Lernen

Nachts in der Synagoge

Verlegerin Myriam Halberstam diskutiert mit den Schülern des Moses-Mendelssohn-Gymnasiums Geschichten aus der Tora. Foto: Uwe Steinert

»Wir freuen uns, Arved Ben Ralph auf die Bima zu rufen!« Aufgeregt stehen zwei Sechstklässler des Berliner Moses-Mendelssohn-Gymnasiums auf der Bühne der Synagoge Pestalozzistraße und warten, bis Arved – ein Junge mit schwarzer Kippa – seinen Platz am Pult einnimmt. Die Elf- und Zwölfjährigen gestalten einen Lesemarathon der besonderen Art: Vier Tage vor Schawuot lesen die Schüler – fast die gesamte Klasse 6 G – von 20 bis 23 Uhr ausgewählte Abschnitte aus der Tora, den Fünf Büchern Mose.

Bima Die Veranstaltung ist an den Tikkun Leil Schawuot angelehnt, die lange Lesenacht zum Feiertag, und imitiert zugleich die Alija, den Aufruf zur Toralesung während des Gottesdienstes. Der Anlass der Veranstaltung: In diesen Tagen erscheint im Ariella-Verlag der fünfte und letzte Band Devarim – Worte der Kindertora Erzähl es Deinen Kindern.

»Wir machen das heute nur bis 23 Uhr. Normalerweise dauert ein Tikkun die ganze Nacht«, sagt Rabbiner Jonah Sievers und gibt den Kindern eine kurze Einweisung in die Kunst des Zur-Tora-Aufgerufen-Werdens: Die ersten beiden Alijot sind für Mitglieder der Stämme Kohen und Levi reserviert, erklärt Sievers, »und dann schaut man, wer gerade Geburtstag hat, wer krank war oder einen Verwandten verloren hat. Einer muss jedenfalls da sein, der den Überblick hat und der dem Rabbiner sagt, wer lesen soll.«

Doch Sievers muss keine langen Erklärungen abgeben. Zwar besuchen nicht alle Schüler regelmäßig eine Synagoge – doch wirken sie auf der Bima fast so geübt, als würden sie jeden Schabbat zur Tora aufgerufen.

druckfrisch Der zwölfjährige Ruven kennt die Brachot, die Segenssprüche zum Toraaufruf, schon aus seinem Barmizwa-Unterricht – und aus der Synagoge Joachimsthaler Straße, die er mit seiner Familie öfters besucht. Der Schüler mit der blauen Kippa intoniert die Melodie der ersten Bracha perfekt: »Baruch haschem hamevorach le-olam va-ed!« Kurz darauf wird Michelle bat Evgeni zur Tora aufgerufen. Im Laufe des Abends erhalten fast alle Jungen und Mädchen aus der Klasse eine Probe-Alija.

»Ihr habt ja alles unter Kontrolle und macht schon euren eigenen Gottesdienst«, lobt Myriam Halberstam, Gründerin des Ariella-Verlags für jüdische Kinderbücher, die den Lesemarathon gemeinsam mit dem Moses-Mendelssohn-Gymnasium und der Synagoge Pestalozzistraße organisiert hat. Was Myriam Halberstam besonders freut: Genau an diesem Tag sind die ersten drei Exemplare von Devarim – Worte druckfrisch per Express aus Israel eingetroffen. Weitere Exemplare werden in den kommenden Wochen per Schiff folgen.

Das Projekt Kindertora wird vom Zentralrat der Juden in Deutschland unterstützt. Band 1 Bereschit – Am Anfang war im Frühjahr 2014 erschienen und wurde von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur als »Buch des Monats« ausgezeichnet.

vermittlung In ihrer Einführung zu Band 5 schreiben die Herausgeber Hanna Liss, Professorin für Bibel und Bibelauslegung an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, und ihr Mann, der Theologe und Judaist Bruno Landthaler: »Mit dem fünften Buch unserer Torah für Kinder beschließen wir ein Projekt, das auf dem deutschsprachigen Kinderbibelmarkt – sowohl christlichen als auch jüdischen – einmalig ist und viel Resonanz hervorgerufen hat.«

Man habe die Tora »nicht in leicht verdaulichen Häppchen serviert, sondern durchaus auch Brocken vorgesetzt«. Wenn Kinder von schwierigen biblischen Stoffen verschont blieben, dann »drücken in erster Linie auch wir Erwachsene uns um die Auseinandersetzung und die Aufgabe der Vermittlung«, so Liss und Landthaler.

steintafeln Den Schülern in der Synagoge Pestalozzistraße ist trotz später Stunde die Freude an der Auseinandersetzung anzumerken. Aus den fünf Bänden der Tora Erzähl es Deinen Kindern lesen sie einzelne Abschnitte – auf Deutsch, aber manche Kinder auch in fließendem Hebräisch.

Kurz vor 22 Uhr sind sie bei den Zehn Geboten angekommen, die Mosche laut Tradition an Schawuot am Berg Sinai auf zwei Steintafeln ausgehändigt wurden. Und dann gibt es noch einen kurzen Text darüber, dass die Zehn Gebote als »Zehn Artikel der Großen Freiheit« betrachtet werden sollten – und nicht als Zwang oder Einschränkung.

»Schkoyach!«, freut sich Ruven über die gelungene Toralesung und steigt zufrieden von der Bima. »Ich hätte nicht gedacht, dass es so cool wird«, sagt er kurz darauf. Eine andere Schülerin findet: »Das war wie ein Rollenspiel, es hat wirklich Spaß gemacht, weil wir alle beteiligt waren.« Nach einem koscheren Imbiss beginnt der zweite Teil der Lesung, bevor die Schülerinnen und Schüler auf zwei verschiedenen Seiten des Kidduschraums der Synagoge übernachten.

experiment Natürlich habe es eine Weile gedauert, bis alle ruhig waren, berichtet Nina Sasportas, Religions- und Klassenlehrerin der 6 G am Moses-Mendelssohn-Gymnasium, anschließend vom Ausgang der Übernachtung. »Wir haben im Kidduschraum bis viertel nach zwölf weitergelesen, aus allen Büchern der Tora. Zum Schluss habe ich die Kinder in den Schlaf gelesen.« Um 6.15 Uhr morgens seien alle wieder wach gewesen und hätten den Morgen mit Gesängen von »David Melech Israel« und »Gescher Zar Meod« begrüßt.

Übernachtung und Toralesung in der Synagoge: Die Schüler der 6 G und ihre Religionslehrerin sind mit dem Experiment hochzufrieden – und womöglich bleibt es nicht bei dem einen Mal. »Es hat wirklich Spaß gemacht«, sagt die zwölfjährige Michelle. Sie gibt aber auch offen zu, dass sie einmal auf der Synagogenbank kurz eingenickt ist, während ihre Mitschüler aus der Tora vorgetragen haben.

»Erzähl es Deinen Kindern – Die Torah in fünf Bänden« Übertragen von Hanna Liss und Bruno Landthaler. Ariella, Berlin 2014–2016, je 128 S. Einzeln lieferbar für 24,80 € oder als Gesamtedition für 140 €.

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