Eva Haller

Ruhelose Genießerin

Frau mit Power: Eva Haller aus München Foto: Lydia Bergida

Eva Haller

Ruhelose Genießerin

Die Leiterin der Korczak-Akademie feierte ihren 75. Geburtstag

von Katrin Diehl  06.07.2023 08:41 Uhr

Vor fünf Jahren, also ebenfalls zu einem runden Geburtstag, hat Eva Haller in Temeswar in ein paar nebeneinanderliegenden Hinterhöfen nach einem ganz bestimmten Baum gesucht. Aber Bäume werden ja größer über die Jahrzehnte, verändern sich, werden gefällt. Und so blieb die Unsicherheit, in welchem der Höfe sie als kleines Mädchen gespielt hatte, welches Haus zum Hof gehörte.

So jung Eva Haller damals war, so früh sie diese Stadt mit ihren Eltern verlassen hat, sie scheint ihr in der Selbstverständlichkeit des Nebeneinanders an Kulturen, Religionen, Sprachen (allerdings auch einer schmerzhaften Geschichte) etwas mitgegeben zu haben.

heimatbegriff »Sesshaftigkeit« ist etwas Relatives, der Heimatbegriff etwas Schwieriges, und wer weiß, ob sich Wurzeln nicht einfach auch unter den Arm packen und mitnehmen lassen. Eva Haller trägt sehr oft einen Chai-Anhänger an ihrer Halskette. Der gehörte ihrer Mutter, einer Überlebenden aus Ungarn. Der Vater war als russischer Jude vor den Pogromen nach Rumänien geflohen.

Eva Haller hält sich mit Yoga und Schwimmen fit.

In München lebt Eva Haller jetzt schon überraschend lange, nämlich weit über zehn Jahre. Zum einen gefällt es ihr hier recht gut (samt Oktoberfest). Außerdem ist die Europäische Janusz Korczak Akademie in München zu Hause, eine jüdische Bildungseinrichtung, die allen, die guten Willens sind, offensteht und die das Programm der jüdischen Gemeinden gerade auch durch Formate, die sich bewusst an andere Religionen und Kulturen wenden – Eva Haller spricht hier von »Brücken nach außen« – durch einiges an Buntheit ergänzen.

TIKKUN Sie ist die Präsidentin der EJKA (die auch in Berlin und Duisburg Häuser hat), die sie 2009 zusammen mit Stanislav Skibinski gegründet hat. Die Akademie verschrieb sich dem Erbe des polnisch-jüdischen Pädagogen Janusz Korczak (1878/79–1942) sowie dem Tikkun-Olam-Gedanken, der Idee also, die Welt ein bisschen besser zu machen. Wer Eva Haller sagt, sagt fast auch EJKA. Fast. Die EJKA-Familie jedenfalls besteht aus sehr engagierten Ehrenamtlichen, die einiges auf die Beine stellen.

Hier eine kleine Tour durchs Programm: »YouthBridge«, ein Jugend-Toleranz-Projekt, das sich an junge Menschen unterschiedlichster Herkünfte wendet; »Mit Davidstern und Lederhose«, ein Rechercheprojekt zu jüdischem Leben an ganz verschiedenen Orten Deutschlands; »Fraueninsel«, ein »Safe Space«-Projekt unter anderem für Frauen aus Krisen- und Kriegsgebieten. Eine leichte Überschneidung von EJKA-Familie und echter Familie gibt es im Übrigen auch.

Eva Haller ist eine treibende, ruhelose Kraft, wenn es um Projekte geht, und wer es ernst meint mit den Aktionen von unten, die demokratische Werte hochhalten, gegen Antisemitismus und Diskriminierung arbeiten, die sich durch Stetigkeit auszeichnen, die aufklären und damit jüdisches Leben in dieser Gesellschaft zu stärken suchen, der muss erst einmal mit ihrem Tempo mithalten. »Aufgeben gibt es nicht«, sagt Eva Haller.

SPRACHEN Sie greift schneller, als man gucken kann, zum Telefon. In welcher Sprache sie dann irgendjemanden aus ihrem riesigen Netzwerk – ob auf Deutsch, Englisch, Hebräisch, Ungarisch – anspricht und zurate zieht, darauf kann man gespannt sein. Vielleicht ist ja die andere Eva Haller am anderen Ende der Leitung, die aus Santa Barbara in den USA. »Wir lernten uns zufällig kennen, sahen, dass da ganz viel Gemeinsames ist, auch an Aktivismus und dem Willen für soziales Engagement, und jetzt ist sie in unserem Beirat«, erzählt sie.

In einem Mädchenkloster der Karmeliterinnen war sie die einzige Jüdin.

Sätze spricht Eva Haller manchmal, weil etwas Nächstes ansteht, nicht zu Ende. Sie sagt dann, »Sie wissen schon, was ich meine …« oder »Du weißt schon, wie du das machen wirst …«, was ein ziemlicher Vertrauensbeweis ist und auch ein Zeichen für Freiheiten, auf die sie für alles Kreative setzt. So atemlos sie das macht, so erfolgreich sind Hallers Tatendrang und Tatkraft. Dafür hat sie schon einige Auszeichnungen wie »München leuchtet« oder die Bayerische Verfassungsmedaille bekommen.

Geboren wurde Eva Haller 1948 in Te-meswar, in Rumänien. Aufgewachsen ist sie in Wien, war die einzige Jüdin in einem Mädchenkloster der Karmeliterinnen, das sie in guter Erinnerung hat. Die Eltern taten sich schwer mit dem Angekommensein, was die junge, heranwachsende Eva nervte. Was wäre also mit New York? Okay, man geht nach New York, aber auch da halten es die Eltern nicht lange aus, reisen zurück nach Europa, nach Deutschland, nach Frankfurt. Eva bleibt in Big Apple, absolviert die Highschool, geht aufs College, studiert an der Columbia University Journalismus, ein Studium, das sie in Brüssel fortsetzt, wo sie zusammen mit Freunden »Radio Judaica« gründet.

ISRAEL Sie lebt und lernt in Tel Aviv, arbeitet an der Universität in Padua und Venedig, heiratet, bekommt zwei Kinder, geht nach Deutschland, schließlich nach München. Dort ist sie für die Jugendabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde tätig, macht für die IKG bis heute Synagogenführungen. Ruhelosigkeit, gepaart mit Minuten des Genießens im richtigen – kurzen – Augenblick, zeichnet sie aus. Kraft holt sich Eva Haller bei Yoga-Übungen. Sie schwimmt sehr gern, verbringt immer wieder Tage in ihrem Sommerhaus in den Hügeln bei Venedig.

Fragt man ihren Ehemann Roman Haller, über Jahrzehnte Direktor der Nachfolgeorganisation der Claims Conference, was für seine Frau das Wichtigste sei, sagt er: »Familie, Familie, Familie«. Da sind die Tochter, die neben ihrem Beruf ebenfalls fest in die EJKA mit eingebunden ist, der Sohn, Rabbiner in Berlin, und sieben Enkelkinder. Gefeiert wurde der 75. Geburtstag zusammen mit allen in Prag. Und Eva Haller genoss das.

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