Hamburg

Putten und fliegende Kraniche

Inke Hansen kann ihr scharfes, spitzes Messer kaum aus der Hand legen, so sehr fasziniert sie, was sie jeden Tag in einer alten Villa neu entdeckt. Inke Hansen ist Restauratorin und legt in dem 150 Jahre alten klassizistischen Gebäude an der Hamburger Rothenbaumchaussee 19 immer neue Malereien an Türen und Decken, auf Fußböden und hinter Tapeten frei. Kaum montieren sie und ihre Kollegin Christina Muhsil eine weiße Rigipsverkleidung von einer Wand, offenbaren sich ihnen dekorative, illusionistische Malereien.

Sukzessive arbeiten sie sich durch vorgesetzte Wände und abgehängte Decken zum Kern der repräsentativen Stadtvilla aus der Gründerzeit mit circa 40 Zimmern auf 1600 Quadratmetern in sechs Stockwerken inklusive Keller und Dachgeschoss – und damit durch die wechselvolle Geschichte des Anwesens, das seit 2013 Chabad Lubawitsch Hamburg gehört. Die jüdische Gemeinde, betreut von Hamburgs Landesrabbiner Shlomo Bistritzky, hat das Team Hansen/Muhsil mit der Renovierung des Gebäudes beauftragt.

denkmalschutz Da das Haus, das jetzt als jüdisches Bildungszentrum genutzt wird, seit 2008 unter Denkmalschutz steht, arbeiten die Restauratorinnen eng mit dem Hamburger Landesamt für Denkmalschutz zusammen, und deren Mitarbeiter sind von der Entdeckungsreise durch die Schichten der Jahrhunderte ebenso begeistert wie Rabbiner Bistritzky und die Restauratorinnen.

Diese Entdeckungsreise ist auch ein Gang durch ein Stück jüdischer Geschichte in Hamburg. 1867 zog der jüdische Augenarzt und Chirurg Dr. Fr. Caesar Gerson in ein 1862 errichtetes Haus an der Rothenbaumchaussee, die damals noch außerhalb der Hansestadt lag. 1877 ließ er auf dem Grundstück die jetzige Villa bauen, mit Veranden zur Prachtstraße und Marmoraufgang in den Vordergarten, mit eiserner Treppe in den hinteren Garten, Remisen im Untergeschoss, Durchfahrt zum hinteren Grundstücksteil und Stallgebäude, Gärtnerhäuschen, repräsentativen Räumen im Hochparterre und im ersten Stock, in dem sogar ein Spiegelsaal existiert haben soll.

In dem Haus sollte 1913 auch einmal ein Kino entstehen.

Doch bereits 1890 verkaufte Gerson das Anwesen an den jüdischen Kaufmann Moritz Max Bauer, der 1913 sogar ein Kino einrichten wollte. Als er 1925 starb, erbte sein Sohn Klaus Jürgen Bauer ein Fünftel, das übrige Erbe ging an Verwandte seiner Ehefrau Mathilda aus der deutsch‐amerikanischen Familie Hallgarten. 2010 besuchte der aus der Hallgarten‐Familie stammende Juergen Schulz, der in der Villa aufwuchs, sein Vaterhaus.

Schulz floh 1938 als Elfjähriger mit Mutter und Bruder aus dem nationalsozialistischen Hamburg. Bereits 1935 musste die Familie Hallgarten das Anwesen für nur 40.000 Reichsmark an den Nationalsozialistischen Lehrerbund verkaufen. 1954 bekam die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft als Rechtsnachfolger des NS‐Lehrerbunds die jüdische Villa auch prompt zugesprochen. Genutzt wurde die Villa von der Landesbibliothek und der Landesbildstelle. Einige Stockwerke mietete die Universität, die Mietverträge bestehen bis heute.

Gipsdecken »Als wir die Villa erstmals betraten, sahen wir überall abgehängte Gipsdecken und Stahlträger, an denen die Bibliotheksregale aufgehängt waren, darüber aber fanden wir schöne Decken, die so bemalt sind, als wären sie aus Holz gearbeitet. Wir versuchen immer noch zu verstehen, wie das Haus genutzt wurde«, sagt Inke Hansen. Sie ist besonders beeindruckt von der Funddichte, die es zu restaurieren gilt.

»Wir erleben jeden Tag neue Überraschungen, einiges ist zerstört, anderes durch die vielen Verkleidungen gut erhalten.« Das Besondere sei, dass das Gebäude nicht nur vom ersten, sondern auch vom zweiten Besitzer mit hochwertiger Malerei ausgestattet wurde. »Das ist ein absolutes Novum, jeder Raum offenbart sich anders, und wir beraten uns ständig, welche Schicht, die erste oder die zweite, wir erhalten wollen«, erklärt die Restauratorin.

»Wir erleben jeden Tag eine andere Überraschung.«Inke Hansen

In der ehemaligen Bibliothek hat sie beim Freilegen der Kassettendecke eine Malerei mit Täubchen und Putten entdeckt. Im Wintergarten zur ehemaligen Gartenveranda legte sie an der Decke illusionistische Malereien mit fliegenden Kranichen frei, an der Wand die Impression einer japanischen Berglandschaft. In einem ans Foyer angrenzenden quadratischen Flur entdeckten die Restauratorinnen über den Türen feixende und lesende Zwerge.

»Wir wollen das Gebäude für seinen Stadtteil Rotherbaum wieder so attraktiv herstellen wie zu seiner Erbauungszeit«, sagt Hamburgs Landesrabbiner. In Abstimmung mit der Jüdischen Gemeinde soll in den ehemaligen Remisen ein koscheres Lebensmittelgeschäft und eine Mikwe für Männer eingerichtet werden. Die Frauen‐Mikwe befindet sich in der Synagoge Hohe Weide. Außerdem sind eine Sonntagsschule, Unterrichtsräume, ein Gebetsraum und ein Zentrum zum Tora‐Schreiben geplant.

Restaurant Ein Rabbinerseminar existiert bereits, im Mai 2018 wurden die ersten Rabbiner ordiniert, im Oktober wurden in dem Haus die letzten Buchstaben einer neuen Tora geschrieben. »Vielleicht gelingt es uns sogar, in der vorderen Veranda ein koscheres Restaurant zu eröffnen«, sagt Bistritzky mit leuchtenden Augen, weiß aber vor allem eines: Das kostet.

»Je mehr man tut, desto mehr Möglichkeiten eröffnen sich«, berichtet er von einer Spende über 500.000 Euro – für die er aber erst einmal 500.000 Euro aufbringen muss, damit sie fließt. Eine Förderung über 250.000 Euro kommt vom Kultursenat, die Hermann‐Reemtsma‐ und weitere Stiftungen haben Unterstützung signalisiert. Das Leben im jüdischen Bildungszentrum Hamburg auf einer Baustelle geht noch lange weiter.

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