Frankfurt

Mizwa und Dank

Die Brüder Harry (2.v.l.) und Jakob Schnabel haben die Tora gespendet. Die Rabbiner Julian-Chaim Soussen (l.) und Avichai Apel freuen sich. Foto: Rafael Herlich

Der Andrang im Stibl der Frankfurter Westend-Synagoge ist groß. Klarinettenklänge untermalen die feierliche Stimmung. Von Männern und Frauen umringt, beugt sich ein grauhaariger Mann konzentriert über eine Torarolle. Mit Feder und Tinte setzt er hebräische Buchstaben auf das Pergament. Bisweilen darf ein männliches Gemeindemitglied seine Hand von ihm führen lassen. Sofer Shlomo Levi ist aus Holon nach Frankfurt gekommen, um die neue Torarolle zu vollenden.

Gespendet wurde sie von den Brüdern Harry und Jakob Schnabel und ihren Familien. Harry Schnabel, Mitglied im Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und im Präsidium des Zentralrats der Juden, erzählt, wie es zu der Spende kam. Unlängst habe Gemeinderabbiner Avichai Apel gesagt, dass es zwar zehn Torarollen im Aron Hakodesch der Westend-Synagoge gebe, dass aber nur drei koscher seien.

Verbundenheit Für die Schnabels war dies ein Grund, eine neue Torarolle zu spenden. Hinzu kam ein persönliches Motiv. »Es gibt keine angemessenere und schönere Art, unsere Verbundenheit mit der Frankfurter Gemeinde auszudrücken«, sagt Harry Schnabel. »Wir wurden hier geboren, unsere Kinder ebenfalls.« Inzwischen gibt es auch eine Enkelin.

»Diese Gemeinde hat mit allen ihren Einrichtungen dafür gesorgt, dass wir unser traditionelles Judentum, so, wie wir es für angemessen halten, pflegen können«, sagt Schnabel. Am Sonntagvormittag steht er neben seinem Bruder, den Vorstandskollegen und Gemeinderabbinern hinter dem Toraschreiber.

Salomon Korn, Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Gemeinde, betont die Bedeutung des Ereignisses.

Salomon Korn, Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Gemeinde, betont die Bedeutung des Ereignisses. »Die Beendigung einer Tora ist eine große Mizwa im Judentum.« Die letzte Einbringung einer neuen Torarolle liege in Frankfurt 20 Jahre zurück. »Deswegen ist es für uns eine große Freude, dass wir heute wieder dieses wunderbare Ereignis feiern können«, sagt Korn. Die Tora sei die »portative Heimat« der Juden, zitiert er Heinrich Heine.

Stärkung Avichai Apel freut sich sichtlich über die neue Torarolle. »Es belebt unsere Gemeinde und gibt uns Stärke in unseren Herzen für die Zukunft«, sagt der Rabbiner. Nachdem die letzten Buchstaben gesetzt wurden, verkündet Apel die Vollendung der Tora. Feierlicher Gesang erfüllt nun den Raum. Die Rolle wird in einen Mantel gehüllt und mit einer Krone versehen. Mazal-tow-Rufe hallen durch den Raum.

Unter einer violetten Chuppa tragen zunächst Harry und Jakob Schnabel die neue Rolle nach draußen. Von ausgelassen singengen und tanzenden Gemeindemitgliedern begleitet, tritt sie ihren Weg in die Westend-Synagoge an. Passanten bleiben stehen, fotografieren die Szene, fragen neugierig, was hier geschieht.

Gedenken Noch vor dem Eingang wird die neue Tora von den drei anderen Rollen in Empfang genommen. Drinnen begleitet Kantor Yoni Rose ihre anschließende Einbringung in den Aron Hakodesch mit Gebeten. Viele Gemeindemitglieder stimmen ein. Jakob Schnabel gedenkt seiner Eltern, die, aus einem kleinen polnischen Schtetl stammend, als Schoa-Überlebende nach Frankfurt kamen. Und er erinnert an verstorbene enge Familienmitglieder.

»Eine Spende, eine Gabe ist etwas, was das Herz des Judentums lebendig hält«, betont Gemeinderabbiner Julian-Chaim Soussan. Mit einem Satz fasst er womöglich die Gefühle vieler Teilnehmer zusammen: »Es war wie das Glück, dabei zu sein, wenn ein Kind geboren wird.«

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