Schule

Mit viel Stolz

Dieses Mal war einiges anders bei der Abiturientenfeier. Sie fand erst im Juli statt, sodass niemand wegen Nachprüfung fehlte. Die traditionelle Berlinreise war kein Tagesausflug, sondern mit Übernachtung ein genussvolles dreitägiges Beisammensein, dokumentiert in einem Film, der zum Finale vor dem Verteilen der Buchgeschenke gezeigt wurde.

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch empfing die 13 Abiturienten und Abiturientinnen, ihre Eltern, Großeltern, Geschwister und Freunde, Vertreter aus dem Kultusministerium, Schuldirektoren sowie die Rabbiner und die Lehrkräfte Chani Diskin, German Djanatliev und Michaela Rychlá, die durch das Programm führte, im Hubert-Burda-Saal. Vom IKG-Vorstand mit dabei waren Daniel Salzer und Vizepräsident Ariel Kligman, dessen Enkelin Michelle seit jeher Schulstress mit Klavierspielen kompensierte und den festlichen Abend mit Stücken von Johann Sebastian Bach und Astor Piazzolla eindrucksvoll umrahmte.

Reise Nicht neu ist das Gefühl der Vorfreude, das sich bei Charlotte Knobloch jedes Jahr auf »eine der schönsten Pflichten, die ich als Präsidentin unserer Gemeinde habe« einstellt: »das Privileg, dass ich den Abiturienten aus unserem Hause zu ihrem bestandenen Schulabschluss gratulieren darf«. In ihrer Laudatio auf die erfolgreichen sieben männlichen und sechs weiblichen Schulabgänger wies sie darauf hin, dass eine zwölfjährige Reise zu Ende gegangen sei, der nun eine weit längere folgen werde, »auf der Suche nach eurem Platz in der Welt«.

Ihre Hoffnung sei, dass die guten Momente überwiegen mögen, dass alle jedoch immer willkommen seien in der IKG. Sie betonte: »Wenn ihr jetzt die Schule verlasst, geht ihr hinaus nicht nur als Erwachsene, sondern als Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft und als Träger unserer gemeinsamen jüdischen Tradition.« Diese Tradition zu pflegen und zu bewahren, sei das Kostbarste, »das wir haben, und niemand kann sie euch nehmen – ich wünsche mir und euch, dass ihr dieser Verantwortung überall in der Welt gerecht werdet.«

In ihrem Dank an das Lehrerkollegium schloss Knobloch die Erinnerung an Marcus Schroll sel. A. (1969–2017) ein, der für diesen Jahrgang noch das pädagogische Fundament für Jüdische Religionslehre als Abiturfach gelegt hatte. Dem aus dem Luitpold-Gymnasium in den Ruhestand ausscheidenden Direktor Bernd Hieronymus überreichte sie zum Abschied und als Dank für seine »Geduld und Feinfühligkeit« in schwierigen Zeiten die Ohel-Jakob-Synagoge als Glasskulptur. Rabbiner Shmuel Aharon Brodman appellierte an die jungen Leute: »Weiter so, bringt euren Familien viel ›Naches‹« (Hebräisch Stolz, Ehre).

dank »Wehmütig und stolz« wandte sich Michaela Rychlá an ihre »Kinder«, die die leidenschaftliche Lehrerin zum Teil sechs Jahre lang unterrichtete. Ihr Dank galt aber auch Rebbezin Chani Diskin, »ohne deren Basisarbeit man oben hätte gar nichts ausrichten können«. Und sie dankte German Djanatliev, Jugendleiter der Jüdischen Gemeinde in Nürnberg und Religionslehrer, der vor einem Jahr kurzfristig einsprang, um den Abiturjahrgang 2018 gut durch den Prüfungsstress zu bringen.

Seine Ansprache an die Schulabgänger unter dem Motto »Jüdische Schule – Überlegungen zum jüdischen Religionsunterricht in der Gegenwart« zeigte, dass er in den Fußstapfen von Marcus Schroll sel. A. fortfahren konnte, weil er ebenso leidenschaftlich, bodenständig, humorvoll und voller jüdischem Wissen ist. Djanatliev wies darauf hin, dass es akademisch Gebildete gebe, die ihr jüdisches Lernen mit der Barmizwa eingestellt hätten und damit faktisch auf dem Wissensstand von 13-Jährigen blieben.

Zu einem inspirierenden Religionsunterricht gehören für ihn neben dem Einhalten von Lehrplanvorgaben und Wissensvermittlung »politische Aufklärung, Analyse des aktuellen Weltgeschehens, Finanzethik, Einsicht in die Entwicklung jüdischer Identität und des Staates Israel«. »Hingabe« ist offensichtlich sein Credo für einen engagierten Lehrer. Wissen und Selbstbewusstsein und oft auch Mut ist das, was es bei den Schülern zu stärken gilt, »wenn man sich heute in der Schule zu seiner jüdischen Identität bekennt«. Während »Jude« vielerorts wieder als Schimpfwort benutzt werde, solle man das Wort des Propheten Jona bedenken: »Ivri Anochi – Jude bin ich.«

Thesen Das Lernniveau spiegelte sich in den drei vorgestellten Seminararbeiten wider. Sharon Rosenau stellte Thesen auf zu den Folgen der durch die NS-Zeit verursachten Veränderungen jüdischen Lebens in Deutschland, dargestellt an der vorhandenen beziehungsweise nicht mehr vorhandenen religiösen Praxis junger Juden. Nathan Skibinski, der Biologie an der TU studieren wird, untersuchte die »Reconquista« und deren Auswirkungen auf die Lebensbedingungen der Juden in Spanien.

Jonathan Alfred sprach über »Chancen und Herausforderungen der Emanzipation der Juden in Europa im 19. Jahrhundert« so eloquent und strukturiert, dass man erwarten könnte, er werde Jura wie sein ein Jahr zuvor maturierter Bruder Benjamin studieren. Doch Jonathan will, auch eine Alfredsche Familientradition, lieber Arzt werden.

Es gibt verschiedene Arten, seinen Dank auszudrücken. Uri Sharell tat dies am Cello, begleitet von seiner Mutter Francoise am Klavier mit dem Libertango von Astor Piazzolla. Lien Bruck und Shani Birnbaum taten es in ihrer Danksagung mit einem Andenken – der Erinnerung an Marcus Schroll sel. A., den sie noch zwei Tage vor seinem Tod im Krankenhaus besucht hatten – und vielen Höhepunkten von spielerischen Schabbat-Aktivitäten freitags im Kindergarten bis zum wöchentlichen Arbeitstreffen mit Lehrer German Djanatliev, der extra für sie nach München kam. Ihr Fazit: »Wir haben denken und fragen gelernt – und viele Antworten gefunden.«

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