Einige Wochen später bedankten sich die Gäste mit einem ungewöhnlichen Geschenk: einer CD von Josef »Yossele« Rosenblatt, des »jüdischen Caruso« aus der Ukraine. Dass Rosenblatt einst als größter Chasan seiner Zeit galt, erfuhr Arie Zaloshinsky erst später. Was er jedoch sofort entdeckte, waren Wärme, Herz und Seele – genau das, was ihm bei aller musikalischen Perfektion der Liturgiegesänge bis dahin gefehlt hatte. Von diesem Moment an stand Aries Entschluss fest. Er würde seine Stimme ausbilden lassen.

Der angehende Kantor wollte dabei nicht nur Gesangstechniken erlernen, sondern Herz und Seele in die Stimme legen – so wie Josef Rosenblatt. In Eli Jaffe, dem Dirigenten der Großen Synagoge in Jerusalem, fand er schließlich einen Lehrer, der dieses Anliegen verstand, ebenso wie Agnes Masini und Gregory Shtekel von der Musikakademie Jerusalem und Naftali Hershtik vom Tel Aviv Cantorial Institute, wo Arie 2008 sein Kantorenstudium beendete. »Der Talmud sagt: Jeder trägt zur Vollkommenheit der Welt mit dem bei, was er am besten kann. Bei mir ist es das Singen«, sagt Arie Zaloshinsky schlicht.

Und wie er singt: emotional und ausdrucksstark, kraftvoll und weich zugleich. Die Töne fließen geradewegs in den Raum, erfüllen ihn mit ihrer ganzen Wärme. Seine Frau Rivka bekommt noch immer jedes Mal Gänsehaut, wenn sie ihrem Mann zuhört. Niemand kenne die Höhen und Tiefen seiner Stimme so gut wie sie, sagt der Kantor.

Gitarre »Rivka ist meine aufmerksamste Kritikerin. Dass ich mich stimmlich weiterentwickle, verdanke ich vor allem ihr. Sie hört es mir an, wenn ich zu wenig geschlafen habe oder unter Druck stehe«, sagt Arie. Dabei ist die ganze Familie musikalisch. Rivka spielt Klavier, die Tochter Geige, der Sohn Gitarre. Manchmal singt er sogar mit seinem Vater in der Synagoge im Duett. Der Alltag des Kantors ist vollgepackt: Religionsstunden, Barmizwa-Unterricht, Gottesdienste, so manche Rabbineraufgabe und natürlich all die Feiertage – besonders jetzt.

Wenn seine Großeltern ihn heute singen hören, sagen sie, sein Gesang klinge »alt«, so wie früher, »vor dem Krieg«. Für Arie ist das ein Kompliment. »Also erreiche ich die Menschen mit meiner Stimme.« Denn es sei gerade das Emotionale an der Liturgie, das die Zuhörer anspreche – und zwar nicht nur am Schabbat. Auch bei Hochzeiten und Beerdigungen will Arie Zaloshinsky den Menschen dabei helfen, Freude oder Schmerz auszudrücken.

»Meine Frau sagt immer, das Herz ist keine Abstellkammer. Die Gefühle wollen raus. Wenn ich mit meiner Stimme das Herz der Menschen berühre, habe ich meine Aufgabe erfüllt«, so der Kantor.

Sukkot Auf diese Aufgabe bereitet sich Arie Zaloshinsky intensiv vor, besonders jetzt zu Sukkot und Simchat Tora. Der 36-Jährige stimmt sich mit Resonanz- und Zwerchfellübungen auf die heiße Phase in der mitunter recht kühlen Sukka ein. Für alle Fälle hat er immer einen warmen Schal parat. Schon Tage vorher meidet er Zugluft und Kälte und schont seine Stimme. Vor allem aber setzt er auf viel Schlaf. »Der beste Sänger beginnt zu krächzen, wenn er müde ist«, sagt er. Viel zu schlafen, rät er auch seinem Bruder in Jerusalem, der zu Sukkot ebenfalls als Vorbeter singt.

Kürzlich habe dieser Arie gefragt, was denn nun dran sei an dem alten Sängerrezept mit dem rohen Ei. Der Berliner Kantor lacht und schüttelt sich noch einmal kurz. Dann nimmt er die Notenblätter vom Esstisch und stimmt sich mit bewährten Atemübungen auf Sukkot ein.

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