Kiel

Platznot am Schrevenpark

Gemeindechefs Inna Shames (l.) und Walter Joshua Pannbacker Foto: Heide Linde-Lembke

Die Mesusa am Türpfosten ist schon viermal umgezogen. Und sie wird bald erneut an einer anderen Eingangstür feierlich befestigt werden. Denn die Jüdische Gemeinde Kiel an der Jahnstraße 3 hat für das zweite Jahrzehnt ihres Bestehens große Pläne. In diesem Jahr aber wird erst einmal der zehnte Geburtstag gefeiert.

Am 18. April 2004 gründete Liad Inbar die Gemeinde mit 18 Juden aus Kiel und Umgebung. Der Gründungsvorsitzende kommt aus Tel Aviv und ist der Enkel eines Mitglieds der Jüdischen Gemeinde Kiel vor der Schoa. »Unsere Gemeinde entwickelte sich rasch von 18 Mitgliedern auf heute mehr als 160«, sagt Walter Joshua Pannbacker, ihr erster Vorsitzender. Er ist in Deutschland geboren und zur Schule gegangen, hat in mehreren Staaten, darunter USA, studiert. Dort spürte er als 15-Jähriger erstmals, dass es normal ist, Jude zu sein.

Traditionspflege »Wir sind eine egalitäre Gemeinde, wir sind für alle Richtungen offen«, sagt Pannbacker, der für die religiöse Bildung der Gemeindemitglieder zuständig ist. Anliegen sei es, jüdische Tradition zu pflegen und weiterzuentwickeln. »Wir haben keine Berührungsängste und freuen uns sehr, wenn wir Gäste begrüßen dürfen«, sagt Inna Shames, zweite Vorsitzende der Gemeinde.

Die promovierte Pädagogin und Sozialberaterin baute das kulturelle Lernangebot der Gemeinde für Kinder, Eltern und Senioren aus und eröffnete mit Pannbacker im Februar 2006 die Sonntagsschule. Viele neue Gemeindemitglieder kamen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. »Wir begleiten die Menschen in ihr neues Leben«, sagt Shames. Rasch integrierte sich die Gemeinde ins öffentliche Kieler Leben.

Der Mitgliederzuwachs hatte aber auch Platznot zur Folge. Fünfmal zog die Gemeinde um, bis sie 2008 mit 80 Mitgliedern in der Jahnstraße 3 endlich genug Raum für ein reges religiöses, soziales und kulturelles Leben fand. Die neue Synagoge liegt in unmittelbarer Nähe der alten, 1909 erbauten Synagoge am Kieler Schrevenpark. Auch sie war in der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 geschändet worden. Die Nationalsozialisten steckten sie in Brand und rissen sie 1939 ganz ab.

Zentralratsmitglied Heute erinnert ein Denkmal am Schrevenpark an das jüdische Gotteshaus. »Dort halten wir mit unserem Landesrabbiner Walter Rothschild Gedenkgottesdienste ab«, sagt Pannbacker. Die Gemeinde gehört zum Jüdischen Landesverband Schleswig-Holstein und damit auch zum Zentralrat der Juden in Deutschland.

Zur Eröffnung der neuen Synagoge am Schrevenpark – wie sich die Gemeinde heute auch nennt – konnte die Gemeinde am 31. August 2008 mit der ersten von heute zwei Torarollen einziehen. Zahlreiche Bürger Kiels und Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur Schleswig-Holsteins nahmen an der Zeremonie teil. Die erste Torarolle erwarb die Gemeinde dank Spenden der Kieler Bürger. Heute ist die Synagoge ein Familienintegrationszentrum.

Auf die Stadt Kiel und Sponsoren hofft die Gemeinde auch für die Zukunft. Denn mit 160 Mitgliedern ist auch die Synagoge an der Jahnstraße zu klein. Neben der Mikwe fehlten genügend Raum für eine Seniorentagesstätte und für das Familienintegrationszentrum mit einem schulbegleitenden Lehrhaus. »Aber wir arbeiten daran, und wenn wir noch ein Kulturzentrum für Ausstellungen, Konzerte, Theater, Vorträge und Kino haben, erfüllt sich unser Traum, und die Landeshauptstadt Kiel könnte zum jüdischen Zentrum Schleswig-Holsteins werden«, sagt Pannbacker.

Zurzeit ist die Gemeinde mit der Stadt Kiel im Gespräch über ein Gebäude im alten jüdischen Viertel der Stadt. Der Traum könnte sich erfüllen, und die Mesusa wird erneut feierlich an einer neuen Synagoge angebracht.

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