Porträt der Woche

Reise ins Ungewisse

Polina Manelis ist Sängerin, kommt ursprünglich aus Kiew, lebt in München und fühlt sich in Europa am wohlsten

von Katrin Diehl  26.03.2019 10:28 Uhr

»Ich bin sehr auf Sicherheit bedacht«: Polina Manelis (34) Foto: Christian Rudnik

Polina Manelis ist Sängerin, kommt ursprünglich aus Kiew, lebt in München und fühlt sich in Europa am wohlsten

von Katrin Diehl  26.03.2019 10:28 Uhr

Mein weißes Kommunionskleid lag schon bereit. Ich war neun oder zehn Jahre alt. Da hat sich meine Mutter doch noch einmal umentschieden – in letzter Minute und zu meinem großen Glück. Ich wurde kein »Kommunionskind«. Stattdessen habe ich erfahren, dass ich jüdisch bin. Wie ich damals auf diese Neuigkeit reagiert habe, weiß ich, offen gestanden, heute nicht mehr.

Diese Erstkommunion war auch nicht unbedingt etwas, auf das ich mich sonderlich gefreut hätte. Sie war mehr so eine Art »gesellschaftliche Pflichterfüllung«: Alle Kinder machten das. Also machte ich das auch und besuchte mit meinen Mitschülern regelmäßig den Religionsunterricht. Das »Vaterunser« kann ich bis heute auswendig, und als braves Schulmädchen habe ich sogar einmal so ein kleines »INRI« an meine Kinderzimmerwand gehängt.

Außenseiter Heute verstehe ich natürlich die zögerliche Haltung meiner Eltern. Sie haben nach ihren Erfahrungen der eigenen Emigrationsgeschichte ihr Kind nicht schon wieder in eine Außenseiterrolle bringen wollen. Was sie in der Ukraine, in Kiew, mitgemacht hatten, steckte ihnen wohl noch ziemlich in den Knochen.

Ende 1989 sind wir von dort weggegangen. Ich war damals gerade einmal vier Jahre alt. In Träumen tauchen manchmal Erinnerungen und Bilder auf, die ich aber nicht richtig zuzuordnen weiß.

Was ich hingegen sehr wohl noch abrufen kann, sind Emotionen: das Gefühl, von meinen Großeltern, die fürs Erste in der Ukraine geblieben sind, getrennt zu werden, das Gefühl, ins Ungewisse zu reisen. Das muss auch für meine Eltern alles andere als einfach gewesen sein. Sie werden sich gefragt haben: Wo werden wir landen? Was werden wir beruflich machen können? Wie werden wir uns verständigen können – und das alles auch noch mit einem kleinen Kind im Schlepptau.

Ich bin unheimlich stolz darauf, Österreicherin zu sein. Dem Land verdanke ich viel.

Später haben mir meine Mutter und mein Vater natürlich erklärt, warum sie sich dazu entschlossen hatten, aus der damaligen Sowjetunion auszureisen. Beide hatten ihre gesamte berufliche Existenz aufgeben müssen, und das nur wegen ihrer jüdischen Wurzeln. Dabei waren sie in Kiew wirklich etablierte Musiker gewesen, vor allem meine Mutter war in der Kulturwelt als angesehene Cellistin bekannt. Und auf einmal fing man an, ihre Tourneen zu streichen und stattdessen einen ukrainischen Volksmusiker auf Reisen zu schicken. Das ist nur ein Repressalien‐Beispiel von vielen. Meine Eltern zeigten sich zutiefst enttäuscht von ihrem Land, von ihrer Stadt. Gegangen zu sein, empfinden sie bis heute als richtig, und ich pflichte ihnen bei. In die Ukraine bin ich bis heute kein einziges Mal mehr gereist.

ÖSTERREICH Dann aber kam das große Glück. Wir hätten ja überallhin geschickt werden können – nach Deutschland, in die USA, nach Israel. Aber es ist Österreich geworden! Das Land der Musik! Und zwar, weil es dort Menschen gab, die für meine Eltern als Berufsmusiker gebürgt haben. So bin ich zu einer Grazerin geworden.

Ich habe einen österreichischen Pass und bin unheimlich stolz darauf, Österreicherin zu sein. Die österreichische Kultur, die Küche, die Musik – ich finde das alles herrlich und kann mich voll und ganz damit identifizieren. Das Land, die Stadt Graz mit ihrer wunderschönen Synagoge und einer durchaus regen Gemeinde haben mir sehr viel gegeben, und dafür bin ich dankbar.

Die österreichische Kultur, die Küche, die Musik – ich finde das alles herrlich.

Im Elternhaus ging es immer musisch zu. Wie sollte es anders sein? Und daher war es auch kein Wunder, dass ich ebenfalls in diese Richtung strebte. Als Schülerin habe ich bereits in einem Vorbereitungskurs Klavier an der Hochschule für Musik studiert. Es herrschte da ein ziemlicher Drill, ich bin gut vorangekommen, habe an vielen internationalen Wettbewerben teilgenommen und musste mir deshalb als Teenager irgendwann einmal die ernste Frage stellen, ob ich professionelle Pianistin werden wollte.

KULTURPROGRAMM Ich habe mich dagegen entschieden, und zwar einfach deshalb, weil ich jemand bin, der sehr auf Sicherheit bedacht ist. Ich möchte mir nicht immer Sorgen machen müssen, Sorgen darüber, ob ich meine nächste Miete bezahlen, ob ich meinen Kühlschrank füllen, ob ich mir ein Theaterticket leisten kann. Ich möchte das Leben unbeschwert genießen können, und dafür ist eine solide finanzielle Grundlage einfach das A und O. Also habe ich in Graz Slawistik und Kulturmanagement studiert, war von Anfang an im Musik‐ und Kulturbereich tätig. Denn das ist einfach meins.

Seit zwei Jahren bin ich mit meinem Gesangsprogramm auch im Kulturprogramm des Zentralrats vertreten.

Und wenn ich beispielsweise einmal in Wien im Goldenen Saal des Musikvereins als Assistentin des Intendanten des Radio‐Sinfonieorchesters mitwirken konnte, dann habe ich mich dabei wirklich wie ein Fisch im Wasser gefühlt. Neben Graz und Wien machte ich noch Station in Berlin. Und seit drei Jahren ist es jetzt eben das schöne München geworden, wo ich im Kulturbereich der Landeshauptstadt tätig bin und das auch jeden Tag aufs Neue genieße. Mit der Musik habe ich dabei nie aufgehört, werde auch sicher nie damit aufhören.

Seit zwei Jahren bin ich mit meinem Gesangsprogramm, zu dem auch ein breites jiddisches Repertoire gehört, im Kulturprogramm des Zentralrats vertreten. Ich versuche, so oft wie möglich aufzutreten. Für mich ist das eine Herzensangelegenheit und auch etwas für die Seele. Anlässlich der Nacht der jüdischen Musik werde ich demnächst hier in München in der Europäischen Janusz Korczak Akademie einen Vortrag über Jüdisches in Klassik und Jazz halten. In München gibt es für die Community wirklich ein reichhaltiges Programm, ob das in der IKG ist, im Jüdischen Museum oder in der Literaturhandlung.

Als mein Vater plötzlich die Nähe zur Synagoge gesucht hat, hat mich das in meiner Identität bestärkt.

PARTNERWAHL Das Judentum gehört mittlerweile fest zu meinem Leben. Innerhalb meiner Familie, die ja nicht streng religiös ist, bin ich vielleicht diejenige, die es am Genauesten nimmt. Wann immer es mein Beruf zulässt, versuche ich, zu Schabbes die Kerzen zu zünden. Das Judentum hat sich hineingeschlichen in mein Leben und ist jetzt voll präsent. Zum ersten Mal habe ich das wohl gespürt während einer Reise nach Amsterdam. Die hatte das European Center for Jewish Students organisiert. Da war ich 22 Jahre alt. Ich fuhr dorthin, kannte niemanden und kam zusammen mit zwei russischsprachigen Jüdinnen auf ein Zimmer. Das waren für mich alles ganz neue Erfahrungen. Aber es war total positiv. Ich habe gespürt: Wir sind alle jüdisch hier, wir sind alle gleich.

Auch als mein Großvater starb und mein Vater plötzlich in seinem Schmerz die Nähe zur Synagoge und zum Gebetsraum gesucht hat, hat mich das berührt und mich in meiner Identität bestärkt. Mittlerweile muss ich auch sagen, dass es mir wichtig wäre, einen jüdischen Partner zu finden. Ich möchte eine jüdische Familie haben, in der ich unsere Tradition weitergeben kann. Dass man sich nicht erklären muss, dass es da eine Einigkeit gibt, macht eine Familie erst zu dem Ruhepol, der sie sein sollte. Natürlich ist die Auswahl an Männern dadurch ziemlich eingeschränkt, aber das nehme ich in Kauf, auch wenn meine Oma, die ziemlich flott und bewundernswert modern unterwegs ist, das ein bisschen anders sieht. Sie macht sich da eher Sorgen, denn sie denkt an die Zeit, die vergeht.

FAMILIE Zum Judentum gehört auch Israel, ein Land, vor dem ich unheimlichen Respekt habe und wohin meine Großeltern mütterlicherseits – sie leben leider heute beide nicht mehr – schließlich ausgewandert sind. Ich kenne Eretz Israel von Besuchen bei meinen Onkeln, Tanten, Cousinen und Cousins, aber, ehrlich gesagt, leben möchte ich dort nicht. Dafür identifiziere ich mich zu sehr mit der europäischen Kultur. Israel ist mir irgendwie zu orientalisch, auch wenn ich genügend Leute meines Alters kenne, die total euphorisch sind, was Israel anbelangt, die sich dort selbst gefunden haben und dorthin ausgewandert sind.

Zum Judentum gehört auch Israel, ein Land, vor dem ich unheimlichen Respekt habe.

Mir geht es jedenfalls bis jetzt noch sehr gut hier in Deutschland oder in Österreich – auch wenn ich Veränderungen feststellen muss. Mich beunruhigt zum Beispiel, was sich politisch so tut, mich beunruhigen aber auch die Folgen der Flüchtlingswelle. Ich denke, da sind viele Menschen mitgekommen, die einfach von Anfang an antisemitisch geprägt worden sind und die auch ein anderes Frauenbild mitgebracht haben. Mir macht das Angst. Wobei ich München für intelligent genug halte, damit umgehen zu können – auch damit, dass wir Juden offen über unser Judentum kommunizieren.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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