Porträt der Woche

Neuer Glanz für alte Scheiben

Maoz Barda ist Elektroingenieur und verkauft in seinem Laden Schallplatten

von Katrin Diehl  20.02.2019 15:09 Uhr

»Mein Laden ist in unserem Viertel so etwas wie ein kleiner Treffpunkt geworden«: Maoz Barda (45) lebt in München. Foto: Christian Rudnik

Maoz Barda ist Elektroingenieur und verkauft in seinem Laden Schallplatten

von Katrin Diehl  20.02.2019 15:09 Uhr

Ich denke, es war einfach an der Zeit, das zu tun, wovon ich schon lange geträumt habe, auch schon in Israel. Eigentlich bin ich ja Elektroingenieur. In diesem Beruf habe ich auch bis zum Tag meiner Abreise aus Israel gearbeitet. Auch hier in München habe ich zuerst als Elektroingenieur angefangen zu arbeiten.

Was soll ich sagen? Es hat mir nicht gefallen. Ich habe gespürt: Ich möchte das eigentlich nicht mehr machen. Ich möchte meinen eigenen kleinen Platz. Am liebsten einen Laden, in dem mich Dinge umgeben, die ich mag, zu denen ich einen Bezug habe, mit denen ich etwas anfangen kann. Und das sind zunächst einmal Schallplatten.

Ich selbst spiele kein Musikinstrument. Ich spiele Schallplattenspieler. Sie faszinieren mich einfach, diese schwarzen Scheiben. »Back to the records«, das ist das Motto, das mich zieht, und das seit einiger Zeit auch ziemlich angesagt ist. Für Platten interessieren sich Menschen jedes Alters und eben nicht nur die um die 50, wie man das ja oft so hört, die sich – jetzt zu Geld gekommen – mit so einer Schallplatte vielleicht ein Stück ihrer Jugend zurückholen möchten.

COVER Wer zu Schallplatten greift, hat dafür ganz einfach Gründe, und zwar wirklich gute: Sie klingen besser, haben dank der analogen Übertragungstechnik einen wärmeren Sound. Bei einer Schallplatte hält man wirklich etwas zwischen seinen Fingern. Man spürt sie. Und dann ist da noch die Hülle. Jede von ihnen ist ganz eigen gestaltet, den Text auf dem Cover nicht zu vergessen.

Und wenn du dann die Musik abspielst, die Nadel über die Rille läuft, dann plätschert da eben nicht nur etwas so im Hintergrund, sondern du wirst Teil des Musikgeschehens, weil du ja zum Beispiel die Platte auch wenden musst, wenn es dann so weit ist.

Ich lebe gerne hier, aber ich vermisse das Meer, das Essen, die Familie und die Kultur Israels.

Schallplattenläden gibt es mittlerweile wieder einige in München. Welche, die wirklich nur Platten aus Vinyl anbieten – mit diesem Angebot bin ich, glaube ich, zusammen mit einem anderen Plattenladenbesitzer, der Einzige. Und deshalb heißt mein Laden auch »maoz Vinyl & Kaffee«. Ja, Kaffee gibt es auch bei mir, eine feine Auswahl und natürlich Bio. Man sitzt auf Vintage‐Sesseln, ist umgeben von Vintage‐Accessoires.

Alte Einrichtungsstücke wieder selbst aufzumöbeln, sie zu reparieren und wieder gebrauchsfertig zu machen – das macht mir Spaß. Man könnte es ein Hobby nennen, eines, in das ich mich bereits in Israel eingearbeitet habe.

NACHBARSCHAFT Ein zweites Hobby ist die Fotografie. Ein paar von meinen Bildern machen sich gut als Blickfang an den Wänden meines Ladens, in dem ab und an auch Live‐Konzerte stattfinden. Mein Plattengeschäft ist in dieser ruhigen Münchner Straße zu so etwas wie einem kleinen Treffpunkt geworden. Hier kommen die Leute aus der Nachbarschaft zusammen.

Denn es ist ja so: Obwohl man sich eigentlich ständig über den Weg läuft, weiß man nicht wirklich etwas voneinander. Aber hier im Laden – bei angenehmer Musik, einer guten Tasse Kaffee, einem süßen Schnittchen – bietet sich die Gelegenheit, einander kennenzulernen.

Obwohl man sich ständig über den Weg läuft, weiß man nicht wirklich etwas voneinander.

Fragt man mich, wie das Geschäft so läuft, sage ich: »Besser und besser, ich bin wirklich zufrieden.« Wie überhaupt. München ist okay für uns, sonst wären wir wahrscheinlich nicht mehr hier – meine Frau, meine zwei Töchter Michal und Yael von acht und elf Jahren und ich. München ist eine Easy‐Going‐Stadt, man fühlt sich sicher, kann gut hier leben. Im Vergleich zu Israel läuft alles ruhiger, und es gibt eine gute Balance zwischen Arbeitszeit und der Zeit für die Familie.

FAMILIE Eigentlich hergekommen sind wir 2012 wegen meiner Frau. Sie ist Anwältin im medizinischen Bereich und hat vor sechs Jahren bei einer Münchner Firma angefangen. Geschäftlich reist sie oft nach Israel. Meine zwei Töchter fliegen schon, seit sie klein sind, immer mal wieder alleine dorthin. Die schaffen das prima, und in Israel warten ja Großeltern, Cousinen und Cousins sehnsüchtig auf sie. Natürlich finden Yael und Michal Israel toll. Es ist das Land ihrer Ferien und ihrer Verwandtschaft.

Ich bin zwei‐ bis dreimal im Jahr dort. Dann mit der ganzen Familie. Und ja, es gibt einiges, was ich hier in Deutschland vermisse, was mich manchmal ein wenig sehnsüchtig werden lässt. Israel ist eben mein Zuhause. Dort bin ich zur Welt gekommen, 1973, in einer kleinen Stadt in der Nähe von Tel Aviv.

Meine Mutter hat zwar marokkanische Wurzeln, geboren wurde sie aber in Jerusalem, während mein Vater wiederum aus dem libyschen Tripolis stammt und 1952 nach Israel eingewandert ist. In mir steckt tatsächlich schon ziemlich viel Israel.

Meine Mutter hat zwar marokkanische Wurzeln, geboren wurde sie aber in Jerusalem.

Was sich dort politisch so tut, beobachte ich von Deutschland aus. Ich halte mich für liberal und würde sagen, dass ich nicht alles mag, was da heute so läuft in den sozialen, religiösen, wirtschaftlichen Bereichen, in der Konfliktbewältigung.

Das Essen aber, das Wetter, das Meer, die Atmosphäre, die Familie, die Menschen und wie sie miteinander reden und umgehen – all das fehlt mir schon. Auch die Kultur.

FEINHEITEN In Israel stand ich in engem Kontakt mit der dortigen Musik‐, Theater‐, Kinoszene. Hier fühle ich mich diesbezüglich irgendwie noch außen vor. Vor Kurzem etwa hat ein Herr bei mir einige Platten gekauft. »Weißt du eigentlich, wer das war?«, hat man mich später gefragt. »Das war doch der und der, und der ist in München total berühmt, den kennt hier wirklich jeder.« Ich kannte ihn leider nicht.

Und die deutsche Sprache. Das ist auch so eine Sache. Gut, mein Deutsch ist in Ordnung, ich kenne die Basics, ich kann Gespräche führen. Aber es reicht eben nicht aus für die Feinheiten. Und dabei liebe ich die deutsche Sprache sehr. Ich finde sie ausdrucksstark. Unsere Kinder wachsen bilingual auf. Sie gehen einmal in der Woche zum Hebräischunterricht, wo sie auch andere israelische Kinder treffen.

Zur israelischen Community pflegen wir engen Kontakt. Wir tun uns zusammen, feiern unsere Feste, zünden Kerzen an, tauschen uns aus. Dass die zwei Mädchen unter ihren deutschen Freunden und Freundinnen nicht auffallen, hat sicher auch damit zu tun, dass wir es nicht zum Thema machen, dass wir keine Deutschen sind, sondern Israelis, dass wir andere Feste feiern. Die beiden machen alles, was die anderen auch machen, und wir machen mit.

SEMMELN Was es hier so an Festivitäten gibt, probieren wir einfach auch aus, ob das jetzt der Adventskalender, Laternen oder Schokoladeneier sind. Wir leben hier, also möchten wir auch alles kennenlernen, was so das Jahr über läuft und gemacht wird. Und seit ich beobachtet habe, dass meine jüngere Tochter zum Frühstück schon Semmeln mit Salami darauf isst, habe ich das Gefühl, wir sind in Bayern angekommen.

Was deutsche Musik anbelangt, sind meine Töchter schon wesentlich weiter als ich.

Auch, was deutsche Musik anbelangt, sind meine Töchter natürlich schon wesentlich weiter als ich. Ich kann da von den beiden lernen und muss zugeben, dass »deutsche Musik« bei mir im Laden nicht wirklich gut vertreten ist.

Was mich freut, ist, dass Yael und Mi­chal mich liebend gerne in meinem kleinen Reich besuchen kommen. Sie fühlen sich zwischen den Schallplatten wohl, feiern im Laden mit Musik Geburtstagspartys, laden Freundinnen zum Tanzen ein. Und nicht nur das. Die Große weiß schon richtig gut Bescheid.

FERNSEHSHOW Vor einiger Zeit hat eine TV‐Produktionsfirma bei mir angerufen und angefragt, ob ich über meinen Laden vielleicht einen etwa zwölfjährigen Jugendlichen kennen würde, der sich gut mit alten Schallplatten auskennt. »Vielleicht meine Tochter«, habe ich gesagt. Mit dem Ergebnis, dass Yael bei dieser Fernsehshow Klein gegen Groß mitgemacht hat, wir alle zusammen nach Berlin gefahren sind – sogar die Großeltern aus Israel kamen angereist.

Yael ist in der Sendung dann gegen den österreichischen Sänger Rainhard Fendrich angetreten. Ihre Aufgabe war es, so schnell wie möglich Plattencover zu erkennen, von denen nur kleine Puzzleteile zu sehen waren. Rainhard Fendrich war nicht schlecht. Aber gewonnen hat Yael, Tochter von Maoz – vom Schwabinger Vinyl‐Laden.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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