Speyer

Neue Synagoge in ältester Gemeinde

Festlich eröffnet: Bundespräsident Christian Wulff nennt blühendes jüdisches Leben in Deutschland ein »Geschenk«. Foto: ddp

Auf den Tag genau drei Jahre nach der Grundsteinlegung ist am 73. Jahrestag der Pogromnacht die neue Synagoge Speyer eröffnet worden. Das darin ersichtliche aufblühende jüdische Leben in Deutschland nannte Bundespräsident Christian Wulff »ein Geschenk«. Der 9. November erinnere an das grausamste Kapitel der deutschen Geschichte, sei aber auch ein Mut machender Tag der Zuversicht und der Hoffnung.

»Wir freuen uns darüber, dass neue Synagogen gebaut werden, dass in ihnen gebetet wird und das Gotteslob erklingt«, sagte Wulff bei der feierlichen Eröffnung am 9. November. »Diese moderne Synagoge ist Verheißung einer neuen und dauerhaften Präsenz jüdischen Lebens in Speyer. Hoffentlich haben wir für immer aus unserer Geschichte gelernt.«

Chance Rheinland‐Pfalz’ Ministerpräsident Kurt Beck, neben mehreren Ministern und Vertretern aus Fraktionen des Landtages bei der Feier, sah das Haus als »Zeichen guten Willens, die Zukunft zu gestalten«. »Willkommen zu Hause«, rief Speyers Oberbürgermeister Hansjörg Eger dem Vorsitzenden der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz, Israel Epstein, und Geschäftsführer Daniel Nemirovsky zu. Er erinnerte an die jüdische Tradition und wünschte, dass das Haus Chance sei, den konstruktiven Dialog der Religionsgemeinschaften zu führen.

»Der Name ›Haus des Friedens‹, ›Beith Schalom‹, ist ein Programm, das wir von ganzem Herzen unterstützen«, sagte der katholische Bischof von Speyer, Karl‐Heinz Wiesemann. Kirchenpräsident Christian Schad sieht die Versöhnungsaufgabe mit dem jüdischen Volk »noch lange nicht erfüllt«. Die Synagoge könne einen Beitrag dazu leisten.

Grußworte sprachen auch der Generalkonsul des Staates Israel, Tibor Shalev Schlosser, und der Präsident der Konferenz Europäischer Rabbiner, Pinchas Goldschmidt. Er pries die Bedeutung Speyers in der jüdischen Geschichte, sprach aber auch von der »nicht allzu großen Stadt abseits der Touristenströme«. Für Architekt Alfred Jacoby (Frankfurt/Main) stellt sich Speyer mit dem Neubau wieder seiner Geschichte.

Kritik Scharf kritisiert hat die Jüdische Gemeinde Speyer e.V. die Umstände der Eröffnung. Unter Bezugnahme auf ein Interview mit Alt‐Oberbürgermeister Werner Schineller betonte ihre Vorsitzende Juliana Korovai in einer schriftlichen Stellungnahme, »dass die Kultusgemeinde der Rheinpfalz nicht für alle Speyerer Juden sprechen kann und insbesondere nicht für die jüdische Gemeinde, die in Speyer die Rechtsnachfolgerin der jüdischen Gemeinde vor der Schoa ist«. Sie warf der Kultusgemeinde »systematische Ausgrenzung« vor. Ihrer Gemeinde sei keine Nutzungsmöglichkeit der Synagoge eingeräumt, niemand zur Einweihung eingeladen worden.

Dazu erklärte der Geschäftsführer der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz, Nemirovsky: »Es gibt keine anerkannte jüdische Gemeinde Speyer. Wir haben dem privaten Verein schon einige Male vergeblich die Hand gereicht. Grundsätzlich steht die Synagoge allen Menschen offen.«

Hype Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, betonte in einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur, dass in der »medialen Aufblähung« von Synagogenbauten ein Zeichen nach wie vor fehlender Normalität liege. Verglichen mit christlichen Kirchen und auch Moscheen seien Synagogen zahlenmäßig eigentlich eine »marginale Baugattung«.

Man dürfe nicht vergessen, dass es vor dem Krieg in Deutschland rund 3.000 Synagogen und Betstuben gegeben habe, fügte Korn hinzu, der selbst Architekt ist und die Frankfurter Synagoge gebaut hat. Heute seien es vielleicht 100, von denen zwei Dutzend nach 1989 errichtet worden seien.

Die alte Synagoge in der Heydenreichstraße war am 9. November 1938 von SA‐ und SS‐Schergen ausgeplündert worden. Sie stahlen kostbare Gewänder, wertvolle Teppiche, rituelle Gegenstände und die Bibliothek. Danach steckten sie das Gebäude in Brand.

Friedlicher Wechsel 73 Jahre später steht auf dem Gelände der nicht mehr genutzten St.-Guido-Kirche die Synagoge »Beith‐Schalom«. Der neue dreigeschossige Bau besteht aus einem Gebetsraum in Ellipsenform mit Platz für rund 110 Beter sowie einem Gemeindezentrum. 3,5 Millionen Euro hat das Projekt gekostet. Die Jüdische Kultusgemeinde beteiligte sich mit 750.000 Euro, das Land steuerte 1,65 Millionen Euro bei.

Die Stadt stellte das Grundstück zur Verfügung und unterstützte den Bau mit 555.000 Euro. Letztlich kostete die Synagoge eine Million mehr als geplant. Schuld waren der harte Winter 2010/11, Mängel in der Bausubstanz und Abstimmungsprobleme. Mit der Eröffnung der neuen Synagoge sind die Jahre der provisorischen Lösungen für die älteste jüdische Gemeinde in Deutschland vorbei.

Vollendung Für den Geschäftsführer der Kultusgemeinde, Daniel Nemirovsky, ist das neue Gotteshaus die »symbolische Vollendung einer historischen Kette, die zu der früheren Schum‐Stadt Speyer führt«, wie er vor der Einweihung sagte. Diese Städte Speyer, Worms und Mainz hätten die Geschichte und Kultur des westeuropäischen Judentums geprägt.

Zur Synagogeneröffnung war auch der mittlerweile 80‐jährige Jack Mayer aus den USA, ein Zeitzeuge des Holocaust, gekommen. Mayer, 1930 in Speyer geboren, war im Frühjahr 1938 zusammen mit seiner Mutter und dem älteren Bruder in die USA geflohen. Es war sein ausdrücklicher Wunsch, aus diesem Anlass nach Speyer zu kommen.

Höchststand »Für die jüdische Welt gewinnt Speyer zunehmend an Bedeutung«, sagte Israel Epstein, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz. Die neue Synagoge ist ein Eckpfeiler in einer Reihe von Projekten zur Wiederbelebung jüdischer Tradition in der Stadt, zu denen auch das 2010 eröffnete jüdische Museum auf dem Gelände des Judenhofs gehört. Dazu passt, dass die Zahl der jüdischen Bürger in Speyer mit 150 auf einem Nachkriegs‐Höchststand ist. In den letzten 20 Jahren ist die Zahl gestiegen.

Für die musikalische Umrahmung sorgten der Pianist David Serebrjanik und der Erste Geiger am Nationaltheater Mannheim, Philipp von Piechowski. Der Violinist hatte zum Anlass ein jüdisches Klagelied komponiert. Der Chor der jüdischen Kultusgemeinde, verstärkt durch den Organisten der Gedächtniskirche, Robert Sattelberger, sang zum Tora‐Umzug.

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