Frankfurt

Rabbiner im Handy

Wie eine Gemeinde unter dem Coronavirus funktioniert

von Eugen El  26.03.2020 09:43 Uhr

Im Livestream: Auch so lässt es sich gemeinsam singen und beten. Foto: Getty Images, privat, Montage: Marco Limberg

Wie eine Gemeinde unter dem Coronavirus funktioniert

von Eugen El  26.03.2020 09:43 Uhr

Es ist eine neue Erfahrung. »Schabbat Schalom, Raw«, hallt es am vergangenen Freitagnachmittag durch den digitalen Äther. Etwa 90 Frankfurter Gemeindemitglieder haben sich mithilfe der Videokonferenz-App »Zoom« in einen Online-Kabbalat-Schabbat mit Rabbiner Avichai Apel eingefunden.

Einige Gemeindemitglieder sieht man zu Hause, auf dem Sofa sitzend, andere am heimischen Schreibtisch oder im Büro. »Die Tage sind nicht ganz einfach«, sagt Apel.

Er stimmt die Gemeinde auf den Schabbat ein und ruft dazu auf, anderen zu helfen. Die Teilnehmer singen die Gebete mit. Auch wenn die mäßige Klangqualität die Atmosphäre einer Synagoge nicht ersetzen kann, kommt Gemeinschaftsgefühl auf.

Verordnung Seit dem 18. März sind alle Frankfurter Synagogen geschlossen. Mittlerweile sind auch die anfangs noch möglichen Privatgebete in der Westend-Synagoge verboten. »Zusammenkünfte in Kirchen, Moscheen, Synagogen und anderer Glaubensgemeinschaften sind untersagt«, heißt es in der 4. Verordnung der Hessischen Landesregierung zur Bekämpfung des Coronavirus. Apel zeigt dafür Verständnis. Jede Einrichtung, die Menschen zu nah zueinander bringe, sei eine Gefahr.

Die Jüdische Gemeinde Frankfurt macht indes nicht nur im religiösen Bereich von digitalen Möglichkeiten der Teilnahme am Gemeindeleben Gebrauch. So hat die Kulturabteilung den siebten »Philosophischen Salon« am 17. März als Online-Livestream übertragen. Der Philosoph Leon Joskowitz traf Philipp Ruch vom Künstlerkollektiv »Zentrum für Politische Schönheit« zu einem Gespräch ohne Publikum – und unter Wahrung des gebotenen Abstands.

Der Kulturbetrieb sollte nicht stillstehen, und so suchte man eine zeitgemäße Alternative.

»Wir hatten 195 Teilnehmer, von denen viele die gesamten 75 Minuten des Salons dabei gewesen sind«, berichtet Vorstandsmitglied und Kulturdezernent Marc Grünbaum. Das Online-Angebot der Kulturabteilung sieht er als einen Beitrag zur psychischen Hygiene: »Das Leben soll nicht stillstehen, insofern war uns klar, dass wir eine zeitgemäße Alternative aufbauen würden.«

Auch das Jugendzentrum »Amichai« möchte seinen Betrieb zumindest teilweise über das Internet aufrechterhalten. Man sei dabei, eine eigene App zu entwickeln, sagt Jugendzentrumsleiterin Liyel Baron im Telefongespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. Sie hofft, auf diesem Weg möglichst alle Kinder und Jugendlichen zu erreichen.

»Amichai«-App Die »Amichai«-App soll diverse Aktivitäten anbieten. Unter anderem arbeite man, so Baron, an Challenges, die die Jugendlichen zu Hause ausführen und als Video hochladen könnten. Auch seien verschiedene Rätsel geplant. »Wir arbeiten gerade an einer Chat-Funktion«, berichtet Baron außerdem. Die jeweiligen Gruppen könnten sich dort in eigenen Chatrooms austauschen.

Auch Live-Schiurim sollen angeboten werden. Etwa 100 Kinder und Jugendliche kommen normalerweise sonntags ins Jugendzentrum, erzählt Baron. »Es ist alles eine Herausforderung«, weiß sie. Die Madrichim seien sehr motiviert. Es gehe darum, den Kindern auch in der jetzigen Situation das »Amichai-Feeling« zu vermitteln.

Die Kita-Leitung schickt regelmäßig per Mail »einen Gruß aus dem Kindergarten«.

Seit dem 16. März – und vorerst bis zum Ende der Osterferien am 19. April – ist auch die Kita im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum geschlossen. Eltern aus »besonderen Berufsgruppen«, wie zum Beispiel Polizisten, Feuerwehrleute und medizinisches Personal, können ihre Kinder im Rahmen einer Notbetreuung in die Kita bringen.

»Es sind viel weniger Kinder, aber wir wollen ihnen natürlich einen fröhlichen Alltag vermitteln«, sagt Kita-Leiterin Elvira Güver. Mit den anderen Familien sei man in regelmäßigem Kontakt: »Per E-Mail schicken wir an alle Kinder regelmäßig einen ›Gruß aus dem Kindergarten‹«. Dort fänden die Familien kleine Bastelangebote, Tipps und verschiedene Links zu Kinderseiten, sagt Güver.

Sozialbetreuung »Wir haben weitestgehend älteres Klientel«, berichtet Jutta Josepovici, Leiterin der Sozialabteilung der Frankfurter Gemeinde. Der telefonische Kontakt zu den älteren Gemeindemitgliedern werde regelmäßig gehalten. Viele dieser Menschen hätten Pflegedienste, die sich um ihre Einkäufe kümmerten. Den Senioren, die nicht auf einen Pflegedienst oder Familienangehörige zählen können, stelle die Sozialabteilung die Einkäufe vor die Tür.

Es gilt jetzt, Gemeindemitgliedern zu helfen, die Ängste haben, sagt Jutta Josepovici, Leiterin der Frankfurter Sozialabteilung.

»Im Moment geht es darum, eventuelle Krisensituationen einzufangen«, sagt Josepovici. Es gelte, mit Gemeindemitgliedern zu sprechen, die Ängste haben. »Das Wichtigste in der Zeit ist, dass keiner sich alleine fühlt«, betont die Leiterin der Sozialabteilung.

Auch Rabbiner Avichai Apel weiß, dass die Gemeindemitglieder sich wegen der Corona-Krise sorgen: »Wie wird es sein, wie lange wird es gehen?« Er mahnt, die Situation ernst zu nehmen: »Es sind keine Ferien, es ist eine Verpflichtung.«

»Die Vorbereitung auf Pessach wird nicht einfach sein«, sagt Apel. Die Gemeinde hat ihre Sederabende am 8. und 9. April abgesagt. Nicht einfach sind derzeit auch Hochzeiten. Mittlerweile sind in Hessen alle Versammlungen mit mehr als zwei Personen verboten. Hochzeiten werden deshalb verschoben. Im jüdischen Verständnis sei das nicht ganz erwünscht, beklagt Apel, »aber so ist es«.

Beerdigungen finden nach wie vor statt. Man kann sie nicht verschieben, sagt Rabbiner Avichai Apel.

Beerdigungen würden aber weiterhin stattfinden. Man könne sie nicht verschieben. Die Trauerzeremonien werden unter freiem Himmel und nicht in der Trauerhalle abgehalten. Die Teilnehmerzahl sei begrenzt, auch müsse Abstand eingehalten werden. Auf mögliche Beerdigungen von Opfern der Corona-Epidemie sei man vorbereitet, sagt Apel.

Videos Trotz der schwierigen Lage versucht die Frankfurter Gemeinde, das religiöse Leben im Rahmen des Möglichen aufrechtzuerhalten. Rabbiner Julian-Chaim Soussan veröffentlicht regelmäßig Videobotschaften auf der Facebook-Seite der Gemeinde. Elisa Klapheck, Rabbinerin des Egalitären Minjans, und Chasan Daniel Kempin haben den jüngsten Freitagabend-Gottesdienst mit Predigt als Video aufgenommen und an die Mitglieder verschickt.

Der Rabbiner hatte angekündigt, auch die Hawdala online zu feiern. Man versuche, dabei zu bleiben, sagt Apel. Seinen Umgang mit der derzeitigen Situation erklärte er den Teilnehmern des Video-Gottesdienstes am vergangenen Freitag: »Auch eine Online-Kehilla ist eine Kehilla.«

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