Esslingen

Nach Hause kommen

Beobachtet: Rabbiner Yehuda Pushkin befestigt die Mesusa am Türpfosten. Foto: Frank Eppler

Die segnenden Hände der Kohanim als metallenes Kunstwerk an der Eingangstür, seit letzten Sonntag auch eine Mesusa: Das Fachwerkhaus Im Heppächer 3 in Esslingen am Neckar ist seit seiner Wiedereröffnung als jüdische Einrichtung nicht mehr zu übersehen. Mehr als 120 interessierte Bürger, darunter Vertreter der drei monotheistischen Religionen, nahmen an der offiziellen Eröffnung des neuen Gemeindezentrums mit Betsaal der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) teil.

Mit einem Erbbauvertrag über 100 Jahre sichert die Kreisstadt Esslingen ihren etwa 250 jüdischen Bürgern das Recht auf Ausübung der Religion im Herzen der Altstadt zu. Und die Stadträte hätten ihr »beherztes Ja« dazu gegeben, sagte Barbara Traub, Sprecherin des Vorstands der IRGW.

Symbol »Dieses Haus hat höchste Symbolkraft, es atmet wie kein anderes in der Stadt die Geschichte von Juden und Nichtjuden«, sagte Oberbürgermeister Jürgen Zieger. Die Stadt hatte der IRGW für das Esslinger Gemeindezentrum einen neuen Toraschrein gespendet. Das Geschenk, so das Stadtoberhaupt, sei »ein Zeichen des Wissens auch um das, was hier zerstört und verloren wurde«.

Dreimal war jüdisches Leben in Esslingen ausgelöscht worden: 1348 wurden Juden in der Pestzeit verfolgt, im 16. Jahrhundert wurden sie ausgewiesen, in der Nazizeit verfolgt und ermordet. Erst mit der Zuwanderung in den 90er‐Jahren aus den Ländern der GUS regte sich wieder jüdisches Leben in der etwa zehn Kilometer von Stuttgart entfernten Kreisstadt.

Das dreistöckige, prachtvolle Fachwerkhaus war im 19. Jahrhundert vor seiner Nutzung als jüdisches Bethaus Sitz der Schneider‐Zunft, in der Nazizeit wurde es zweckentfremdet genutzt, nach dem Zweiten Weltkrieg zuletzt als private Galerie geführt. »Es wird Zeit, Engagement und geistige Arbeit brauchen, bis sich hier wieder ein spirituelles Zentrum entwickelt«, sagte Rabbiner Yehuda Pushkin vor der Befestigung der Mesusa.

Unvorstellbar »Dass hier wieder jüdisches Leben sein kann, war noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar«, betonte auch Margret Ruep zur Eröffnung. Die Vertreterin der Landesregierung Baden‐Württemberg begrüßte die Vielfalt der Religionen und Kulturen. »Freiheit braucht Entwicklung«, sagte Ruep.

Im Auftrag des Lehrhauses Stuttgart übergab Meinhard M. Tenné, Grandseigneur der IRGW, ein neues Torapult als Geschenk. Mit dem 30. Psalm Davids erinnerte Netanel Wurmser an die Höhen und Tiefen jüdischer Existenz. Der Landesrabbiner der IRGW nannte die Wiedereröffnung der Synagoge einen historischen Tag. Wenige Meter von der Judengasse entfernt, möge sich wieder jüdisches Leben regen und entwickeln.

»Große Probleme macht uns allerdings, was am rechten Rand der Gesellschaft geschieht«, warnte Wurmser. Wie recht der Landesrabbiner hat, beweist ein auf dem Bürgersteig der Ritterstraße nicht zu übersehendes, weil tief eingeritztes antisemitisches Symbol (»Judenstern« mit Hakenkreuzen). Bisher hat sich in der viel frequentierten Straße daran offensichtlich niemand gestört.

 

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