Frankfurt

Sich wie zu Hause fühlen

Die Klänge des Akkordeons sind bis auf den Bürgersteig zu hören, daneben Lachen und Stimmengewirr. Die neuen Räume der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) im Frankfurter Westend sind an diesem Nachmittag nicht schwer zu finden. Drinnen ist es laut, voll, fröhlich. Es herrscht Gedränge. Viele der betagten Stammgäste sind schon lange vor Beginn der offiziellen Eröffnungsfeier gekommen, fast so, als wollten sie diesen Tag ganz besonders auskosten. Fröhlich plaudernd sitzen sie bei Kaffee und Kuchen.

13 Jahre lang trafen sich die Schoa-Überlebenden als Untermieter des KKL, der wiederum die Räume von der B’nai-B’rith-Schönstädt-Loge Frankfurt gemietet hatte. Am vergangenen Mittwoch nun feierten sie den Bezug eigener Räume unweit der Westend-Synagoge. »Die Loge war alt und elegant«, sagt Eva Szepesi. »Doch das hier gehört uns. Das fühlt sich ganz anders an«, sagt die 83-Jährige lachend und schaut sich zufrieden um.

Sofaecke Fast 120 Quadratmeter hat das neue Zentrum. Es besteht aus einem großen Saal, einem Büro- und Therapieraum und einer Küche. Alle Wände sind leuchtend weiß gestrichen, der Boden mit Parkett belegt. Blickdichte Vorhänge hängen vor den bodentiefen Fenstern. Dicht an dicht drängen sich an diesem Nachmittag kieferhelle Kaffeetische samt bequemer brauner Stühle in dem Saal. Es gibt jedoch auch eine kleine Sofaecke mit Sesseln und Regal, vereinzelt stehen auch schon Grünpflanzen bereit, und ein Bild hängt an der Wand. »Es ist noch ein bisschen kahl, aber das wird nicht so bleiben«, ist Eva Szepesi sicher. Sie fühlt sich schon jetzt wohl.

Bereits seit Beginn kommt die alte Dame ins Café und Zentrum der Schoa-Überlebenden. Sie war als Kind in Auschwitz, als Zwölfjährige. Darüber hat sie ein Buch geschrieben. Ein Mädchen allein auf der Flucht heißt es. Den Treffpunkt besucht sie, um zu reden, Freunde zu treffen. Margot Adler etwa oder Iwan Wieder. Die beiden sind ebenfalls regelmäßig im Zentrum. »Die neuen Räume sind schön«, sagt Margot Adler. »So hell, alles neu und modern.« Das gefällt ihr.

Der Treffpunkt ist wichtig für sie, »ein Zuhause«. »Um die Wände kümmern wir uns schon noch. Wir kennen eine Künstlerin. Hier lassen sich doch wunderbar Ausstellungen veranstalten«, findet Iwan Wieder. »Wir haben viele Ideen«, sagt auch Projektleiterin Noemi Staszewski. Die Inneneinrichtung müsse noch vervollkommnet werden. »Es fehlen Schränke, Bücher und Bilder an den Wänden«, berichtet sie. Der neue Treffpunkt soll nach den Vorstellungen der Menschen eingerichtet werden, die ihn regelmäßig nutzen. Eine Idee war, ihn mit Bildern und Fotos zu schmücken, die den Besuchern wichtig sind oder die sie selbst gemalt haben. »Wir haben viele Künstler unter uns«, weiß Staszewski.

Es war nicht einfach, Räume für den Treffpunkt im teuren Frankfurter Westend zu finden. Der Schock nach der Kündigung der alten Unterkunft war groß, »doch er hatte auch etwas Gutes«, so die Projektleiterin. Vorher waren das Café und die Therapie- und Sprechstundenräume auf zwei Stockwerken der Loge untergebracht.

barrierefrei Die Zimmer waren eher dunkel und schlauchförmig, jetzt sind sie groß und hell, alles befindet sich barrierefrei auf einer Ebene im Erdgeschoss. Das ist wichtig. Viele der betagten Besucher kommen nicht mehr ohne Gehhilfen oder Rollstuhl aus. »Wir haben viele positive Rückmeldungen«, sagt Staszewski.

Geblieben sind die finanziellen Nöte. Der Treffpunkt ist auf die Arbeit von Ehrenamtlichen sowie Spenden angewiesen. Die Stadt Frankfurt hilft, aber eine feste institutionelle Unterstützung gibt es nicht. Stadtkämmerer Uwe Becker (CDU) war zur Eröffnung erschienen. Er lobte den Treffpunkt der Schoa-Überlebenden als »einen ganz besonderen Ort in Frankfurt«. Es sei wichtig, dass sich die Betroffenen hier zu Hause fühlen und ihre Erfahrungen an die nächsten Generationen weitergeben.

Dass so viele zur Eröffnung gekommen waren, war auch für Benjamin Bloch, Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden, ein Zeichen dafür, »wie groß das Bedürfnis nach einem solchen Treffpunkt ist«. Er bedankte sich ausdrücklich sowohl bei der Claims Conference als auch bei der Stiftung »Erinnerung Verantwortung und Zukunft« für ihre Unterstützung, die wesentlich die Arbeit der Treffpunktes ermöglicht. In ein paar Jahren werde es keine Zeitzeugen der Schoa mehr geben, betonte Bloch. »Es ist unsere Aufgabe, dieses Wissen zu bewahren und zu vermitteln.«

Frankfurts Rabbiner Julian Chaim Soussan sorgte an diesem Nachmittag dafür, dass der Treffpunkt auch tatsächlich ein Zuhause wird. Für jeden Türrahmen hatte er eine Mesusa im Gepäck.

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