Erfurt

Ramelows Antrittsbesuch

Ministerpräsident Bodo Ramelow (r.) in der Jüdischen Landesgemeinde, auf dem Podium Romani Rose (l.) und Reinhard Schramm Foto: Blanka Weber

Einer seiner ersten Termine hat den neuen Ministerpräsidenten von Thüringen, Bodo Ramelow, zu einer Podiumsdiskussion in die Jüdische Landesgemeinde Thüringen geführt. Auf dem Podium sitzen Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrates der Sinti und Roma, und Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde. Ramelow spricht über Rassismus, Stigmatisierung und die Frage der Zuwanderung.

»Ich denke, dass wir von einem Muslim oder einem Christen erwarten können, dass er sich tolerant dem Judentum gegenüber zeigen wird. Und damit sind wir bei der Kernbotschaft: Nur wenn wir uns gemeinsam aushalten, haben wir eine Chance, menschlich miteinander umzugehen und Leben zu gestalten.«

Flüchtlinge Auch in Thüringen gerate die Aufnahme von Flüchtlingen immer wieder zum Balanceakt. »Deshalb haben wir Ministerien nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich neu gestaltet«, erklärt Ramelow. Gemeint ist das neue Ressort von Dieter Lauinger (Grüne), das sich Ministerium für Migration, Justiz und Verbraucherschutz nennt.

Doch wann sei ein Migrant willkommen? Ist er es nur als ukrainischer Arzt, wenn er die klaffenden Lücken in den unbesetzten Dorfarztpraxen fülle? Oder ist er es auch, wenn er hilfesuchend als Vertriebener Schutz suche? Die Diskussion, so Ramelow, müsse offen und ehrlich geführt werden, auch die Debatte um Minderheiten im Land. Man habe sich im Kabinett verständigt, sagt Ramelow mit Blick auf den thüringischen Innenminister, dass der Winterabschiebestopp für Flüchtlinge eine wichtige, humanitäre Geste sei.

»Aber«, so Ramelow, »damit ist das Problem noch nicht gelöst.« Man müsse dort helfen, wo Fluchtursachen entstünden und »dann müssen wir politisch dafür kämpfen, dass die Fluchtgründe unterbleiben. Wir wollen«, sagt er, »dass dieses Land offen ist, dass Menschen, die hierherkommen, eingeladen sind, dieses Land zu verbessern, zu verstärken, und zwar mit all’ ihren Fähigkeiten.«

Verantwortung Romani Rose ist nicht zum ersten Mal in der Jüdischen Gemeinde zu Gast. Es gehe heute um »gelebte Verantwortung, um Wahrhaftigkeit und nicht darum, Schuld jenen anzulasten, deren Großeltern Verbrechen begangen haben«, sagt Rose. Für Diskriminierung dürfe kein Platz sein, betont er. Man teile mit den Juden das Schicksal der systematischen Vernichtung während der NS-Zeit. »Es gibt keine Familie unserer Minderheit, die nicht den Verlust zu beklagen hätte.«

Seit vielen Jahren sei er eng mit der jüdischen Gemeinde verbunden. Allerdings, so räumte er ein, wünsche er sich an manchen Stellen einen engeren Schulterschluss. Er hätte erwartet, dass die Redner bei der zentralen Demonstration am 14. September vor dem Brandenburger Tor »auch den virulenten Rassismus, dem sich Sinti und Roma vielerorts ausgesetzt sehen, benannt und verurteilt hätten«. Die deutschen Juden und die deutschen Sinti und Roma dürften sich politisch nicht gegeneinander ausspielen lassen.

Schicksalsgemeinschaft »Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft, die uns verpflichtet, heute gemeinsam wachsam zu sein«, sagt Reinhard Schramm und erzählt von einer Begebenheit 1939, die ihm einst seine Mutter schilderte. Es sei im Gefängnis von Halle gewesen, als sie eine fremdsprachige Frau und deren Sohn beobachtete, die auf brutale Art von einem Polizisten geprügelt und auseinander getrieben worden waren.

»Beide waren ›Zigeuner‹, wie meine Mutter damals sagte. Solche Bilder verblassten später angesichts der Schicksale im Holocaust.« Das sei mit ein Grund für die Einladung in die Gemeinde gewesen, »weil die Solidarität mit den Sinti und Roma zur Verantwortung von uns allen gehört«.

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