Bremen

Neue Torarolle zum Jubiläum

Blick auf die Jüdische Gemeinde Bremen Foto: picture alliance / dpa

In Bremen wurde dieser Tage gefeiert - mit dem festlichen Einzug einer neuen, in Israel angefertigten Torarolle und einem großen Festakt in der Synagoge. Anlass war der 60. Jahrestag der Einweihung des jüdischen Gotteshauses in der Schwachhauser Heerstraße.

VERFOLGUNG Erst 1849 wurde es Juden offiziell gestattet, sich in Bremen niederzulassen. Zwar war in der Hansestadt bereits 1803 eine Israelitische Gemeinde gegründet worden. Doch 1819 beschloss der Stadtrat, das Aufenthaltsrecht der ansässigen Juden nicht mehr zu verlängern.

Die erste, kleine »Schul« entstand somit erst 1856. In den darauffolgenden Jahrzehnten wuchs die Zahl der Gemeindemitglieder aber stetig an. 1933 lebten in Bremen rund 1300 Juden. Die meisten von ihnen entkamen der Verfolgung nicht: Im November 1941 deportierten die Nationalsozialisten 440 Menschen in die Ghettos in Minsk und Riga, fast alle von ihnen wurden ermordet.

Weitere Deportationen nach Auschwitz-Birkenau und Theresienstadt folgten in den Jahren danach. Die 1876 gebaute Synagoge an der Gartenstraße im Schnoor war bereits vor Kriegsbeginn zerstört worden.

WIEDERAUFBAU Schon wenige Monate nach Ende der NS-Schreckensherrschaft wurde im August 1945 erneut eine israelitische Kultusgemeinde in Bremen ins Leben gerufen. Fast genau 15 Jahre später, am 30. August 1961, wurde die neue Synagoge an der Schwachhauser Heerstraße eröffnet.

Durch den Zuzug von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion wuchs die Gemeinschaft in den 90er-Jahren stark an, in Bremerhaven konnte 2001 eine neue Gemeinde gegründet werden. Beim Festakt am Sonntag zeigte Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte sich dankbar für das Wiedererstarken der jüdischen Gemeinschaft in der Hansestadt. »Wir werden alles tun, damit Juden hier sicher leben können«, versprach er.

Die neue Torarolle stehe sinnbildlich »für die Menschen, die hier Wurzeln geschlagen haben«, sagte die Gemeindevorsitzende Elvira Noa. Aus New York zur Feier angereist waren auch eine Enkelin und Urenkelin des Unternehmers Carl Katz (1899-1972). Dieser hatte 1945 an führender Stelle die Gemeinde wiedergegründet.

BUCH Zu seinem Angedenken schien vor kurzem ein Buch mit dem Titel »Never enough«. Geschrieben ist es von Katz‘ Urenkelin Elise Garibaldi. Sie fokussiert sich darin auf die Zeit vor Kriegsbeginn bis in die Nachkriegsjahre. Katz wurde 1938 von den Nazis vorübergehend ins KZ Sachsenhausen deportiert.

Nach der sogenannten Reichspogromnacht im November desselben Jahres wurde er gezwungen, seinen Rohstoffhandel zu verkaufen. Bis zur Deportation nach Theresienstadt 1942 war Katz vom Regime als Bremer Leiter der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland bestellt – ein Amt, das ihm nach 1945 aus der Bremer Gesellschaft heraus Kritik einbrachte. Damals machten plötzlich Gerüchte die Runde, Carl Katz habe andere Bremer Juden auf NS-Todeslisten setzen lassen und Judensterne gegen eine Schutzgebühr ausgegeben.

VORWÜRFE Diese Vorwürfe versucht Garibaldi in ihrem Buch zu widerlegen - auch mithilfe von Akten aus den Bremer Archiven. Demnach wurde ihr Urgroßvater in der Nachkriegszeit Opfer eines Komplotts ehemaliger Nazis, die sich von Mitschuld an der Schoa reinwaschen wollten und ihn fälschlicherweise der Kollaboration bezichtigten. Ruth Bahar, Katz‘ Enkelin, die schon 1961 bei der Eröffnung der Synagoge anwesend war, bezeichnete die Vorwürfe gegen ihren Großvater als »Lügen«.

Am Sonntag stand indes das Positive im Vordergrund. Die neue Torarolle aus Israel war bereits die achte, die in den Toraschrein in der Bremer Synagoge aufgenommen wurde. Der stellvertretende Gemeindevorsitzende Grigori Pantijelew sagte, er habe von Ruth Bahar erfahren, dass deren Großvater 1961 betont habe, die Bremer Gemeinde bekomme zwar Torarollen von russischen Juden aus der Sowjetunion, es werde aber auch die Zeit kommen, dass die russischen Juden selbst nach Bremen kommen würden.

Dafür sei Katz damals noch ausgelacht worden. »Jetzt wissen wir, dass er korrekt prophezeit hat«, so Pantijelew.

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