Architektur

Schauplätze

Köln, alter markt
Vergangenes Jahr blickten rund 80.000 Neugierige durch die Bauzäune am Kölner Rathausplatz, nur, um Steine zu betrachten. Seit Anfang 2010 sind einige zehntausend Menschen, weitere Absperrungen und neue Steine und Mauern hinzugekommen – Tendenz steigend. Denn was sich im Herzen der Innenstadt auftut, ist mehr als nur eine staubige Baustelle. Die weitläufigen Freilegungen direkt auf dem engen Platz vor dem Historischen Rathaus sind der Kernbereich der städtischen Archäologie der Domstadt. Schon jetzt ist die sogenannte Archäologische Zone ein Publikumsmagnet – und das, obwohl sie bislang nur teilweise begehbar ist und die geplante ober- und unterirdische Zugänglichkeit erst 2013 realisiert sein wird. Dann soll vom Alter Markt aus der Eingang in den rund einen Kilometer langen Rundgang durch die Archäologische Zone erfolgen.

Die Archäologische Zone – ein in Europa in dieser Dichte und Intensität wohl einmaliges kulturhistorisches Areal – wird dann die steinernen Zeugen der 2000-jährigen kölnischen Stadtgeschichte umfassen: Relikte von Verwaltungsgebäuden aus römischer Zeit, als Colonia Agrippina die Hauptstadt der Provinz Niedergermanien war; den ehemaligen mittelalterlichen Palast, in dem die fränkischen, merowingischen und karolingischen Könige Hof hielten; sowie die Ursprungsarchitektur des Rathauses samt Nachfolgebauten bis weit ins Spätmittelalter. Baulich und museal integriert in die Archäologische Zone soll ein jüdisches Museum werden. Die steinernen Erinnerungen an die im Mittelalter hier beheimatete jüdische Gemeinde – die nachweisbar älteste nördlich der Alpen – werden ein wesentlicher Bestandteil des Platzes sein, von dem die historische und bis heute noch so genannte Judengasse abgeht. Damit wäre nach jahrzehntelangen Überlegungen, Planungen und – zum Teil unerfreulichen – Diskussionen endlich dieser wichtige Aspekt der Kölner Stadthistorie angemessen im öffentlichen Raum präsentiert.

mikwe Auf dem Rathausplatz, der durch einige schlichte, aber wirkungsvolle Stufen in seiner Gesamtfläche gegliedert werden soll, wird sich nach den Vorstellungen der Planer, des Saarbrücker Architekturbüros Wandel Hoefer Lorch + Kirch, ein markanter Baukörper mit steinerner Fassade erheben. Durch einzelne Elemente aus sandgestrahltem, farbigem Glas soll natürliches Licht in die gesamte Archäologische Zone gebracht werden. Vorgesehen ist auch, durch markante Fensterflächen an entsprechenden Stellen des Baus interessierten Passanten einen Blick ins Innere zu ermöglichen. Auf der oberen Ebene des Gebäudes ist die Ausstellungsfläche geplant. Hier sollen beispielsweise Münzen und Kinderspiele, Speisereste sowie Relikte zerstörter Gebäude und weitere archäologische Funde gezeigt werden. Außerdem will man die bislang im Kölner Stadtmuseum gelagerte umfangreiche Judaicasammlung hier konzentrieren. In der unteren Ebene würden die archäologische Forschung und deren Ergebnisse zur ehemaligen jüdischen Gemeinde präsentiert, allen voran die Reste einer Synagoge aus dem achten Jahrhundert, die auf den Ruinen eines spätantiken Bauwerks errichtet worden war – möglicherweise auch schon eine Synagoge. Ein Publikumsmagnet könnte der gut 16 Meter tiefe Abgang zur Mikwe werden. Die Gemeinde baute ihr Ritualbad tief in den Boden, um an Grundwasser, »lebendes Wasser«, zu kommen, wie es religiös vorgeschrieben ist. Die erhaltene mittelalterliche Treppenanlage mit Vorraum und Umkleidenische in der Mikwe entstand, nimmt man an, als Nachfolgemodell einer noch älteren Anlage im Jahr 1170.

Geldprobleme Jüdische Kultur und jüdisches Leben werden an diesem Ort aber nicht nur retrospektiv erlebbar sein. Das Haus soll auch für Austausch und Begegnung genutzt werden. Ein wissenschaftlicher Beirat, dem auch Vertreter der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg angehören, ist in die gesamten Planungen eingebunden. Unterstützung hat auch ein Verein von Kölner Bürgern zugesagt, der ursprünglich ein jüdisches Museum selbst errichten und später betreiben wollte. Nachdem der Verein seine Finanzierungszusage nicht aufrechterhalten konnte, will er sich nun neu ausrichten und den Betrieb des Hauses fördern und unterstützen, etwa durch die Konzeptionierung der Ausstellung sowie Beratung bei der Museumspädogogik.

Ob all diese Pläne Wirklichkeit werden, und falls ja, auch in der vorgesehenen Zeit, hängt jetzt am Geld. Im April hat das Kommunalparlament dem Projekt zugestimmt – unter Finanzierungsvorbehalt. Die Stadt Köln rechnet insgesamt mit Kosten in Höhe von 48 Millionen Euro. 12 Millionen davon trägt die Stadt, das Land Nordrhein-Westfalen hat Zuschüsse von 14,6 Millionen zugesagt. Für die noch fehlenden rund zwölf Millionen Euro hofft die Stadt auf Zuwendungen aus dem Bundeshaushalt sowie von der Europäischen Union. Darauf sicher bauen kann angesichts der aktuellen Krise jedoch wohl niemand.

Berlin, Lindenstraße

Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg: Dafür steht das Jüdische Museum Berlin. Ursprünglich ausgelegt für maximal 300.000 Besucher im Jahr, beläuft sich deren Zahl inzwischen auf mehr als eine Dreiviertelmillion. Das zwingt zur Auslagerung von Aktivitäten, insbesondere der Museumspädagogik. Zuletzt wurden pro Jahr 7.500 Führungen für Schulklassen sowie 429 Bildungsveranstaltungen angeboten. Dieses Angebot soll weiter ausgebaut werden. Auch der Archivbestand hat sich seit Eröffnung des Museums 2001 verdoppelt, und die Bibliothek umfasst mittlerweile 70.000 »Medieneinheiten«. Für alle diese Bereiche sowie für ein künftiges Fellow-ship-Programm wird nun die Blumengroßmarkthalle auf der gegenüberliegenden Seite der Lindenstraße erworben und vom Museumsarchitekten Daniel Libeskind umgebaut.

Den Kaufpreis, über den unter den Beteiligten Stillschweigen vereinbart wurde, bringt der deutsche Freundeskreis des Museums auf, die Kosten der Architekturplanung die amerikanischen »Friends of the Jewish Museum Berlin«. Sechs Millionen Euro sind für den Umbau veranschlagt, die der Bund aus Steuermitteln beisteuert. Der Baubeginn ist für den Spätsommer avisiert, bereits im Herbst kommenden Jahres sollen Archiv, Bibliothek, Museumspädagogik sowie eine Akademie für »Summer Fellows« einziehen. Ausgefüllt werden die 6.500 Quadratmeter Grundfläche der 1962-65 von Bruno Grimmek erbauten Halle damit allerdings nur zur Hälfte. Über die zweite Hälfte gibt es keine konkreten Vorstellungen. Hält man sich das bisherige Wachstum des Museums vor Augen, lässt sich für eine nicht allzu ferne Zukunft weiterer Bedarf denken.

Biblischer Garten Die Halle selbst, eine nackte, klare Stahlbetonkonstruktion, bleibt unverändert und vor allem ungeheizt, weil ungedämmt und unbeheizbar. Beabsichtigt ist allerdings, einen »Biblischen Garten« anzulegen, der die historisch überlieferten Pflanzen zeigen soll –vorausgesetzt, sie wachsen auch in der nicht eben mediterran klimatisierten Halle. Ziel ist es, Einblick zu geben »ins biblische Leben der Israeliten«. Bis zu 400.000 Euro werden dafür veranschlagt, Spender werden noch gesucht.

Der Architekturentwurf von Libeskind sieht den Einbau dreier Kuben vor: einer –in die Querfassade der Halle eingeschnitten – wird als Eingangsbereich dienen, je einer ist als Bibliothek sowie als Vortragssaal vorgesehen. Die Kuben gemahnen an Holzkisten wie diejenigen, in denen immer mehr Nachlässe ins Museum gelangen. Sie tragen geneigte, auf jeweils eine Spitze zulaufende Dächer. Damit soll, so die Erläuterung des Büros Libeskind, die »Orientierungslosigkeit der Juden im Exil« ange- deutet werden. Aber, keine Angst: Der Fußboden bleibt waagerecht.

Das Areal rings um die Halle soll später mit Wohnbauten gefüllt und belebt werden. Der erforderliche Bebauungsplan ist in Arbeit, und zumindest im Gespräch ist eine Umgestaltung der Lindenstraße, mit Fahrbahnverengung und Fußgängerampel. Schließlich sind auch Sicherheitsanforderungen zu bedenken. Ein »Pollerschutz in Gestalt von Stadtmöbeln« wird erwogen.
Integration Cilly Kugelmann wies bei der Vorstellung des Expansionsprojekts darauf hin, dass das Jüdische Museum inmitten einer sich wandelnden Gesellschaft existiere, »in der immer mehr Menschen unterschiedlicher Herkunft leben«. »Wir glauben«, so die Programmdirektorin des Hauses, »dass wir als Mitglieder einer Minorität zum Zusammenleben von Minderheiten in Deutschland etwas beitragen können.« Kugelmann weiß, dass sich das Jüdische Museum in einem problematischen Viertel befindet, in dem viele, vor allem türkische, Migranten leben. Bislang sei es nicht gelungen, die Menschen aus der Nachbarschaft »ins Museum zu bringen, trotz Freikarten in allen Briefkästen«. Sie erhofft sich vom Projekt Blumenhalle eine »integrative Wirkung«. Für die Nachbarn werde es künftig auch »Freizeit- und Ferienangebote« geben. Der Stadtteil Kreuzberg ist damit wahrlich nicht reich gesegnet.

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