Olympia 1972

»Sie sind unvergessen«

Der 5. September ist ein schmerzlicher Tag der Erinnerung. Vor 44 Jahren sollten die Olympischen Spiele in München abseits aller sportlichen Rekorde zu einem Fest der Völker, der Unbeschwertheit, der Fröhlichkeit werden. Doch an diesem Tag regierten Hass und Tod.

Neun israelische Sportler, die von palästinensischen Terroristen als Geiseln genommen wurden, und ein Polizeibeamter starben bei einem Befreiungsversuch auf dem Gelände des Fliegerhorsts in Fürstenfeldbruck; zwei weitere Mitglieder des israelischen Teams waren bereits zuvor im Olympischen Dorf ermordet worden.

An diese Tragödie, die den Beginn des »modernen« Terrorismus einläutete, erinnern jedes Jahr die Stadt und das Landratsamt Fürstenfeldbruck mit einer bewegenden Gedenkfeier, an der dieses Mal auch Angehörige der ermordeten Sportler teilnahmen.

mitgefühl Landrat Thomas Karmasin betonte in seiner Rede am Mahnmal, dass es den Bewohnern der Stadt und des Landkreises ein wichtiges Anliegen ist, die Opfer niemals zu vergessen. Bis heute gelte das Mitgefühl den Angehörigen, aber auch den Überlebenden, sagte er in Anwesenheit von Vertretern der örtlichen Polizeiinspektion, Bundeswehr-Oberst Martin Arzberger und Vertretern von Vereinen, Verbänden und Stiftungen.

Mit Blick auf die jüngsten Terrorakte in Paris, Brüssel, Nizza, Würzburg und Ansbach, auf deren Bedeutung für die Gegenwart IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch später noch näher einging, sagte Landrat Karasim: »Erinnerungsarbeit besiegt die Ohnmacht. Denn Erinnern und Gedenken dient nicht nur den einzelnen menschlichen Schicksalen, die wir in unserem Gedächtnis bewahren wollen, und den traumatisierten Überlebenden, mit denen uns Betroffenheit und Solidarität verbindet. Erinnern und Gedenken dient auch der Entwicklung unserer eigenen Persönlichkeit. Immer dann, wenn wir wie jetzt aktiv sind, haben wir die Chance, die Ohnmacht, die von Terrorakten ausgeht, überwinden zu können.«

Eindringlich und stark wie lange nicht mehr sei angesichts der aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten der Schrecken von damals zu spüren, gab IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch die Stimmung der jüdischen Gemeinde wieder. »Die Umstände, unter denen wir gedenken, der Kontext, in dem wir uns hier Jahr für Jahr begegnen, verändern sich. Unsere Erinnerung an das Attentat wird begleitet von der Trauer von einst, und sie geht einher mit neuer Trauer, mit neuen Gefühlslagen, neuen Ängsten und neuen Gedanken«, so Knobloch.

Parallelen Die IKG-Präsidentin sprach auch Parallelen zwischen dem Olympia-Attentat und den Terroranschlägen in den vergangenen Monaten an. »Terrorismus dieser Art«, erklärte sie, »greift nie nur ein bestimmtes Ziel an. Die konkreten Opfer sind Stellvertreter. Der Feind sind wir, der Westen, unsere Lebensweise, unsere Kultur. Die Terroristen verachten unsere liberale Gesellschaft. Fernab von Ratio und von dem Fortschritt des aufgeklärten Humanismus stellen sie ihre Ideologie über den Rechtstaat und unsere demokratischen Überzeugungen. Sie wollen unser Gemeinwesen zerstören.«

Besonders zu leiden habe Israel, gegen das Extremisten der Terrormiliz Islamischer Staat und andere fundamentalistische Gruppen einen Vernichtungskrieg führen, der im Grunde aber allen demokratischen Kräften der westlichen Welt gelte. Die Präsidentin der IKG sprach auch ein weiteres Phänomen an, das ihr große Sorgen bereite.

»Immer weniger Menschen in Europa, auch in Deutschland, machen sich bewusst, unter welchen Ängsten und Bedrohungen die Menschen in Israel leiden. Terroristische Anschläge in Jerusalem, Tel Aviv oder dem Westjordanland erzeugen weit weniger Empathie und Mitgefühl als andernorts. Weder der Eiffelturm noch das Brandenburger Tor erleuchten nach Anschlägen im jüdischen Staat in den israelischen Farben. Im Gegenteil: Immer öfter und obsessiver steigt auch hier die Lust, Israel zu kritisieren, und zwar nicht sachlich und objektiv, wie es selbstverständlich unter Freunden möglich und geboten ist, sondern einseitig, ideologisch, diffamierend und delegitimierend.«

judenhass Der alte und neue Antisemitismus, der auch in Deutschland virulent und von den politischen Kräften zu lange nicht benannt und bekämpft worden sei, könnte sich künftig noch verstärken, wenn angesichts der vielen Flüchtlinge aus arabisch geprägten Ländern bei der Integration kein Schwerpunkt auf die Eindämmung judenfeindlicher Ressentiments gelegt werde, mahnte Charlotte Knobloch.

Dies habe sich auch an den antiisraelischen Vorfällen bei den Olympischen Spielen in Rio gezeigt, bei denen Israelis mehrfach massiv diskriminiert wurden. »Antiisraelische Aktionen auf offener Weltbühne verdeutlichen den Hass auf den jüdischen Staat«, hob Knobloch hervor. »Und dieser Hass ist in letzter Konsequenz das eigentliche und einzige Hindernis für dauerhaften, tragfähigen Frieden, den sich die Menschen in Israel sehnlich wünschen.«

Immerhin endete bei den Olympischen Spielen in Rio mit der Einführung einer offiziellen Schweigeminute, mit der zum ersten Mal nach über vier Jahrzehnten der Opfer von München gedacht wurde, eine lange Verdrängungsphase. Künftig wird ein Gedenkstein, auf dem alle Namen der Opfer von München stehen, bei allen Olympischen Spielen aufgestellt. Aus der Erinnerung, so Charlotte Knobloch, seien Lehren für das heutige Selbstverständnis zu ziehen: »Wir müssen erkennen, dass eine offene, liberale Welt eben nicht das Ziel aller Menschen ist. Aber wir dürfen dem Hass und dem Wahn niemals weichen. Das ist unsere Pflicht als Demokraten, als geschichts- und verantwortungsbewusste Menschen.«

freiheit Das herausragende Engagement der Verantwortlichen in Fürstenfeldbruck, die den Erinnerungsort zu einer Schule der Freiheitlichkeit machten, ist nach Überzeugung der IKG-Präsidentin nicht stark genug zu loben. »Um die Menschen gegen ideologische Verblendung zu immunisieren, muss das eigene freiheitliche demokratische Denken von klein auf gestärkt werden«, forderte Charlotte Knobloch.

»Die Verteidigung dieser Werte entscheidet auch über unsere Zukunft«, erklärte die IKG-Präsidentin und brachte zugleich zum Ausdruck, dass sie die Hoffnung auf eine sichere Zukunft im Vertrauen auf das Gute im Menschen nicht aufgebe. Es liege aber in unseren Händen, dies umzusetzen. »Das Gedenken an die Opfer des Olympia-Attentats vereint uns in der Trauer, aber auch im Wissen um die Notwendigkeit der Verteidigung unserer Freiheit«, betonte sie mit Nachdruck.

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