Ausstellung

Neue Heimat

Die Vernissage begann mit einer Entschuldigung. Viel früher schon hätten jene jüdischen Künstler die Aufmerksamkeit der Berliner Gemeinde verdient, bekannte deren Vorsitzender Gideon Joffe am Vorabend der Jüdischen Kulturtage 2019.

¿¡Angekommen!?, eine imposante Gemeinschaftsausstellung von 20 Künstlern mit 70 Exponaten im Centrum Judaicum, ist die umfassendste Werkschau jüdischer, aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Berlin emigrierter Künstler. Nahezu alle Gattungen der Bildenden Kunst sind vertreten: Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen und Installationen.

So unterschiedlich die Werke, so verschieden sind auch die Lebenswege der Künstler aus der Ukraine, Russland, Kasachstan, Georgien. Dabei gibt es allerdings eine Gemeinsamkeit: Sie alle emigrierten – wie 200.000 weitere Juden aus der früheren Sowjetunion – zwischen 1991 und 2004 nach Deutschland. So erklären sich auch die doppelten Satzzeichen im Titel der Ausstellung.

KÜNSTLERGRUPPE Aber reicht dies als Gemeinsamkeit aus, um eine thematisch homogene Werkschau zu gestalten? Eine Antwort darauf versucht der Kurator Michael Bensman, der selbst mit zwei Installationen vertreten ist: »Die Schwierigkeit bei dieser Ausstellung bestand in den verschiedenen Techniken.« Deshalb habe er die Schau in zwei Bereiche aufgeteilt.

»Da ist auf der einen Seite die traditionelle akademische und auf der anderen die modernere Kunst«, sagt Bensman. Auch religiöse oder explizit jüdische Themen werden hier neben säkularer Kunst präsentiert. Gemeinsam hat man sich zu der Künstlergruppe »Arche Neu« zusammengefunden, wobei allein der Name schon zur Vielfalt verpflichtet.

Die aus der Ukraine stammende Kateryna Yerokina etwa hat die biblischen Frauengestalten als Sujet für sich entdeckt. Mit Bleistift zeichnete sie auf großformatige Hartfaserplatten Batseba als engelsgleiche Schönheit, Ruth als naturverbundene Sinnlichkeit und Debora als eine mit Schriftrollen und Speer bewaffnete strenge Richterin.

Neben Zeichnungen von Batseba, Ruth und Deborah hängt ein geöffneter Koffer.

Gleich daneben hängt ein geöffneter Koffer an der Wand, aus dem Michael Bensman in Zeitungspapier eingewickelte Gipsköpfe rollen lässt, die mit verschiedenen Accessoires zu adjektiven Persönlichkeiten wie »den Reisenden«, »den Hörenden«, »den Radfahrenden« werden – eine verspielte Installation, die optisch an die innovative Kunst der frühen Sowjetunion vor der Stalin-Ära erinnert.

Der aus Kasachstan stammende Dmitrij Schurbin erschuf in großformatigen Ölgemälden fantasievolle Bilderwelten, in denen es ihm gelang, den Stil des 18. Jahrhunderts mit dem der Moderne zu kombinieren. Auf Gemälden aus seinem Zyklus »Die Zehn Gebote« setzt er sich mit den Versuchungen der Jetztzeit auseinander.

UNDERGROUND Der georgische Maler Thengis Rinoni hat sich längst über die Grenzen seiner Wahlheimat Berlin hinaus einen Namen als Porträtist von Frauen und Mädchen gemacht. Hier ist er mit dem Gemälde »Maria« vertreten, das ein Kind mit langen schwarzen Haaren und sentimentalem Blick darstellt. Durch eine leblos wirkende Puppe im Arm entsteht vor dem Auge des Betrachters eine verspielte Pietà.

Elena Vitzon, einst Schülerin des Moskauer Underground-Künstlers Vladimir Weisberg, kommt dem Titel der Ausstellung mit dem Bild »Am Zoo« inhaltlich am Nächsten. Mit Acryl auf Leinwand entstand das Berliner Elefantentor in farbenfroher Pop-Art – eingerahmt von historisch wirkenden Skulpturen biblischer Gestalten, deren individuelle Charakteristik sich damit erklärt, dass deren Schöpferin Ella Adamova zeitweilig ihren Meister in dem Puppentheater-Regisseur Sergej Obraszov gefunden hatte.

So wird die Purim-Geschichte durch Haman als dümmlicher Affe, Esther als jugendliche Grazie und Ahasveros als selbstbewusster, aber auch sensibler Machtmensch dargestellt.

SCHTETL Angekommen in der westlichen Kunstwelt ist die aus Georgien stammende Liane Nakashidse längst. In den vergangenen Jahren hat sie ihre surrealistisch anmutenden Traumszenen in Öl auf Leinwand in zahlreichen Ausstellungen zwischen Oslo und Zürich gezeigt. Ihre Gemälde benötigen große Räume, da sie ihre räumliche Tiefe erst bei der Betrachtung aus einiger Entfernung entfalten. So ist es auch bei den Bildern. »Die Zeit vergeht mit unserer Kindheit« und »Ronja«, auf denen im Hintergrund die unübersehbare Zuneigung der Künstlerin zum klassischen Ballett zu erkennen ist.

In einer Vitrine sind mit dem Pinsel gefertigte Tuschzeichnungen ausgestellt, auf denen der international bekannte Grafiker, Illustrator und Videokünstler Alexander Pavlenko mit wenigen Strichen die untergegangene Welt des Schtetl charakterisiert. Thematisch dazu passend sind gleich daneben die Arbeiten des aus der Ukraine stammenden Künstlers Anatoliy Sherstyuk ausgestellt. In filigranen Silberskulpturen auf grünem Marmorsockel werden jüdische Handwerker und Fischer in typischen Posen bei der Arbeit gezeigt.

Die Arbeiten entstanden kurz nach ihrer Ankunft im Jahr 1991 – sie transportieren das Gefühl der Verlorenheit und Unsicherheit.

Irina Ryskovas Zeichnungen ist anzusehen, dass sie viele Jahre als Kostümbildnerin am Theater und beim Film gearbeitet hat. Die Aquarelle mit Titeln wie »Rendezvous« oder »Koketterie« sowie einzelne Charaktere wie »Dandy« oder »Rabbi« sind allesamt klassische Figurine, wie man sie üblicherweise in den Gewandmeistereien von Theatern antrifft. Darüber hinaus aber sind diese grafischen Blätter auch dekorative kleine Kunstwerke.

Ludmila Tchlakichvili ist eigentlich diplomierte Kunstkeramikerin. In dieser Ausstellung aber ist sie mit dem in einer Mischform von Tuschzeichnung und Aquarell entstandenem Grafikzyklus »Menschen im Wind« vertreten. Die Arbeiten entstanden kurz nach ihrer Ankunft im Jahr 1991 – sie transportieren das Gefühl der Verlorenheit und Unsicherheit, die sie nach ihrer Ankunft empfand.

Die Ausstellung ist noch bis zum 6. Januar 2020 im Centrum Judaicum zu sehen.

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