Legida

Mulmiges Gefühl

Demonstrieren in Leipzig Foto: imago

Legida

Mulmiges Gefühl

Seit einem Jahr verbreitet die Organisation Unruhe – Gemeindemitglieder sind zunehmend besorgt

von Thyra Veyder-Malberg  26.01.2016 21:30 Uhr

Leipzig sorgt derzeit für reichlich negative Schlagzeilen: Seit gut einem Jahr macht Legida Stimmung gegen Muslime, Flüchtlinge und Andersdenkende. Als der Leipziger Pegida-Ableger am 11. Januar sein einjähriges Jubiläum feierte, verwüsteten zudem rund 250 Nazi-Hooligans den Stadtteil Connewitz. Einen Monat zuvor hatten Linksautonome am Rande einer Nazidemo randaliert und sich Straßenschlachten mit der Polizei geliefert. Und Leipzigs Oberbürgermeister ist längst nicht mehr der einzige Politiker in der Stadt, der Morddrohungen erhält. Der Ton in der politischen Auseinandersetzung ist schrill geworden.

So richtig gern redet unter den Mitgliedern der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig niemand darüber, wie es ihnen angesichts dieser Gemengelage geht. »Wenn Sie mich fragen, wie ich mich fühle, dann sage ich klar und deutlich: Ich habe in Deutschland die gleichen Sorgen wie alle Menschen, die in Deutschland leben«, sagt der Vorsitzende Küf Kaufmann.

Ein besonderes Sicherheitsproblem in seiner Heimatstadt sieht er nicht – im Gegenteil. Immerhin ist der heutige Leipziger Polizeipräsident Bernd Merbitz 2009 wegen seines Engagements gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus vom Zentralrat der Juden mit dem Paul-Spiegel-Preis ausgezeichnet worden. »Und er bleibt ein aktiver, engagierter Kämpfer«, betont der Gemeindevorsitzende.

Plan B Doch etwas Verunsicherung hat sich schon breitgemacht: »Langsam ist es so, dass ich zwar keine Angst habe, aber schon einen Plan B für mich und meine Familie haben muss«, sagt Marina, die im Kulturzentrum arbeitet und Mutter von zwei Kindern ist. »Plan B« – das hieße Auswandern. Derzeit könne man aber in Leipzig ruhig leben, sagt sie, zumal sie und ihre Familie nicht als Juden zu erkennen sind. Das heißt aber auch, dass sie ihren Sohn nicht mit Kippa auf die Straße lassen würde. »Ich will nicht morgen auswandern«, sagt sie einschränkend. Doch seit rund einem Jahr macht sie sich Gedanken: »Ich überlege einfach, was wäre, wenn man ganz schnell die Sachen packen und weg muss.«

Pablo Esquinazi dagegen glaubt, dass Deutschland für Juden eines der sichersten Länder Europas ist – aber auch er rät davon ab, sich öffentlich als Jude zu erkennen zu geben. Der Physikprofessor ist viel herumgekommen, und »mit wenigen Ausnahmen existiert der Antisemitismus überall, und man sollte vorsichtig sein. Aber das hätte ich schon vor 20 Jahren geantwortet und werde es vermutlich die nächsten 100 Jahre tun.« Pe-, Le- und sonstige -gidas machen ihm daher auch weniger als Jude, sondern als Bürger Deutschlands Sorgen.

Importierter Antisemitismus Doch es sind nicht nur Legida und die Randale, die die Leipziger Juden verunsichern, sondern auch die Flüchtlinge, die derzeit zu Tausenden in Deutschland Schutz suchen. Doch auch hier gilt: Man ist eher skeptisch als ängstlich. Und so wiegt Gemeindevorsitzender Küf Kaufmann auf die Frage nach Geflüchteten aus Ländern, in denen Antisemitismus gewissermaßen zur Staatsräson gehört, seine Worte sorgsam ab: »Ich schließe nicht aus, dass zu den bestehenden rechtsradikalen Denkweisen zusätzlich noch importierter Antisemitismus kommt.« Allen Gesprächspartnern geht es offensichtlich darum, ein mögliches Problem konstruktiv zu diskutieren, anstatt Pauschalverurteilungen Vorschub zu leisten.

Doch egal, ob importierter oder einheimischer Antisemitismus, Kaufmann ist sicher, dass die Stadtgesellschaft das Problem in den Griff bekommt: »›Jude‹ ist ein gewöhnliches Angriffsobjekt. Diese ›Tradition‹ existiert schon Tausende Jahre und wird nicht auf einmal beseitigt. Wir freuen uns, dass wir in dieser Gesellschaft nicht allein gelassen sind, und zusammen mit mehreren nichtjüdischen Mitbürgern widerstehen wir jeder Art von menschenfeindlicher Ideologie.«

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